Die Reise geht weiter

Samstag, 23.5.

Als ich Anfang April nach Hause kam, hatte ich schon seit ca. 2 Wochen neben der Erkältung mit gelbem Schnupfen 3 Nagelbettentzündungen und 2 kleine Wunden an den Fesseln, die offenbar spontan entstanden waren. Darum war ich in der letzten Woche auf Ko Tao auch nicht mehr schwimmen gegangen. (Bei den Eltern bekam ich noch solche Entzündungen auf der Zunge, die zum Glück nach zwei Tagen von selbst verschwanden.)

Über Ostern, ganz zu Hause in Rimhorn, hab ich das mit einer antibiotischen Salbe behandelt, die ich noch von der Fahrradtour im August hatte. Damals war plötzlich mein dicker Zeh entzündet gewesen. Der Plan war, mit der Creme übers OsterWE zu kommen und auf jeden Fall mal zum Arzt zu gehen. An dem Dienstag nach Ostern dann war ich hocherfreut, dass alle meine wunden, eitrigen Stellen endlich gut abheilten. Es war noch QuarantäneWoche und so bekam ich erst für eine Woche später einen Termin beim Hausarzt.
Am gleichen Tag begann mein Mittelfinger links zu schmerzen. Hab ich wahrgenommen, aber unter Rheuma eingeordnet. Zur Nacht wurde es so schlimm, Schmerzmittel (Novalgin) halfen nix, dass ich die doofe 116117 anrief.
Die geben einem nix!
Die Tante Doctor brachte mir um halb eins ein Rezept Ibu und ATB (Antibiotikum: Ciprofloxacin, die Gifthexe! Das macht einem die Sehnen kaputt und ist fast schon verboten, deswegen). Ich kann nicht fahren, jetzt, mitten in der Nacht mit höllenschmerzendem steifen Finger!
Die doofen Sprüche musste ich auch auf mich nehmen: ‚Ich kann Ihnen jetzt auch keine Freunde besorgen.‘ Und ‚Ich kann sie auch ins Krankenhaus schicken. Da rate ich Ihnen aber von ab in diesen Zeiten.‘ Und: ‚Ich geb Ihnen doch jetzt keine Lokalanästhesie.‘
Den Rest der Nacht verbringe ich stöhnend, weinend und brüllend.
Dann fahre ich zur morgendlichen Öffnung runter zur Apotheke. Ibus helfen für ca. 3 Stunden, in denen ich erschöpft in tiefen Schlaf falle. Danach überdosiere ich immer mehr.
Am Donnerstag früh schicke ich Bilder meines Fingers zum Hausarzt, der will auch nur ATB verschreiben. Ich muss auf den Nachmittag warten, um ihn wieder zu erreichen. Ich brauche JETZT was gegen die Schmerzen!
Inzwischen hatte ich einhändig einen KoTao Banana Cake gebacken, um mich abzulenken. Voll Horror.
Ich hatte schon vor den Schmerzen mit den Elteren ein Kaffetrinken für heute ausgemacht. Anstatt dorthin zu fahren, holt mein Papa mich ab und bringt mich beim Hausarzt vorbei, Überweisung holen. Denen war inzwischen eingefallen, dass des Hausarztes erste Idee zu meinem Finger gewesen war: ich soll zum Orthopäden.
Fahren wir also ganz bis nach Wertheim, weil der Orthopäde in Höchst nebenan meinen AutoUnfall vor der Reise betreut hatte und mich am Schluss scheiße fand wegen der dissoziativen Anfälle.
Auf der Fahrt brülle ich Papa ständig an, komplett außer mir.
Ich hatte mal Innenohrentzündung. Die Schmerzen jetzt sind vergleichbar. Aber länger, länger…Kettensägenmassaker!
Das muss einfach aufhören!
Der Orthopäde schickt mich postwendend zum nahegelegenen Krankenhaus.
Dort muss ich elend lange warten, habe 40°Fieber und bekomme dann eine Infusion mit Novaminsulfon!
Das wird nix helfen!!
Wieder alleingelassen versuche ich, mich über den Spruch der Assistentin ‚als Infusion ist es wirksamer‘ zu beruhigen. So lange brülle ich in dem Untersuchungszimmer wie am Spieß und drehe fast durch, weil es dauernd nach Butterkeksen und Spekulatius riecht. Ich schaue sogar in allen Fächern und Schubladen.
Endlich wirkt der Kram und mit eiskaltem Wasser überm Waschbecken bekomme ich sogar einige kostbare Minuten Schmerzfreiheit hin.
Da kommt der Arzt.
Und verschreibt mir:
Schmerzmittel und ATB!!
Ich nage ewig an ihm rum: Ich bin nicht zufrieden damit! Die Schmerzmittel werden nicht helfen! Nein, auch Ihr Opioid ist nicht wirksam genug, hatte doch schon Tramadol wegen Rheuma, das hat auch nix geholfen…etc.
Bekomme eine Schiene mit Verband und soll morgen zum Verbandswechsel wiederkommen!
Dann schicken sie mich raus. Ich muss auf dem Hof in der mittlerweile kühlen Abendluft erst noch auf Papa warten, der mittlerweile heimgefahren war.
Die Notapotheke um die Ecke nimmt die Rezepte nicht an, weil vier Punkte darauf fehlen. Papa mit mir also zurück.
Sobald ich die Medis habe, schlucke ich zuerst das Opioid Tilidin. Ah! – Om…
Über Nacht wieder recht schlimme Schmerzen, aber diesmal dank der Droge 2 Meter entfernt von mir.
Am Morgen ruft der liebe Arzt an, ich werde doch operiert, solle nüchtern bleiben.
Der Chefarzt Dr. Vögeli persönlich erklärt mir, was er tun wird, wie er schneiden wird. Ich bin so dankbar, dass er ganz klar ist und eine gute selbstbewusste Ausstrahlung hat. Vertraue ihm sofort. Endlich einer, der was tut. Und die Verheißung, dass dadurch irgendwann die Schmerzen aufhören könnten.
An diesem Freitag wird der D3 auf ganzer Länge am Rücken im Zickzack aufgeschnitten. Dabei auch das DIP (Fingerendgelenk), das ebenfalls vereitert war, geöffnet und gespült.
Am Montag drauf muss die palmare Seite folgen: im Zickzack von der Fingerspitze bis in die Mitte der Handfläche.
Zugenäht wird jeweils nur lose mit wenigen Stichen und es wird ein antibiotisches Hosengummi reingelegt.
Die Wunden schwären weiter. Besonders am Fingerrücken sieht es eine gute Woche nach der OP scheiße aus, wie eine aufgeplatzte, verbrannte Grillwurst.
Ich mache mir ernstlich Sorgen um meinen Finger. Sogar weiterhin um eine Sepsis.
Am folgenden Montag wird nochmal alles aufgeschnitten, ausgedehntes Debridement (Wundsäuberung mit Spülung und Glattschneiden der Wundränder) und zugenäht.
Drei Vollnarkosen, 2 Wochen Krankenhaus.
Bin schon seit 1.5. entlassen und muss alle zwei Tage zum Wickeln. Nehme seit 4 Wochen HammerATB. Papa fährt mich.
Weil er nicht will, dass ich Auto fahre, darf ich auch noch nicht nach Hause, muss bei den Elteren ausharren. Hat alles Vor- und Nachteile.
Gestern hat der Oberarzt gemeint, das Endgelenk könne ich wohl nicht mehr strecken, die Sehne sei eingeschmolzen. Hoffe, er hat nicht recht. Ich mache jeden Tag Bewegungsübungen. Will bald wieder Rad fahren können. Wenn die Nähte stabil genug sind und die Finger kräftig.
Ich will wieder Gitarre spielen können!
Letzten Samstag habe ich mir die letzten Fäden selbst gezogen. Der zweite Oberarzt, der zum Glück nicht operiert hatte, hat mich tags zuvor davon überzeugt, dass es besser ist, nicht mehr wieder zu kommen. Hat mir beim Fäden zerschnipseln derart weh getan, dass mir schlecht wurde.
Die Narbenpflege (und Bewegungsübungen) wird noch Monate dauern. Die Sehnen sind auf beiden Seiten fast auf ganzer Länge verklebt, der Finger ziemlich steif.
Manchmal scheinen die Narben und Verklebungen derart zu schrumpfen, dass es meinem Finger plötzlich furchtbar eng wird.
Letzte Nacht bin ich deswegen dreimal aufgewacht. Gelinde Panik, weil ich das Gefühl habe, dass ich mit Bewegungs- und Dehnungsübungen, warmen Bädern und Narbengelmassagen nicht mehr hinterher komme.
Jetztiger Stand der Dinge:
So, das war eine weitere Odyssee. Ich brauchte keine Abenteuer mehr. Hoffe, es wird nun ruhiger.
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Leben ist das mit der Freude und den Farben. Nicht das mit dem Ärger und dem Grau.