Eine lange Heimreise

Sonntag, 29.3

So, der erste Schritt klappt schon mal wunderbar. Komme ich 10 min vor der halben Stunde Eincheckzeit an. Ist der Pier zu, Boot gecanceled.

Braucht aber ne Zeit, bis mir das einer erklärt. Zum Shop, zum Glück gegenüber, Geld zurück, zum Hauptpier rennen, Formblätter ausgefüllt…und total verschwitzt aufs Schnellboot. Sieht so aus, als hätte ich den letzten Platz.

Aus meinen Nachgoogleungen weiß ich, das es das letzte Boot für heute ist.

Bye bye Koh Tao.

Gegen die Aufregung mache ich gleich auf dem Boot die Meditation.

Dann buche ich mein Hotel um, weil ich nun auf einem anderen Pier andocke. Nu lieg ich – nachdem mich Schwärme von HalloTaxiTaxis zur verzweifelten Weißglut gereitzt haben – schön gelangweilt im gemütlichen Hosteldormbett. In einer super hässlichen Stadt.

Ganz alleine zu Hause.

Montag, 30.3.

Über Nacht krabbeln Winzameisen übers Laken und über meine Arme. Da ich sie bei der NachtBeleuchtung nicht sehen kann, denke ich, ich spinne.

Mein Tagwerk für heute ist erledigt:

-Früh aufstehen, netter- und überraschenderweise ein early breakfast bekommen,

-3,5 km (noch im Schatten) zum Immigration Center laufen,

-Pass kopieren lassen, die heutige Nummer 106 bekommen (obwohl erst um 8:30 geöffnet werden wird, sind 105 Leute schon vor mir da),

-mit einem TaxiMotorrad zum neuen Hostel nahe beim Abfahrtspier (Nathon pier) fahren.

Da bin ich nun und bekomme direkt ein Mittagessen gekocht.

Übrigens läuft es jetzt visummässig so in Thailand: erst muss man sein Visum regulär verlängern. Ein normales Visa on arrival hat 30 Tage. Man darf einmal um 30 Tage verlängern.

Wenn das aus verkehrstechnischen oder anderen triftigen Gründen nicht reicht, kann man in der gegebenen besonderen Situation auch in seiner Botschaft in Thailand eine weitere Verlängerung beantragen.

Sie empfehlen, das gleich zu tun. Da ich nun aber bald meinen Flug habe, will ich erstmal abwarten, ob alles so schön klappt.

Nachmittag lazy im Bett, Fenster auf, ein wenig Wind reinlassen.

Wie erwartet, ist es auf Koh Samui noch scheiße heißer, als auf Koh Tao. Außerdem wusste ich dort halbwegs, wo ich mich im Schatten verkriechen konnte.
Vor Ort ist auf der einen Seite der mehr oder weniger baumlose, jedenfalls schattenlose Strand.

Und auf der anderen die dicke Straße.

Erschwerend kommt hinzu, dass ich abends seit 3 Tagen ätzende Schmerzen bekomme und ich mich ja von Überhitzung fernhalten muss. Habe jeden Abend 38,18- 37,8 erhöhte Temperatur.

Mit (Paracetamol) medizieren und meditieren, oft duschen, nicht nachmittags rausgehen, ruhig und ‚cool‘ bleiben, hoffe ich, die nächsten Tage zu meistern, damit ’sie‘ mich durchlassen.
Nach der Schnellbootfahrt gestern gabs schon die erste Fiebermesspistole auf die Stirn.

Ist trotzdem scheiße heiß.

Ich habe das Gefühl, für mein (lädiertes) Immunsystem unter derart erschwerten Umständen zu sorgen, ist eine ganz neue Aufgabe für mich.

Die beiden Hostelbesitzer sind Schwestern. Herzallerliebst und der englischen Sprache mächtig die eine. Die andere kocht wunderbar und soll nun auch ein ausgebildetes MassageHändchen haben.

Eigentlich will ich nicht, denke mein RheumaBody ist zu aufgewühlt. Aber Herzallerliebst kann einfach zu gut Englisch.

Muss aber warten, sie ist gerade auf Hausbesuch bei einem Stroke.

Da hänge ich mal eben die Gitarre vom Nagel. Endlich wieder. Ein leiser Anfang nach sooo langer Zeit.

Die Massage tut weh!

Ganz schlimm AuaauaMassage. Ihre Hände fühlen sich in der Tat fachkundig an. Und so lasse ich sie gewähren.

Sie hackt übelst auf meinen schmerzhaftesten Triggerpunkten rum, die sie mühelos findet und bis in die tiefsten Winkel meines Fleisches verfolgt.

Und spricht dabei lieb und sanft mit Herzallerliebst.

Dienstag, 31.3.

Ich schlafe, wie ein Baby.

FS mit local Kaffe.
Abschied von den zwei Engeln. Die MassageKöchin verkauft mir zum Abschied noch ein richtig starkes Öl für das ordentlich geschwollene Handgelenk.

——

Ich denke, die oberflächliche Gelassenheit ist eine ganz normale Reaktion in Krisensituationen dieser Größenordnung. Dazu nicht nur für jeden einzelnen selbst von großer Wichtigkeit, sondern auch für die Möglichkeit des weiterhin guten Miteinanders.
Nicht auszudenken, wenn wir alle emotional würden.

Wie der Schweizer zum Beispiel, der mich beim Warten im Immigration Center aggressiv angemacht hat. Na, vielleicht war er nur enttäuscht, weil er dableiben will und das echt keinen Spaß mehr macht. Ohne Leute. Aber auch mit geschlossenen Bars. „GEHT DOCH ALLE NACH HAUSE!“

Ich finde es allerdings auch wichtig, dass man sich bei aller Oberflächlichkeit im Klaren bleibt, in welcher Situation wir uns befinden. Soweit wir überhaupt fähig sein können uns darüber ein umfassendes und ‚wahres‘ Bild zu machen.
Wir sind alle auch zutiefst verletzt und erschüttert. Oder nicht?
Weiter denke ich: und darunter, unter dieser erschütterten Schicht, sind und bleiben wir heil.
Nach wie vor hilft es mir, wenn ich zu deutliche Bilder sehe und von Emotionen überspült oder gar weggespült zu werden drohe, mich im Hier und Jetzt zu orientieren:

Gerade fahre ich auf der Fähre aufs Festland und habe einen schönen lauen Platz gefunden.
Eine Bank an der Seite des Schiffes, im Schatten. Mit wenig Wind.
Ich habe ein köstliches FS im Magen. Gerade gehts mir gut!

Hallo ihr Lieben,

Tagesziel erreicht, ich bin im Surat Thani Airporthostel.

Gestern habe ich mich spaßeshalber mal zum Pier begeben, um vorsichtig nachzufragen, ob meine vorgestern online gebuchte Fähre um 11:00 überhaupt fährt (gebranntes Kind).

Nein, tut sie leider nicht, ich soll eine Stunde früher kommen.

„Geht nicht auch die um 12:00?“ „Nee, geht nicht.“ (No go)

Eben hat auch das Hostel in Bangkok zugemacht. Sie bieten an, dass man canceln kann oder zum gleichen Preis wechseln.

Ist ja ok, solange alles so läuft, dass man ohne großen Stress weiterkommt.

Mein Flug nach Bangkok für morgen Abend steht, wie geplant.

Ja, ist easy zur Zeit, in Schwierigkeiten zu geraten. Und schwierig, die Stresshormone unter Kontrolle zu behalten. Denen würde ich nur zu gerne ein wenig Oxytocin entgegensetzen. Aber woher nehmen…

Von wegen Tagesziel erreicht.
Vor ein paar Minuten hatte ich das Handy lautlos gestellt. Nur Zufall, dass ich zeitnah reinschaue.
16:03 trudelt eine urgent Nachricht von Thai smile ein: mein Flug nach Bangkok für morgen Abend ist gecancelt. Der Ersatzflug, den sie mir anbieten, ist zu spät für meinen Flug nach London.
Ich merke richtig, wie ich Adrenalin ausschütte und rote Wangen kriege. Ruhig bleiben.
Der tägliche Flug nach Bangkok mit der gleichen Gesellschaft ist für heute nicht mehr buchbar. Ich finde bei einer anderen Fluggesellschaft noch einen Flug für morgen, ohne Gepäck und zum falschen Flughafen in Bangkok und recht teuer. Sollte alles kein Problem sein. Ist gebucht.
Ich lege mich kurz zurück. Mal durchatmen.
Ok, es ist noch früh genug. Ich packe in Ruhe meine Sachen, gehe runter, bitte den Hostelmann um seinen angebotenen Shuttelservice. Ich will probieren, ob ich vor Ort, also im Flughafen direkt, noch einen Platz für heute kriegen kann.

Mittlerweile habe ich die Umbuchung für heute Abend in der Hand (ja!), die andere Gesellschaft lässt mich nicht stornieren (ohne Kommentar) und ich habe schon meine Knöpfe an der Bluse angenäht.
Nu ist Eincheckzeit.
1,5 h nach der Horrormail.

Das nenne ich mal effektives Handeln.

Sa Ta Na Ma und Paracetamol vor dem Boarding (mit Pistole, versteht sich).

Also, jetzt schlafe ich halt 3 Nächte in Bangkok, statt 2.
Mir kommt das Ganze vor, wie in diesen animierten Filmen. IceAge oder so. Wo immer einer über eine Brücke läuft, die hinter ihm zusammenbricht.
Bisher hat garnix von meinem Plan geklappt. Aber ich bin in Bangkok. Und sogar 1 Tag früher.
Dennoch finde ich, ich habs verdient, dass die letzten zwei Flüge und die Heimfahrt aus FFM reibungslos ihrem Plan folgen.
Immer nur den Gleichmut und einen kühlen Kopf bewahren.
Garnicht so leicht, bei 36° im Schatten.

Im Moment ist es prima. Das Hostel hat ein kriminell zu erklimmendes roof top mit Aussicht auf den Flughafen.

Es ist schön ruhig hier. Dazu weht ein laues Lüftchen.

Mittwoch, 1.4.

Halb 7 begebe ich mich zum FS. Bin wohl der einzige Gast. (Nee)
Sitzgelegenheit draußen auf der kleinen Straße.

Ich habe gestern Nacht schon gesehen: mein Hostel, direkt am Flughafen gelegen, befindet sich in einem kleinen Dorf. Viele Bäume und blühende Büsche.
Es ist so still hier, dass ich mich förmlich eingeladen fühle, ganz in Ruhe meinen Kaffee zu trinken.
Ein altersschwacher Hundeopi schleicht sehr langsam durchs Bild. Wörtlich alle paar Schritte hält er an, hechelt, ruht aus. Das ändert sich aprupt, als eine adrette Hundedame erscheint.
Strack und stolz geht der Schwanz nach oben, Körperspannung steigt, ‚ich bin ein ganzer Kerl!‘ Leichtfüßig steigt er der desinteressierten Dame nach.
Unterdessen zuppeln zwei Miniaturtäubchen auf der Betonstraße hin und her und suchen nach Krümeln.
Eine Frau kommt, gießt die Papajabäume gegenüber und kehrt das BlätterMüllGemisch der Straße zur Verdunstungsverhinderung um die Stämme.
Meine Hosteldame kommt dazu, hilft kehren. Dann schauen beide hoch in den Tamarindenbaum. Nicht so viele Früchte dieses Jahr.
Nebenan kommt Oma raus. Mit ihrem Gehbock schafft sie es zur Bank vor der Tür. Ihr herzallerliebster FuchurHund, nicht ganz sauber,

freut sich über seinen Freigang. Der ganze Kerl will nicht mit ihm (ihr) spielen.
Ich hole mir Gemüsereis, den ich gewissenhaft von Wurststückchen befreie. Jetzt kommt der Enkel raus, entweder zur Oma bindungsgestört oder Morgenmuffel. Vor seinem Motorrad stolziert ein wohlgeratener Hahn auf die Straße. Oma und ich beobachten sein buntes Treiben, während Enkel davonknattert.
Garnicht lange, kommt er wieder, hat jetzt einen kurzen Blick für Oma übrig, an einer Hand abzählbare Worte. Und er überreicht ihr eine Plastiktüte mit Styroporbox unbestimmten Inhalts. Oma scheints nicht zufrieden…
Es passiert so viel auf der stillen Straße, das kann ich garnicht alles beschreiben.
Habe längst keine Bange mehr, mir könnte die zwei Tage langweilig werden.
Wie ich so in Ruhe weitersitze, mich an einem guten Ort geborgen fühle, kommen die Tränen. Ich bin so, so traurig!
Das geht vorbei, wie alles andere hier auf der stillen kleinen Dorfstraße.

Am Millionenflughafen.

Bangkok hat über 8 Millionen Einwohner. Ach, echt?

Gegen 8e kommt doch eine zugeneigte englische Familie, raus. Sie haben den Flug mit EVA heute, um dieselbe Zeit.
Ich kann nicht mitkommen, da mein Flug nicht änderbar ist. Ich müsste für weit über 500€ stornieren. Besser warten. Wenn er storniert wird, bekommt man den Preis ersetzt. Abzüglich horrender Servicegebühren, versteht sich.
Noch gibt es 1 Tag später einen (und auch in der Folgezeit noch den einen oder anderen) Direktflug von Lufthansa. Ich denke, es ist einer der Rückholflüge. (Nee, die sind mit Condor) Den gabs nämlich vorher noch nicht.

Dann lasse ich mir das Törchen zum Flusssteg öffnen. Und laufe so lange darauf in einer Richtung, bis mir vor Hitze schwindelig wird.
Peinlich: ich dachte, da wär niemand. Aber ich treffe doch ein paar Menschen und ich habe meinen Mundschutz nicht dabei.
Ist besser, man zeigt, dass man mitmacht. Sind alle gleich viel beruhigter.

Schöner langer langweiliger Nachmittag im Bett. Bloggern.
Als ich zum frühen Dinner rauskomme, sitzt Oma auf der anderen Seite der Straße im Schatten. Und unterm Tamarindebaum haben sich paar Nachbarn eingefunden.
Dem jungen Mann, der gerade mit seiner Frau schäkert muss ich unbedingt einen dummen Kommentar einschenken und so kommen wir ins Gespräch.
Nach ner Weile fragt er, wo ich denn hinwill.
Da meint er in breitem Münsteraner Platt, dass wir denn ja auch Deutsch reden könn.
Nee oder? Komm, mach Sachen. Ha!
Das gibt unserem Gespräch eine so krasse Wendung,
dass ich ihn gleich auch frage, was er denn da in seinem Eimer hat. Den hab ich schon die ganze Zeit fasziniert beäugt.
„Bier.“
„Komm, nich Bier. Die bringen dich um. Warmes Bier im Sandeimer aus Strohalm.“
In einem langen entspannten Gespräch, erzählt er unter anderem, dass er vorher mein Hostel gemanagt hat, aber gerade nebendran die 3MioButze (Baht = 90.000€) als Restaurant und Hostel gekauft hat. Gerade jetzt ist es schlüsselfertig. Also nach einem richtig langen Gespräch, und es hat über 35°, frage ich ihn, ob ich mal ein Foto machen darf. Ich denke so, das Motiv, dass er grad trinkt, oder der Eimer auf dem Tisch steht…

…und es war noch warm.

Übrigens gibts die Eimerchen so zu kaufen.

Mit Strohhalm. Sagt er.

Ich geh im 7/11 noch schön für den abendlichen RoofTop einkaufen: Trinkjoghurt und Mandarinen. Und für den Heimweg ein Mangoeis am Stiel. Das sogar fast ein kleines bisschen nach Mango schmeckt. Ach, ich bin zufrieden.

Bin wieder super eingenordet. Mir gehts prima. (Hab außerdem noch mit Töchterchen geplaudert, wie schön!)

Ich glaube, was ich am meisten vermissen werde, ist dieses mühelose rumliegen in lauer Abendluft. Und schöner Umgebung.
Sei es auf einem heißen Stein oder auf dem RoofTopTisch.

Donnerstag, 2.4.

Ich checke nach, es gehen nur noch einige Inlandflüge und sehr wenige nach draußen.
Das bedrückt mich. Beklemmend ist das. Seit Vorgestern darf niemand mehr ins Land. Noch 30 Stunden. Bitte macht die Grenzen nicht zu.

Immernoch im Bett.

Ich stelle mir vor, dass ich dem Eimerbier trinkenden jungen Mann begegne.

Ich liege ziemlich lange und mache mit ihm Therapie. Bin richtig drin in der PhantasieWelt.

Am Ende weiß ich; das will ich machen: Traumatherapie. Das kann ich, da liegt meine Energie.
Es ist Psych, was ich so liebe. Und es ist Einzeltherapie. Worin ich unendlich besser bin, als in der Gruppe, wie in einer psychotherapeutischen Klinik.
Dann geht meine Phantasie weiter, dass ich in Breuberg bin, einen Patienten spontan nach PITT behandle und dafür an den Pranger gestellt werde, weil es nicht ‚ergotherapeutisch‘ ist.
Den Breuberg von innen sehen ist gut. Gerade für den Anfang, bis ich mich sortiert habe.
Aber ich will PITT praktizieren.

Was gefällt mir eigentlich an der PITT so gut?
Mir gefällt es selbst, wenn ich tief berührt werde, wenn ich spüre, dass jemand wirklich bei mir ist.
Und mir gefällt es ebenso, jemand anderen tief zu berühren und diese Verbindung aufzubauen. Für die intensive Zeit der Therapiestunde ganz für jemanden da sein zu können und zu dürfen.

——

BACKPACKER
Mein Rucksack schließt sich so langsam und er ist ‚packed‘, vollgestopft mit vielseitigen, intensiven Erlebnissen.
Ich fühle mich dankbar, eine so große Ladung heimtragen zu dürfen.

——
Der ganze Prozess, Angefangen von den ersten Informationen über den Zerfall von allem, was einmal Halt gegeben hatte, hat was von einem Schiff, das im tosenden Sturm von einer Sekunde zur anderen hin und hergeworfen wird. Nichts hat mehr Bestand, als würde das Schiff in Tausend Stücke zerschellen.
Das Warten. Das ist, wie doch noch das Rettungboot erwischen. Ohne Paddel. Warten, ob, wann und wo man ankommt. Nichts ist gewiss.
Ein Gefühl, wie eine Kokosnuss im Weiten Ozean zu treiben.

Niemand sollte das allein durchstehen.

——

FS, oder: unsere daily soup gib uns heute

Die Hosteldame hat mir einen Teller mit Gemüsereis gemacht, weil ich heute tatsächlich der einzige Gast bin.

Mit Wurststückchen, die ich wieder gewissenhaft rauspule.

Als sie abräumt, bringt sie die Wurst zum ganzen Kerl. Prima Verwendung!

Die junge schöne Dame kommt zu spät.

Vermisst es, sich desinteressiert zu zeigen. Offenbar sucht sie ihren ganzen Kerl. Dreht sich um, stutzt, mit einem deutlichen ‚Hä?‘- Ausdruck auf ihrem hübschen Gesicht.

Hier nochmal Oma, diesmal mit den Winztäubchen.

Spaziergang diesmal zur anderen Seite.

Beachtlich, die vielen sündhaft teuren Straßenlampen.

Bis zum völlig überdrehten Ammata Lanta Ressort.

Mittagessen: Yoghurte von 7/11.
Laaange Mittagspause.

Nach 17:00 klopft es, und die Hosteldame kommt rein. Mit einem Teller Mango sticky rice. Oh lecker! Hab ich mir nie besorgt und nu krieg ich es so.
Seit gestern abend oder heute morgen ist sie auch besonders freundlich zu mir. Ob sie es bereut, dass sie mich angelogen hat? Ich hatte sie nämlich gefragt, ob ich mal den Dorm sehen könnte, um Tag zwei und drei ein wenig Geld zu sparen. Daraufhin hat sie ihr Gesicht verzogen und dann so getan, als würde sie telefonieren. Nee, ist ausgebucht. Hehe.
Ich glaube, ihr ist klar, was mein Blick aussagte.
Habs dann so stehen gelassen. Ist doch ok.
Nun hab ich ein schlechtes Gewissen, weil ich den Enkel mit Hahn foftgrafiert hab und zu spät gesehen, dass ihm das garnicht behagt.
Sorry 🙄!
Ich war so fasziniert, dass der Hahn aufs Wort hört. Da träumt so mancher Hundebesitzer von.

Soll ein Kampfhahn sein. Ist aber ganz lieb.

Ich weiß nicht, wies den anderen geht. Aber in dieser Situation- nowadays- kann ich anderen und mir ganz leicht verzeihen. Naja, besser den anderen.

Heute Nachmittag wird mir doch die Zeit lang.
Ich lieg schon wieder im Bett, dabei wollte ich doch zum 3MioButzenMann, dass der mir was kocht. Aber jetzt habe ich ja gerade sticky rice…einkaufen will ich auch später, damit mein Trinkyoghurt bisschen kühl ist, wenn ich ihn auf dem RoofTop genieße…
Hm, sie hat mir mit ihrem sticky rice voll meine Routinen durcheinander gebracht.
Nee, komm, ich geh jetzt raus!

Essen vom Nachbarn.
RoofTopRomantik.

Ist doch kein Zufall, dass ich mich ausgerechnet jetzt (der permanente Druck von außen hinterlässt natürlich auch im inneren System seine Spuren) ‚verliebe‘. Das heißt, dass ich beginne, meine Gedanken sehnsüchtig an jemanden zu heften.
Da ist ein Anteil von mir, der spielt nicht nur, der IST dauernd der Held, muss es sein. Ich klopfe mir auf die Schultern dafür, wie ich gerade diesen letzten Abschnitt der Reise meistere.
Ich denke diesen Anteil habe ich früher ‚das Mutterkonstrukt‘ genannt. Einen funktionierenden innerpsychischen Anteil, der dem vierjährigen Mädchen das NichtMehrLispeln beigebracht hat.
Der andere, bedürftige Anteil, zeigt sich garnicht direkt. Aber durch ein Gefühl warmen Verbundenseins mit André.
Allerdings entspricht die Bindung ja wieder meinem Standartmodell: ich warte.
Daher gehe ich in eine Beobachterposition und beende das.
Ausgerechnet heute Nacht schreibt André, dass er zu Hause gelanded ist. Aber knapp und lieblos.
Ich werde wütend!
Juhuu!
Zumindest ‚von Ferne‘. In diesem Fall lohnt es, das mal nicht fallen zu lassen oder wieder zu verdrängen. Sondern angucken.
Ich glaub, ich hab das immer gefühlt, nur nie benannt und regelmäßig übergangen.
Ich versuch mal zu übersetzen: „Die ganze Zeit tust du so lieb und verbindlich rum. Und nun, wo ich dich brauche, bist du kalt!“
Meine ’normale‘ Reaktion auf das Gefühl wäre: „Ja, ich kann VERSTEHEN, dass du so knapp antwortest. Du kommst ja offensichtlich gerade erst heim von einer langen, beschwerlichen Reise. Ruh dich erstmal aus. Ich werde ABWARTEN, ob du mir später, in ein paar Tagen, vielleicht, einen längeren liebevolleren Brief schickst.“

Es fällt mir einfach sauschwer, wütend zu werden, wenn ich, wie hier, schon sehe, wie unfair das ist. Aber deswegen darf ichs doch fühlen. Oder sollte mir wenigstens darüber bewusst sein.

Interessant ist auch, wenn ich mein Held bin, gehts mir gut. Wenn ich bezogen bin, kann ich, muss nicht unbedingt, ganz klein und bedürftig werden. Kein Zustand, den ich jetzt brauche.

Freitag, 3.4.

Viel zu früh lasse ich mich mit dem billigen Haustaxi zum Flughafen kutschieren.

Ich will einfach vor Ort sein, wenn am Schluss doch noch Änderungen angesagt werden sollten.

Hab mir ja die StrandMatte gekauft und hau mich auf die Sitzbänke vor der passenden Check-inReihe.

Spooky, alle Flüge gecancelt, bis auf die paar hellgrünen.

Die Hallen sind entsprechend leer.

In Bangkok darf man erst zum Boarding aufs Gate. Nach der Security kauf ich mir einen superteuren Mangoyoghurt und habe ein prima Mittagessen mit Mandarinen und Crackern. Ohne Peanutbutter. Die ist mir eben abgenommen worden. Auf den Wartebänken des Flughafens, auch schon bei und auf der Fähre, findet man rote Kreuze oder grüne Häkchen aufgeklebt. Hier nicht abwechselnd, sondern es sind zwei Sitze freizuhalten.

Als ich mich zum Boarding begebe, ist plötzlich eine Menge los. So viele Menschen auf einmal habe ich schon lange nicht mehr gesehen.

Es ist ein großer Flieger mit zehn Sitzen pro Reihe. Ich bin in Reihe 48 und hinter mir gehts noch ewig weiter. Demnach müssen wir mehr, als 600 Passagiere sein. Kann das angehn?

Ich sitze im Mittelblock und habe zwei Jungs neben mir.

The man who carries his skull back home.

Er sitzt rechts neben mir. Die Beine der mittleren Stuhlreihen sind für drei Sitze ausgelegt. Irgendwie haben sie es geschafft, vier Sitze darauf zu montieren. Wir sitzen derart dicht, dass unsere Schultern nicht nebeneinander passen.

Meinen rechten Fuß muss ich in seinen Fußraum stecken, ansonsten müsste ich ihn irgendwie saublöd nach links ums Stuhlbein knicken.

„Pass auf, dass du die Styroporbox nicht umtrittst. Da ist mein Schädel drin!“

“Was?“

“Ja, hier, fühl mal!“

Oben rechts fehlt tatsächlich ein 5-Mark-großes Stück Schädeldecke unter seinem Skalp.

Es stellt sich heraus, dass der junge Engländer Tauchlehrer auf Koh Phangan ist. 6 Wochen vorher beim Motorrad fahren ausgerutscht, im Krankenhaus aufgewacht. Nach 1 Woche haben sie ihm zum Abschied den Schädelknochen mitgegeben. Von der druckentlastenden OP hatte er bis dahin garnix gewusst.

Daraufhin hat er wohl in dem englischen Krankenhaus seiner Wahl angerufen mit der Frage, ob sie den Knochen zum Verschluss benutzen würden. Mit anderen Worten, ob es sich lohnt, mit Skull zu reisen. Wollten sie ihm aber nicht sagen.

Sag ich, tja, deshalb sitze ich jetzt hier neben dir. Vorausgesetzt, dein Knochen ist intakt und noch lebendig, werden sie lieber ihn nehmen, als ein passendes Stück Plastik zu drucken.

Interessanterweise ist sein einziges neurologisches Symptom der Ausfall seines Geruchs- und Geschmackssinnes. Es braucht weitere zwei, drei Tage, bis ich kapiere, dass es auch ein CoronaSymptom sein kann. Und der junge Mann hat dauernd seinen Mundschutz unter der Nase und rotzt, schnieft und hustet vor sich hin…

Zu meiner linken ein noch jüngerer Mann. David aus irgendwo bei Kassel oder so.

„Hast du eigentlich schon eine Unterkunft in London?“

“Nee, hab ich vergessen zu buchen.“

“Siehste mal. Ich hab vergessen, jemand zu fragen, ob er mein Zimmer mit mir teilt. Hab extra mit zwei Betten gebucht. Ist nicht weit vom Flughafen. Magste?“

Das sind so ungefähr unsere ersten Sätze. Ist das Thema auch geritzt.

Die dreizehn Stunden gehen echt recht flott rum.

Gute Unterhaltung von beiden Seiten, dann wieder schöne lange Ruhephasen. Bloß scheiße kalt hier.

Bemerkenswert ist noch die Gasdusche, die man uns unangekündigt angedeihen lässt. Zu Beginn des Fluges und mittendrin, vor dem Essen. Ich nehme mal an, dass die mit dem stinkenden Gift normalerweise die Möbel desinfizieren.

Das LuxusIbisHotel erreichen David und ich gerade zur schönen Schlafenszeit. Ah, duschen, ausstrecken! Aber dann friere ich mir die Hucke voll, bis ich zwei Hosen und meine Jacke über dem Schlafanzug anhabe. Mein Körper hat einen Monat lang verlernt, die Heizung anzuschalten.

Samstag, 4.4.

Recht früh aus den Federn, schön rechtzeitig mit dem FlughafenShuttleBus eigetrudelt. Der ausgewiesene Check-in Schalter für unseren LufthansaFlug ist noch zu. Aus Langeweile probieren wir die Check-in Apparate. Geht aber nicht. Eine Angestellte kommt und weist uns an, uns an der langen Schlange an einen anderen Schalter anzustellen. Lauter chinesische Astronauten!

Wir bekommen unsere Karten. „Da ist kein Sitzplatz ausgewiesen. Den bekommen Sie beim Boarding.“ So sagt meine Dame. David ist woanders durch. Seine Dame sagt: „Ist ein Stand-by-Ticket. Sie müssen sich beim Boarding hinten anstellen und sehen, ob Sie noch einen Sitzplatz bekommen. Wenn nicht: um 16:30, 7 h später, fliegt noch einer.“

Da stehen wir dann am Ende zu siebt, nachdem die ganzen Astronauten on board sind.

Zwei werden noch reingelassen. Eine Astronautin weint: warum darf die andere rein? Die BoardingDame erklärt: „Ich musste mich irgendwie entscheiden. Sie sehen aus, as if you would understand.“

Sowas sagt sie zu mir auch, if I would understand? Ich sage, es gäbe zwei Arten von Understanding. Und merke, dass ich ziemlich stinksauer bin. Frage einen Boardingmann: „Wie viele dürft ihr denn überbuchen?“ „10%.“

Verdammt, das wären bei geschätzten 200 Fluggästen 20! Sauerei!

Dann bekommen wir zugesichert, dass wir 250€ auf unserer Kreditkarte gutgeschrieben kriegen und Essensgutscheine im Wert von 10£. „Sind aber nur ein oder zwei Geschäfte offen.“

Ist klar, wir laufen nochmal durch den Geisterflughafen. Das einzige Lebensmittelgeschäft nimmt unsere Vouchers nicht. Müssen wir also zur Apotheke. Durch diesen Spaziergang stecken wir auch unsere kleine Welt für die nächsten sieben Stunden ab. Wir müssen ja im Boardingbereich bleiben.

In der Apotheke gibt es eine Wand mit lecker Essensangeboten. Als ich kapiere, dass unser Gutschein für zwei Bundles (Sandwich nach Wahl, Getränk, auch Saft, nach Wahl und eine Nachspeise) und ein Leckerli reicht, hebt sich meine Laune in euphorische Sphären! Essen!

Mit je einer prall vollen Tüte verlassen wir glücklich die Apotheke. Insgesamt viel Geld verdient in 7h Nixtun. Ist doch ok.

Nach der Raptormahlzeit finden wir im Übergang zum benachbarten Boardingbereich noch eine Lounge. Da lümmeln wir gemütlich unsere Zeit ab.

Fahrplangerecht kommen wir kurz nach 19:00 Uhr in FFM an, Davids Mama gibt mir das Geld für seine Übernachtung, ich lege die richtige SimKarte ein und um kurz nach halb 8e sitze ich schon draußen in der Sonne, mit Blick auf die A3 und rufe Gunnar an.

Die leeren Züge fahren auch pünktlich.

Von 9 gebuchten Booten, Flügen, Unterkünften haben in der Heimreisewoche auf Anhieb zwei geklappt. Der Flug von Bangkok nach London und die Unterkunft im Hotel dort.

Mit den Eltern praktiziere ich social distancing.

Aber sie lassen mich nicht mit meinem Auto nach Hause fahren, da es noch nicht angemeldet ist.

Dazu brauche ich in CoronaZeiten einen Termin bei der Zulassungsbehörde. Und den bekomme ich erst am Donnerstag Nachmittag!

Solange bringt mir Papa das Frühstück ans Bett und bei den anderen Mahlzeiten esse ich etwas abseits am Tisch. Als ich dauernd was helfen soll, auf- und abtragen zu Beispiel, insistiere ich. „So viel kann ich mich garnicht desinfizieren.“ Doch ich kriege zu hören: „Wir glauben nicht, dass du krank bist.“

Ohne Worte. Und was ist mit den Eiter- und Erkältungsbakterien?

Der ThaiLandErinnerungsEimer von Romke:

Donnerstag, 9.4., vor dem OsterWE

Endlich daheim!

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