Mudita, 5. Woche

Mittwoch, 19.2.

Ich treffe Matteo wieder! Zu einem Dinner beim InderMyanmaresen. Er musste seine Pläne ändern und ist unversehens in der gleichen Stadt. Was für eine Freude!

Ein netter Abend, obwohl er erkältet ist und ich total fertig.

Ella geht es immer schlechter und nun ist auch noch Ivi aufgetaucht. Ein anderes kleines Hundchen, das plötzlich von ein paar Mönchbuben angeschleppt wurde. Ivi macht alle nervös und mich k.o., weil er dauernd zu mir herläuft, winselt, was will, Ella stört, vor allem beim Essen und ihr alles wegisst, er beißt sie auch (genauso, wie der große Psychodog, den die anderen, als er noch klein war, Dramadog getauft hatten, wie ich kürzlich erfuhr. Psychodog kommt auch dauernd her, macht alles kaputt, was ihr zwischen die Zähne kommt. Zum Beispiel die Bambusmatte auf der Terrasse, die Matratzen, die einige draußen als Yogamatten missbrauchen. Ich lasse nix mehr draußen liegen. Schon garnicht meine Schuhe. Außerdem beißt auch sie Ella, wenn sie spielen, immer fester, bis Ella knurrt und richtig hinterherbeißen muss, damit Psychodog aufhört.)…

Und nun ist Ella viel zu schlapp um sich zu wehren. Ich werde so WÜTEND!

Donnerstag, 20.2.

Ella und Yvi mal friedlich

Ella ist sehr schwach. Dennoch steht sie plötzlich vor dem Bad und schaut mich genauso auf erbarmungswürdig wackeligen Beinen an, wie sie auch auf der Straße stand und schaute. Dann, in meinen Armen, atmet sie sehr hart.

Es ist schrecklich mitanzusehen. In den folgenden Stunden ist mir 100% klar, sie stirbt in dieser Nacht. Ich lege sie so zwischen meine Beine, dass die Rippen den besten Raum haben, sich zu weiten.

Wir sitzen vor dem Badhaus auf einem kleinen Plastikhocker und schauen beide der Sonne beim Untergehen zu.

Der Himmel wird rot.

Bald wird Ella so schlappi. Nur Fell und innen Schlamm. Keine Knochen, keine Muskeln. Ich singe ihr stundenlang Mantras vor.

Sie hat garkeinen Tonus und verliert zuerst Wasser, später mehrfach Stuhl.

Irgenwann wird es so kalt und spät, dass ich ins Bett muss. Ich wickle Ella fein in beide Lunghis, Schnüffeldeckchen und Bausack und lege sie in dieser wärmenden Packung in ihr Kartonhaus.

Mitten in der Nacht fiept sie und ich gehe raus. Da steht sie auf, wie ein Zombie. Schüttelt sich und wackelt ein paar unbeholfene Schritte. Ich halte sie eine gute Weile lieb im Schoß. Dann gehen wir wieder schlafen.
Am Abend, als ich Ella begleite, müssen wir über offenbar dicke Boxen irgendwo im Dorf ein scheußliches Hörstück anhören. Müssen wir das hören? Oropax helfen nicht viel. Die ganze Nacht bellen Hunde, Ivi und Ella fiepen.

Freitag, 21.2.

Do und Fr so früh, gegen 4e, diese scheußliche RadioPropagandapredigt laut fürs ganze Dorf.

Was soll ich lernen. Aushalten oder abhauen?

Ich drücke die Oropax tiefer in die Ohren. Hoffe auf ein kleines bisschen Ruhe.
Nach dem Wahnsinnsdelir liege ich morgens lethargisch im Bett.
Als ich endlich die Stöpsel rausnehme, zwitschern Vögel.
Ich muss wieder weinen.

Da bewegt sich was an meinem Bein. Es ist Ella.

Die nächsten Tage ist Ella schlappi, müde, aber stabil und isst auch ab und wann etwas.

Stove mit Pipes zum Tank ausprobiert: keine Zirkulation. Der Tank muss höher!

Matheo kommt zu Besuch und bringt Rene mit. Ich zeige ihnen unseren Stove und die Kloster-Höhle. Dann essen wir im Bamboo Garden, unserem klosterschuleigenen Restaurant.

Anschließend tragen wir BetonSteine hoch, die wir unter den Tank schieben. Nee, so können wir den Ofen nicht befeuern, die Pipes stehen nun viel zu sehr unter Spannung. Ich hätte sogar gerne eine zweite Reihe Steine eingesetzt zur nächsten Probe, ob das Wasser nun zirkuliert.

Somit ist mein Projekt abgeschlossen. Denn Michael kommt erst am Donnerstag wieder, um die Pipes zu verbessern.

Ha! Da haben wir noch schön Zeit für Kaffe auf der AnnaKuti Terrasse. Dann muss Matteo zu seinem Bus.

Der Rest des Nachmittags bleibt relaxt, ich kann in Ruhe mit einigen Leuten quatschen und mache ein Rehearsal mit Zaw. Er liebt ‚Heaven‘ von Bryan Adams.
Zur Nacht ein letztes Lagerfeuer mit bisschen Gitarrenmusik mit Zaw und einigen anderen.

Ella ist schwach, aber brav.
Mingde versucht, Yvi wegzubringen, aber er kommt immer wieder.

Auch Mingdes Idee: rund um Psychdog regnet es Steine, damit sie sich nicht mehr wohlfühlt hier. Wirkt ziemlich gut. Sie kommt seltener her.
Dann bringe ich Ella Essen und Yvi kommt zuerst aus der Hundebox, dreht Ella dabei völlig trampelig wie eine Wurst herum!
Ich sperre ihn in seine Box, die ich kurzerhand mit Tape schließe. Und weit hinters Haus trage. Er ist dick genug, um die Nacht dadrin zu bleiben.
Aber er denkt, es ist ein Spiel „escape the box“ und steht bald wieder auf der Matte, ohne Mux. Ich stopfe ihn wieder rein, das Loch war echt klein, ich muss es erst aufschneiden. Und klebe diesmal ordentlich zu. Natürlich lasse ich noch genügend Luft.

Ich will heute Nacht schlafen!
(Nicht nur) heute war ich schon einige Male stinkwütend auf Ivi. Ich hätte ihm den Hals umdrehen können. Ich fühle, dass ich echt morden könnte und mich richtig zurückhalten muss. Auch, ihn nicht mit dem Fuß gewaltvoll wegzutreten. Stattdessen habe ich ihn dann ein paar Mal in die Box gesperrt. Aber nicht ernsthaft mit Schnur zugemacht. Sicher denkt er deshalb, es ist ein Spiel, weil es leicht war, zu entkommen. Aber warum denkt er, und auch Psychodog, er kann immer wieder zu mir kommen, happy schwanzwedelnd, nach Kuscheln oder Futter heischend? Ich war nie nett zu ihm.

Yvi hat in der Nacht so gefiept, dass irgendjemand ihn wohl rausgelassen hat. Dann hat sich offenbar Lisa erbarmt und ihn zu ihrer weit entfernten Kuti mitgenommen (von da kam Yvi auch schon öfter wieder zu uns).

Samstag, 22.2.

Von Lisas Hausgenossin höre ich: „The dark box, this is traumatising dogs…“

So ein Satz bringt mir nix. Ich hätte vorher echte Unterstützung gebraucht.

Die anderen finden die Puppies teils süß und nehmen sie mal auf den Arm. Aber kümmern tat sich niemand. Lisa, die YviMama sein wollte, ist grundsätzlich nicht erreichbar.

Und mir ist alles zu viel.

Gegen halb 12 verlasse ich das Terrain mit Sack und Pack um mit dem Radel in mein Hotel in Nyaung Shwe zu fahren. Super, ich kann, wie erhofft, früh einchecken.

Dieser Tag ist der Sauberkeit und Ordnung gewidmet.  HEIß duschen, aaaaah! Mit FLIEßENDEM Wasser! Eine Wohltat!

Wäsche: mal richtig in der Maschine waschen!

Heute gebe ich meine Wäsche in die laundry. Der Mann dort verkauft auch Silber. Da frag ich sofort nach Borax.

(Andre, den ich in Chiang Mai getroffen habe, hat mir ja wärmstens empfohlen, mal darüber nachzugooglen. Borax gegen Entzündungen (Rheuma) und Pilze…)

Nee, der WäscheMann lötet nicht, reinigt nur. Mit Alaun und Seifennuss macht er das im Feuer oxidierte Silber schön hell.

Für abends zum WäscheAbholtermin will er aber einen Termin mit seinem Bruder machen. Der ist der Goldschmied. Wir quatschen dann lange rum, ist es wirklich Borax? Kann ja kein Englisch. Nur der Wäschemann ein bisschen. Es stellt sich raus, dass das Mineral wirklich unter Feuer schmilzt und er verrät mir, dass man es auch benutzt, um Reiscracker schön blasig zu kriegen. Na, dann kanns immerhin nicht (super) giftig sein. Und Borax schäumt auch. Macht man ja Seife von und Isolierschaum.
Am Ende sollte ich nix dafür bezahlen. Da steht zum Glück seine Frau mit Baby im Arm hinter mir, als ich mich hilfesuchend umsehe. Kriegt das Baby was für lecker Essen. Kann sonst noch nicht viel, aber nach Geld greifen und lieb lächeln geht schon.
Da sind alle froh.

Mal sehen, wies wirkt.

Sonntag, 23.2.

Ausflug zum Tofu Palace mit Rene. Ich habe lange überlegt, ob ich ihn mitnehme. Gestern beim Dinner hat er sich ordentlich daneben benommen.

Dann habe ich mir gedacht, dass ich durchaus routiniert seine doofen aufdringlich-vereinnahmenden Annäherungsversuche abfedern kann und habe mich FÜR Geselligkeit entschieden.

Unterwegs hüpfen wir kurz in die Hotsprings. Nice!

Und was für eine Überraschung auch. Ich wusste garnicht, dass die Hotsprings auf dem Weg liegen. Wir haben beide zufällig Tücher dabei, mit denen wir baden können.

Tofu Palace

Yam hatte einst die prima Idee, Touristen durch sein Dorf zu führen, das in trationeller künstlerischer Handarbeit leckere Snacks herstellt.

Man darf von allem probieren…

Hier werden die superleckeren Chickbean snacks gebrutzelt.

Die sticky Ricecracker…

…werden in den heißen Steinen ganz schön puffig. Mit Borax?

So viel Zucker! Die rechteckigen Platten sind Rohzucker aus Zuckerrohr.

Noch mehr Zucker: die kleinen Kringel sind voll mit triefendem Syrup

100% Zucker! Für handgeknotete Bonbons.

Zum Glück gibts danach eine Reisweinprobe. Selbstgebraut, versteht sich und superlecker. Allerdings traue ich dem Gerät nicht wirklich über den Weg. Methanol macht blind…

Übrigens stellt man im Dorf auch die leckeren Sonnenblumenkerne (in Schale) her: sie werden mit Ingwer, Knoblauch, Salz und Zucker gedünstet und dann draußen auf Bambusmatten getrocknet.

Nun endlich der Chickbean Tofu:

Der vorher fermentierte Sud muss stundenlang überm Feuer gerührt werden.

Als wir den stinkigen fermented SojaTofuplättchen beim Trocknen zusehen, fängt es unversehens an, zu regnen.

Schön warmer Regen. Trotzdem bricht hektisches Treiben aus und wir helfen den Dörflern beim Einpacken.

Zum Abschluss Snacks und lecker lecker Tofusalat im Tofu Palace.

Proppevoll mit Snacks und Eindrücken machen wir uns auf den Rückweg.

Unterwegs gibts Kaffe und das angebotene Eis ist zu tempting…

Wir sind superhappy mit unserer kleinen Tour.

Zum FarewellDinner habe ich meine Leute ins nahe local Restaurant eingeladen. Da verkaufe ich auch mein Rad an Jess.

Alles erledigt. Morgen kann’s losgehen:

Kaddi wieder on tour!

An dieser Stelle möchte ich mal stichpunktartig zusammenfassen, was ich nicht in Ordnung fand in der MonasterySchool. Und ein wenig beschreiben, wie der Alltag war.

Minus –
  • Luftverschmutzung (betrifft ganz Südostasien): oft konnten wir die Berge auf der anderen Seite des schmalen Sees überhaupt nicht sehen. Selbst der nächste Hügel war oft halb im Dunst verschwunden. Jeden Tag brennen die Leute Felder oder Gebüsch ab. Dazu wird mit hochverschmutzenden Brennstoffen gekocht. Was zu erhöhter Kindersterblichkeit führt. Von 180 gemessenen Ländern schneidet Myanmar am 171 schlechstesten ab. Unsere überdachte Outdoorküche war schwarz vor Ruß. Neben den Feuerstellen haben wir (warum auch immer: mit Wäschewaschmittel) abgewaschen. Ich verstehe nicht, wie man in dem beißend ätzenden Qualm den ganzen Tag arbeiten kann. Warum werden eigentlich keine Solarkochstellen verwendet? Wichtiger Faktor: Plastikmüllverbrennung
  • Projekte: viele Volunteers waren nicht mit ihren Aufgaben zufrieden. Es wurde viel mit Zement gebaut. Zum Beispiel Pfade und Treppen. Wir wurden auch nicht nach unseren Fähigkeiten befragt (zum Antrag gab es einen Fragebogen darüber. Aber es interessierte niemanden). Das gab allgemein Unmut.
  • Prioritäten: viele Volunteers verstanden nicht, warum wir diese Dinge bauen sollten, besonders die Arbeit an der Höhle von Mokkhita, die nur für Darkretreat bestimmt war. Während die kleinen Mönche keine Betten haben, also direkt auf dem Boden schlafen und allgemein schlimme hygienische Verhältnisse hatten. Viele Kinder hatten Kopfhautpilz. Und teilten ihre Rasierklingen(!). Niemand stoppte das.
  • Clinic room: ich war an drei Morgenden dort. Dann hatte ich genug gesehen.
  • Müllproblem: einige von uns sammelten den Müll aus dem Bach. Vor der Schule ist ein Kiosk. Die Besitzer meinen, ein Fluss sei dazu da, den Müll wegzutragen. Da hilft auch ein Mülleimer, der von der Schule geleert wird (theoretisch), nix. Hinter dem Kiosk kommt direkt die kleine Brücke zum SchulGelände. Die Kinder kaufen was und schmeißen den Müll in den trägen Bach. Fast noch beschissener finde ich, dass die Essensreste aus der Küche (vermischt mit Plastikmüll) auch dort landen. Das fault natürlich. Weswegen ich mir gleich einen Herpes eingehandelt hatte. Ich habe ein paar Tage später wieder hinunter in den Bach geschaut. Traurig, das.
  • Hunde: dutzende auf dem Hof, alle krank, niemanden kümmerts.
  • Ort: ohne Rad ein Gefängnisgefühl. Zu weit weg, um mal in die Stadt zu gehen. Mein Projekt war außerdem meistens bei unserem Haus, das abgelegen auf einem Hügel war. So hab ich kaum Kontakt mit den Kindern gehabt.
  • Mokkhita selbst wirkte sehr freundlich, war aber nicht verbunden. Wie ich fand, weder mit uns noch mit den Kids. Einmal haben abends alle Kids kleine Theaterstücke aufgeführt. Richtig mit Bühne und so. Die Dorfeltern waren auch da. Alles superlieb. Jaime und Mokkhita haben als einzige auf Stühlen gesessen (während alle anderen standen). Es war dann zwar Jaime, der zu allem Überfluss noch gelacht hat und jovial mit der Hand gewedelt: könnt ihr mal beiseite gehen, damit wir was sehen…
Kam mir vor, wie der König mit seinem Berater. Doppelplusungut.
Dazu residiert Mokkhita auf dem Hügel, am weitesten abgelegen in seiner Luxuslehmkuti mit Kaffemaschine und Internet, ganz neuem chique desighntem und auffallend accurat gearbeitetem augenförmigem Lagerfeuerplatz (mit augenförmiger Betonsitzmauer für mehr als 20 Leute, weswegen wir jetzt immer mittwochs hier am Lagerfeuer sitzen, anstatt in der Meditationshall) und kreisrunder Yogaplattform mit Blick auf den InleSee.
Ja, und die Höhle gleich nebendran ist auch bald fertig. In einem Dammatalk, bei dem es mal wieder um die Hinderungen zu tiefer Meditation ging (zum Beispiel Unruhe, Zweifel, Müdigkeit: Zustände, die auftauchen, bei dem Versuch, sich in Meditation zu versenken.), hab ich Mokkhita mal gefragt, ob der Wille zur Macht auch eine Hinderung sei. Mokkhita redet ja gut und er kam in zwei Sätzen darauf zu sprechen, dass dem Machtwillen immer ein Drang zur Kontrolle zugrundeliege. Darauf ich: na, wenn Meditation LOSLASSEN ist, dann ist es ja das Gegenteil von Kontrolle!
Ich weiß nicht, ob er verstanden hat, dass ich ihn meinte, mit dem Machtwillen. Vielleicht habe ich wenigstens einen Samen gelegt.
Was ich richtig genossen habe: +
  • Kontakt: wir waren um die 30 Volunteers. Teils Locals. Es war sehr leicht, mehr oder weniger guten und tiefen Kontakt zu haben.
  • Job: speziell in den letzten Wochen mochte ich mein Projekt und ich verstand mich super mit einem meiner beiden Kollegen: Nano. Michael war auch nett.
  • Umgebung: die KlosterHöhle mit der warmen Ausstrahlung und den vielen Buddhastatuen war in nur 5 min zu Fuß erreichbar. In 15min war man auf dem ruhigen Haushügel mit Sonnenuntergangs- und Seeblick. Ohne Luftverschmutzung wäre es sicher eine super Aussicht gewesen.
  • Lagerfeuerplatz an unserer Kuti: ja, auch wir haben verbrannt.
  • Allgemein: es gab gefiltertes Wasser und drei Mahlzeiten pro Tag mit Reis und Gemüse von unterschiedlicher Qualität.
19:00-21:00 Dammatalk (sehr interessant), Meditation und sagen, was wir heute gemacht haben (langweilig, mit einem Hauch Kontrolle)
Das Programm hat nicht viel Freizeit gelassen. Außerdem hatte ich mich um Ella zu kümmern und ihr oft was kaufen müssen. Zum Beispiel alle zwei Tage Milch. Allein durch den Tagesablauf war ich ziemlich unter Druck.

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