ABC

Beim MBC halten wir garnicht erst. Es geht gleich weiter. Aber ich werde nun deutlich langsamer. Gefühlt brauche ich nach drei laaangsamen Schritten eine Pause. In echt sinds vielleicht 10.

Vor uns der Annapurna South und rechts davon taucht hinterm Hüchel sehr gemächlich Herr Annapurna I himself auf.

Noch fasziniert mich mehr der Blick zurück zur Flanke des Fishtail, der uns die ganzen Tage begleitet hat und auf den Annapurna III

Geschafft! Zu Mittag kommen wir nach 4 h Schleicherei (meinerseits) oben beim ABC an und befinden uns somit auf 4100m Höhe.

Nakul schaut nach einem Zimmer für mich. Und ich natürlich nix wie hin zur Moränenkante.

Ich steh noch garnicht dran, da hör ich Nakul zum ersten Mal fast böse, jedenfalls richtig energisch:

„DON’T GO THERE!“

„But…“

„Don’t go there, come back! First Lunch. Later, I will go with you!“

Ich muss jetzt noch über diese Situation lachen. Vor Tagen, gefühlt vor Wochen, hab ich Nakul mal gefragt, ob er böse werden kann. „Nee, eigentlich nicht. Aber ich kann böse schauen!“

„Zeig mal!“

Das war der Totlacher schlechthin, wie er die Augen aufreißt und mit seinem lieben Bubengesicht irgendwas ernsthaftes hinzukriegen versucht.

„DON’T GO THERE!“, wird natürlich unser running gag.

Und: „Ich mach in 99,5% aller Fälle, was du sagst, kleiner Bruder.“

Weil ich’s beim Aufstieg mit der Luft nicht so hatte, empfiehlt Nakul KnoblauchNudelSuppe. Ein Mädel, das ich unterwegs paarmal traf, erzählt, dass wir hier oben 4-6 Liter/d trinken sollen. Obwohl ich seit Tagen dauernd eine trockene Kehle habe und alle halbe Minute beim Aufstieg was getrunken habe, bin ich noch weit davon entfernt.

Endlich geht Nakul mit mir zur Abbruchkante der Seitmoräne. Ich bin richtig brav.

Wir hocken lange auf einem Stein und lauschen dem Gurgeln und Knacken des Gletscherstromes.

Dann will ich unbedingt noch in Richtung des Annapurna South Gletschers. Ein Fels verdeckt bisher die Sicht auf eine Gletscherklippe.

Und dieser See taucht auf. Wie Toma. Nur ausgetrocknet.

Es ist erst halb drei. Bewegen hält warm, aber so richtig viel Sauerstoff ist hier nicht, das ist mal klar.

Ich bestelle mir in der Dining Hall mal wieder eine Kanne heißen Ingwer. Mit Zucker geht das richtig gut runter. Außerdem ist es so nah am Gletscher ordentlich kalt. Da hilft das auch. Was ich echt nicht verstehen kann, ist, dass auch hier keiner die Tür zu macht.

Ich lerne den Finnen Juusha und seinen indischen hübschen Freund kennen. Wir unterhalten uns prima.

Juusha hat bisschen Kopfschmerzen. Mir selbst wird gegen 4:30 so saukalt, dass ich versuchen möchte, im Bett ein bisschen Wärme zu speichern. Mir ist allerdings auch klar, dass es auf meinem Zimmer viel kälter sein wird, als in der Dining Hall. In voller Montur lege ich mich ins Bett und versuche es mit Selbsthypnose. Ich kann mir echt auch ganz gut den Holzofen inclusive Wärme vom Hotel in Ghorepani vorstellen. Dennoch höre ich eine Stunde lang nicht zu zittern auf. Dann gebe ich es auf und schleiche frustriert wieder zur Dining Hall. Hier ist es inzwischen noch etwas wärmer, weil mehr Gäste da sind. Aber ich kriege meine Kälteschauer nicht in den Griff. Sofort ist Nakul zur Stelle.

„Nakul, I made a mistake! Ich bin mit allen Klamotten ins Bett gegangen, aber ich kann nicht aufhören, zu zittern!“

Ich hatte ihn vorher mal gefragt, ob ich die Decke mit in die Dining Hall nehmen darf. Eventuell hat er mich nicht richtig verstanden, jedenfalls dachte ich, es ist verboten. Wegen essen und so. Nun bringt Nakul mir meinen Schlafsack, legt den kompliziert um mich rum, stopft alles zu und rubbelt mich mit ganzem Körpereinsatz warm.

Oh, so langsam…

Dann kommt das Essen und das wärmt zusätzlich von innen. Nakul wird es nicht müde, zu sagen, dass ich viel Dal essen soll, das wärme am besten. Die Portion ist nicht groß und ich bestelle nochmal, aber bald wird mir schlecht, wenn ich nur dran denke, noch einen Bissen runter zu schlucken.

Nakul leiht eine weitere Decke und hetzt mich rüber ins Zimmer. Ich muss alle Jacken anlassen und im  Schlafsack unter zwei Bleidecken liegen. Ob ich Kopfschmerzen hätte. Ja, jetzt schon, ein bisschen.

Ich bin in einem Vierbettzimmer. Bisher wusste ich nur von einer Schweizerin, dass sie es mit mir teilt. Ich hoffte die ganze Zeit inständig, dass sich noch zwei wärmende Körper zu uns gesellen.

Nakul organisiert zwei indische Nepali, die selber auf Trekkingtour sind. Ich soll denen Bescheid sagen, wenn was ist. Sie würden Nakul holen. Aber der ist eh erstmal alle 5 Minuten bei mir. Bringt mir thermoskannenweise heißes Wasser, misst meinen Sauerstoffgehalt im Blut, gibt mir Diamox. Erst über die Stunden hinweg drei halbe, aber mein Kopf platzt bald und die Tabletten helfen immer nur ein paar Minuten, in denen ich besser atmen kann.

Als die zwei NepaliMänner ins Bett gehen, fühle ich mich schon reichlich desolat. Ich denke, zusätzlich zur Höhenkrankheit, machen mir der wochenlange Durchfall und die Erkältung zu schaffen.

Nun reden die zwei so laut mit mir. Wollen sie mich aufmuntern? Aber ihre Stimmen hallen in meinem Kopf nach, wie in einem Blecheimer.

Das grelle Licht ihrer Kopflampen kann ich genausowenig ertragen.

Natürlich schlafen sie ein, ehe ihre Ohren die Kissen berührt haben.

Und schnarchen.

Das zersägt mir die letzten Nerven. Dauernd rüttle ich an einem von ihnen. Als der neben mir aufwacht, geht er gleich zu Nakul, obwohl ich erzähle, mir geht es zwar scheiße, deshalb sitze ich auch an die Wand gelehnt im Bett, weil ich so besser Luft bekomme, aber ich möchte noch warten, bis die zweite Hälfte der Diamox wirkt.

Nakul kam eh alle 5 Minuten. Ich soll trinken, trinken, aber nicht raus. Ja, aber ich muss natürlich dauernd auf Klo. Dann wieder Saurstoff messen…

So geht das die ganze Nacht.

Nun tauscht Nakul mit dem Mann neben mir die Betten. Puh, das ist einfacher. Er bleibt. Und er bleibt an meiner Bettkante und hält mich eine Ewigkeit. Ich fühle mich, wie Familie. Fühle mich ruhig werden.

Wir versuchen zu schlafen.

Irgendwann wird mir warm, heiß! Mein Gesicht scheint zu platzen und die Augen drücken so. Ich will, dass Nakul eine Bleidecke entsorgt. Mein Bett ist so schmal, dass ich nirgends damit hinkann. Er versteht mich falsch und deckt mich wieder damit zu. Da krieg ich voll den Raster, schmeiße die Decke von mir und krieg den Reißverschluss des Schlafsackes nicht gleich auf.

Nun bringt Nakul mir heißes Salzwasser. Kaltes darf ich nicht trinken. Ich will eh dauernd trinken, weil die Kehle so trocken ist.

Dann schnarchen beide wieder und der Mann weiter von mir weg macht diese elenden Schlafapnoegeräusche.

Ich kann das Gesäge nicht aushalten, kriege selbst kaum Luft und bekomme Panik, wenn er keine Luft bekommt. Da lange ich über Nakuls Bett nach ihm und rüttle an seiner Schulter  „Hör auf damit“

Nakul wacht auf und fortan rüttelt er an den anderen Mann : „No need to snore!“

Ich werde erst wieder ruhiger, als ich gegen drei Uhr nach drei halben Diamox über die Nacht nun eine ganze nehmen soll.

Ich stehe schon völlig neben mir und hätte zu allem ja gesagt.

Um 5e wache ich auf, mal wieder auf Klo, aber ich spüre jetzt zum ersten Mal die Kraft wieder in mir aufsteigen. Die Hoffnung, dass ich es ohne Heli nach unten schaffen kann.

6:15 steige ich zum letzten Mal aus den Federn und 10 Minuten später erglüht Annapurna unter einer dicken Wolkenschicht.

Das Spektakel dauert nur wenige Augenblicke. Ich muss wieder weinen, weil ich das erleben darf!

Da höre ich Nakul rechtschaffen aufgebracht hinter mir: „Don’t go there! Don’t go up to the edge, you can see from here! You will get headache, again!“

Aber ich muss jetzt wissen, ob ich ein wenig den Hang hoch gehen kann. Und ich bin sehr vorsichtig. Das ist der Test. Ok, ich kann nachher den Berg heruntersteigen.

Ich lege mich garnicht erst wieder hin, sondern packe meine Sachen und mache mich fertig.

Nach dem FS gehts gleich los und wir hören schon einen Heli kommen. Im Laufe dieses Vormittags mindestens zehn. Irgendwann höre ich auf, zu zählen. Nakul erklärt mir, dass drei Patienten darin Platz finden.

Jeden Tag dreißig mal HeliRescue? Kein Witz. Das muss besser werden. Da gehört wesentlich mehr Aufklärung her. Obwohl ich einiges über Höhenkrankheit wusste, habe ich die Zeichen zu spät erkannt. Sonst hätte ich abends noch runter laufen können, zum MBC.

Nun schleiche ich eben jetzt runter, alles wird gut. Nakul hatte mir in Deurali einen Bambusstock gemacht. Den kann ich jetzt besonders gut gebrauchen.

Kurze Pause im MBC, Tee und etwas liegen.

Als wir weiterstapfen, werde ich richtig übel schlapp. Ich versuche es mit weiteren Verschnaufpausen, aber es hilft nix. Nakul darf wieder meinen Rucksack nehmen und wir hangeln uns Hand in Hand, in der anderen Hand den Stock, vorsichtig den Hang hinunter.

Helikopter Rescue on foot.

Jeder sieht und versteht, was gemeint ist.

Seine Guide Kumpels, die er unterwegs trifft, grinsen fett und ich kann deutlich sehen, dass sie funny comments machen. Is ja auch witzig.

Kann ich prima mitlachen.

Wir passieren Deurali

und machen wieder Lunchrest in Himalaya.

Da sind Affen im Gebüsch. Ich bin voll dankbar, dass ich zwei eine Weile beobachten darf.

Einige Zeit später begegnen wir einer ganzen Horde. Drei bis sechs sitzen auf dem Weg. Dann laufen welche in den Wald hoch und andere kommen nach. Bestimmt 50.

„Wie heißen die eigentlich?“

„Weiß nicht.“

„Ok, für mich ist es einfach. Ich nenne sie Annapurna Monkeys…silent Annapurna Monkeys.“

Denn mir fällt im Nachhinein auf, dass sie keinen Mucks von sich gegebem haben.

Heute schaffen wir es bis Dovan. Auf 2500hm runter.

Ich schlafe, wie ein Baby.

Freitag, 15.11., Tag 8

Schön, wieder deutlich wärmer, hier unten.

Zum tausendsten Mal gehen wir an einigen Nepali Porters voebi.

„Namaste!“

„Amonkipinmahe!“

Die Antwort klingt komisch, ich brauche ein paar lange Sekunden, bis ich die unerwartete Information mit dem Bild, das sich mir bietet, zusammenbekomme.

Dass alle fett grinsen, ist ja normal. Einer steht vornübergebeugt und bekommt sein Haar gewaschen.

„A monky pisst on my head!“

Wir lachen uns halbtot. Sogar, die uns entgegenkommen wissen es längst. Hinter der Kuppe stapfen wir wieder abwärts. Große Bäume mit weit ausladenden Ästen. Tatsächlich sitzt ein Affe auf einem Ast direkt über dem Pfad.

Wir sind nicht die einzigen, die sich totlachen. Ich schätze mal, die machen sich einen Sport draus. Pissdart.

Silent Pipi Anapurna Monkeys.

In Jhinu checken wir ein. Ich bin ungeduldig. Wir wollen zu den hot springs. Es geht mindestens eine halbe Stunde den Berg runter. Und ich denke mal, unten im engen Tal ist die Sonne bereits weg. Das bedeutet eventuell, nachher im Kalten raufstapfen.

Die beiden netten Russen, die ich unterwegs schon ein paar mal gesehen hatte, waren zwei Stunden im Wasser.

Nakul schaut mich an, als müsse er mir unbedingt was ernsthaftes sagen.

„In unsere Kultur ist das so…das wird nicht akzeptiert…wenn du dich umziehst, musst du aufpassen, dass du nicht nackig bist.“

„Nakul, als ich im Fluss gebadet habe, da war niemand.

-Du hast geschaut!“

Voll süß, wie er lachen muss.

Endlich können wir los. Plötzlich ist Nakul, wie ausgewechselt und springt und hüpft den Hang runter. Der freut sich, wie ein Kind, richtig schön.

Abends spendiere ich mal wieder Millet.

Aber später vergesse ich voll die Zeit, als ich mich mit Eugene unterhalte. Er hatte erwähnt, das er mal im Kaukasus war. Ich hatte vor meiner Fahrt ja auch die Idee, dort zu wandern. Es passte aber nicht in die Jahreszeit. Und nun muss ich unbedingt mehr erfahren. Es stellt sich heraus, dass seine Vorfahren aus dem Kaukasus kommen und er immernoch oft seine Mutter dort besucht. Und Trekkingtouren macht.

Außerdem wusste er eine buchreife Geschichte von Frauenraub (seine Oma) zum Zwecke der Hochzeit und mehrfacher, endlich gelingender Flucht zu erzählen. Der Mann, bei dem sie Schutz findet ist sein Opa.

„Tja, wenn ihr die mutige Flucht nicht gelungen wäre, könntest du mir jetzt diese Geschichte nicht erzählen.“

Samstag, 16.11., Tag 9

Diese lustige Koreanische Gruppe ist uns unterwegs ein paar Mal begegnet. Heute morgen tanze ich ausgelasen mit.

Ich hätte mich auch für einen Nachmittg in Pokhara entscheiden können. Aber Nakul macht den AlternativVorschlag, den überzähligen Tag für eine weitere Wanderung nach Ghandrup, einer etwas größeren Bergortschaft mit historischen Häusern, zu nutzen.

Bin ich sofort dabei. Keine Lust auf Großstadtbetrieb nach der ruhigen mächtigen Bergwelt.

Über diese Brücke musst du geihn…

Ghandruk

Die besten ChickenMomos

Sonntag, 17.11., Tag 10

Ein letztes Mal glühende MorgenAnnapurnaMountains

Und heim gehts nach KTM mit einigen Staus. Statt früher Nachmittag wird es 23:00 bis ich völlig fertig und erfüllt an der Hostelrezeption stehe.

Wegen des doppelten Abschiedes und überhaupt, haben Nakul und ich die ganze Fahrt über im Schüttelbus Händchen gehlten, wie Hänsel und Gretel. Das war schön.

Ein Gedanke zu „ABC“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.