Annapurna Base Camp trekking 2

Weiterhin Sonntag, 10.11. , Tag 3

Auf gehts nach Tadapani

Hier hätten wir fast dieselbe Aussicht. Zumindest auf die hohen Berge. Aber die Sonne kann man hier nicht aufgehen sehen und der Blick ist nicht so frei nach allen Seiten. Ich bin sehr froh, dass wir das Morgenspektakel auf Poon Hill erleben durften.

Die blaue Blume fehlt auch in nepalesischen Bergen nicht am Wegesrand.

Schon gestern Nachmittag hab ich irgendwann zu Nakul gesagt: „Ich weiß, es ist nur psychisch. Aber, wenn du vor mir läufst, verliere ich instantan meine Energie und werde schlapp, komm bald kaum noch ein paar Stufen hoch. Wenn ich vor dir laufen darf, fühl ich mich dagegen superfit.“
Er vergisst es noch ein paar mal. Dann merke ich es wieder und erinnere ihn freundlich.
Fortan läuft Nakul einen halben Schritt hinter mir.
„So kannst du mich auch auffangen, bevor ich einen steilen Abhang herunterfalle.“
Wir tapern so dahin, mehr oder weniger steile Stufen auf und ab, teils wurzelige oder geröllige Stolperpfade, über Hängebrücken und Bergrücken.
Nach und nach finde ich meinen Rhythmus.
Und plötzlich muss ich anhalten. Ein kuzer, aber intensiver Weinkrampf schüttelt mich.
„You ok?“ Da muss ich wieder weinen. Und diesmal sprudelt es aus mir heraus. „Weißt du, das ist schön, dass du da bist. Ich bin so froh darüber, dass ich nicht alleine gehe und dich an meiner Seite habe. Da ist plötzlich jemand, der immer da ist und sich so aufmerksam kümmert. Und während ich das genieße, werde ich auch sehr traurig, weil ich nun merke, wie sehr ich es vermisst habe.“
Nakul schaut erst sehr verzweifelt. Dann ist seine Reaktion auf meine Traurigkeit, dass er sich noch herzlicher um mich kümmert. Er will unbedingt meinen MiniBabyRucksack tragen und hält mich mit hoch erhobenem Arm an der Hand, damit ich den steilen Hang mit nassen Wurzeln und unrgelmäßigen Steinen stolperfrei bewältige.
Alle, die uns überholen, vor allem die Nepali grinsen fett.
Kann ich auch verstehen.
Ich will unbedingt meinen Rucksack wieder. Sowas, wie meine Selbständigkeit. Ich kann das alleine!
Aber den krieg ich erst weiter unten, als ich mich etwas beruhigt habe und mit festerer Stimme sagen kann, dass ich mich krank und schwach fühle, wenn er meinen Kram trägt.
Zu Mittag futtere ich ein paar Mandeln. Ich merke selbst, dass mir der Appetit abgeht.
Und dauernd quatschen wir wieder von vorne davon, dass Nakul sich Sorgen macht und „I am sad, when you are sad.“
„Ja, aber ich hab doch bloß geweint, ist doch längst alles wieder gut.“ Wieder und wieder die gleiche Schleife. Nakul beruhigt sich überhaupt nicht. Und das macht mir so langsam Sorgen.
Als wir recht früh, wohl so gegen 14:00 in Tadapani ankommen, organisiert Nakul mir ein Zimmer. Ist fast alles belegt, aber im dritten oder vierten Hotel bekommt er noch ein Zweibettzimmer, dass ich mit einem jungen deutschen Mädel teilen soll. Ist mir egal, alles prima. Ich leg mich sofort ins Bett.
So langsam wird mir klar, dass ich wirklich nicht ganz in Ordnung bin. Ich müsste echt mal duschen und es müsste doch ganz nett sein, nach einer anständigen Mittagspause noch die schöne Sonne zu genießen und eventuell mit ein paar Leuten ins Gespräch zu kommen. Aber ich hab steinern zu nix Lust. Will mich bloß nicht rühren und Bett und Kammer nicht verlassen.
Habe die letzte Nacht fast nicht und die Nacht davor auch kaum geschlafen. Beide Nächte zusammengerechnet waren es nicht mehr als drei, vier Stunden.
Verdammt nochmal, du gehst jetzt einfach mal raus!
Und siehe da: an einem Tisch im Hof sitzt Margot! Und malt Berge. An einem anderen Tisch sitzt das deutsche Mädel aus meinem Zimmer.
Ich setzte mich erstmal in die Sonne und sag nicht viel. Plötzlich kann ich mich nochmal zusammenreißen, springe fast auf und schreite tapfer zur Dusche.
Genau das markiert den wesentlichen Schritt heraus aus einer kurzen depressiven Phase.
Es ist zu spät, als dass meine Haare noch in der Sonne trocknen könnten. Auch diese Hütte hat einen Ofen und Margot, das Mädel und ich bilden einen munter plappernden Frauenraum in dem ich mich gut aufgehoben fühle.
Ab und zu steht Nakul hinter mir und sieht nach dem Rechten. „Nakul, when you are happy, I am happy.“ Und er versucht ein klägliches Lächeln, das ihm nicht so recht gelingen will. Aber ich lache zurück. „Siehste, klappt doch!“
Zum Abendessen blättere ich lustlos in dem fettigen, dreckigen, klebrigen Menü. Später machen wir Witze über Geschmacksproben oder dass man satt wird, wenn man nur an der Karte leckt. Jetzt aber hab ich keinen Appetit. Ich stelle mir jedes Gericht vor und kann mir absolut nicht vorstellen, dass ich es essen würde. Zusätzlich regt es mich auf, dass alles so teuer ist. Das Essen ist zwar gut, aber überall in den Hütten ist was kaputt, alles ist dreckig. Hygiene wird nicht nur in den Städten, sondern hier in den Bergen genauso, weder groß, noch klein geschrieben.
Ich muss alles vergessen, was ich mir über Immunsuppression einbilde oder was ich in der Klinik an Hygienerichtlinien gelernt habe. Ja, ich darf nichtmal daran denken, wie es zum Ausbruch von Pest und co kam. Und bloß nicht, dass ich wegen eines bakteriellen, eitrigen Ausschlages, den ich mir auf den Fijis geholt hatte, 5 Tage in Aucklands Krankenhaus absolviert habe. Den anderen Gästen gelingt es ja scheinbar auch, wegzuschauen. Ich habe nie jemanden klagen hören.
Der Dame geb ich erstmal das klebrige Menü zurück. „Tut mir leid, mir geht es heute nicht gut (deute dabei auf meinen Bauch und mache peristaltische Bewegungen nach). Ich kann garnichts essen.“
Später futter ich heimlich einen kleinen Apfel und ein paar Mandeln auf dem Zimmer.

Montag, 11.11., Tag 4

Zwanzig vor sieben wache ich auf aus einem unruhigen Unschlaf. Plötzlich hält mich nichts mehr. Ich glaube, es war der Sonnenstrahl auf der Gardine, der mich aus der Lethargie gehoben hat.

Schwupp, steh ich draußen…

…die frühe Morgensonne taucht Dunst und Berge sanft in goldenes Licht.

Margot sitzt an der Hauswand und malt wieder Berge. Sie strahlt diese himmlische Ruhe eines Menschen aus, der schön im Flow ist.

Ich genieße die kühle frische Morgenstimmung und mache ein wenig Gymnastik. Nun taucht auch das Mädel aus meinem Zimmer auf. Sie ist aus Köln und freut sich, dass heute der 11.11. ist. Ups, bisschen befremdlich.

Sie genießt ihren letzten Bergetag, denn sie kommt vom ABC zurück. Und auch Margot macht ’nur‘ den Rundweg, dessen Highlight der Sonnenaufgang auf Poon Hill war.

Ich dagegen habe noch so viel Weg vor mir und bin nun innerlich voll bereit und voller Vorfreude.

Nakul taucht auf. Er schaut immernoch verzweifelt. So langsam verstehe ich auch, warum. Er fühlt so viel Verantwortung und weiß nicht, ob und wie er mich gut durch die Berge bringen kann. Mit anderen Worten, er kann die Situation mit mir nicht einschätzen, weil er es nicht kennt, dass jemand ‚dauernd‘ weint.

Hilft alles nix. „Nakul, kannst du garnicht lachen? Wenn du worried bist, bin ich es auch…we should stop that.“

Endlich kriegt auch er die Kurve und wir können frischen Mutes nach einem guten FS starten.

Die Mädels verabschiede ich ungern. Ich spüre, dass unsere Begegnung besonders ist.

Heute wandern wir plangerecht nach Sinwa.

Ich will meine Schlafanzughose waschen, denn die hab ich Tag und Nacht an. Habe nicht damit gerechnet, dass es tagsüber meist heiß ist. Und so hab ich die Wanderhose, die ich extra im Kalapathar gekauft habe, kaum an.

Ich frag extra noch, ob die Hütte auch einen Ofen hat. Und irgendwie missverstehen wir uns wohl.

Ich muss meine nasse Hose draußen aufhängen, wo sie garantiert nicht zur Nacht und sicher auch nicht bis zum Morgen trocken wird.

Nakul erklärt mir, dass auf dem letzten Stück zum ABC kein Holz verbrannt werden darf. Es gibt nur Gasherde für die Küche. Auf beiden Seiten der Küche sind Dining Halls. Aber jeder lässt die Türen auf, so ist es recht frisch und Wäsche darf man auch nicht mit rein nehmen.

Ich hänge den ganzen Abend mit Nakul im Locals Dining room ab. Nakul hat mir erklärt, dass auf den Feldern, die wie Reisfelder aussehen, Milet angebaut wird. Und auch, lang und breit, wie aus Miletporridge und ein paar Heilkrätern der lokale Wein destilliert wird. Nu muss ich natürlich mal probieren. Nakul besteht darauf, das vor dem Essen zu tun. Klar, so wirkt er besser. Hat man mehr vom Geld. Wir bekommen den ‚Wein‘ in gläsernen Teepötten serviert. Schmeckt bisschen komisch, aber ich kriege es durchaus runter. Erst schmecke ich bloß den Alkohol, dann entfaltet er auch seine Wirkung. Wir sind mal richtig entspannt und lachen uns über nix und alles halb tot.

Zum DalBath Dinner tapere ich rüber zu den anderen. Da sitzen auch die beiden Engländer, denen ich unterwegs schon begegnet bin. Tief in Lektüre versunken. Es ist weit und breit kein Gespräch in Sicht. Die beiden Jungs hätte ich wohl schon anhauen können. Ich bin aber nicht in der Laune.

So gehe ich wieder rüber zu den Locals, schaue ihnen noch beim Essen zu und bekomme dafür ne richtig dicke Decke für die Nacht. Weil eine über ist. Die ist so schwer, ich kann sie kaum tragen. „Oh, this is a mans blanket.“

Zuerst versuche ich, in der Plastikwanderhose zu schlafen, dann ohne Hose. Geht alles nicht. Bis ich die rettende Idee habe, meinen Hoody überziehe und den Pulli kurzerhand zur Hose unfunktioniere. Zusammen mit der Bleidecke falle ich endlich in tiiiiieefen Schlaf.

Dienstag, 12.11., Tag 5

Way to Himalaya and Deurali

Sobald es dunkel wird mögen die meisten eigentlich schon schlafen gehen. Aber dann muss man noch zu Abend essen. So wirds meistens gegen halb acht.

Klar, dass ich von alleine früh um 6e aufstehe.

Wir stolpern mal wieder einen ganzen Hang hinunter, um über eine BaumstammBrücke den nächsten Hüchel zu erreichen. Auf und ab. Thats how mountains are.

Und wieder bildet der glasklare Fluss verlockende Becken. ‚Nakul! I GO bathing!‘ Er, in meinen Ohren schon schwächer: ‚No, don’t go, its too cold. You already cought a slight cold…‘

Tja, er hat nix mehr zu sagen, bekommt mein Handy in die Hand gedrückt. Juhuu!

Das’s mal wunderbar erfrischend und ein Spaß, wie ich ihn mag!

Ist auch längst nicht so kalt, wie der Gletschersee in NZ. Außerdem sind wir ja warmgeturnt, die Sonne scheint heiß und gleich gehts wieder den Hang hinan.

In Dovan finde ich diese herzige Karte.

Buddhistische ‚I am here bells‘ bei einem schönen Wasserfall

Mittagspause in Himalaya auf einer sonnigen Holzbank. Hinter der Terrasse bekommt jemand seine Haare lang und breit geschnitten. Da ist auch ein Schlauch, an dem sich einige Locals die Haare waschen… nett schläfrige zufriedene Stimmung.

Weil wir so früh in Himalaya waren, geht es heute bis Deurali. Da isses schon.

Die letzten Meter nutze ich, um mal meinem inneren Antreiber Einhalt zu gebieten. Ich fühle mich, wie ein Dunkey, der dauernd mit der Peitsche eins drauf kriegt. Als ob ich immer die Schnellste und erste sein müsste. Schluss jetzt!

Schön langsam genieße ich die letzten Schritte.

Eine lustige Brücke

Ich habe nicht nur immernoch etwas Durchfall, sondern verliere auch weiterhin Wasser. Ich kann trinken, soviel ich will. Muss einfach nur öfter auf Klo. So auch in dieser Nacht, zum Beispiel um 23:45.

Wow! Vollmond über mir. Die Landschaft, die sich nachmittags zusehends in Wolken verhüllt hatte, präsentiert sich nun glasklar in stahlblauem Licht. Es ist arschkalt, aber ich bin schön aufgewärmt von meinem Bettchen. Seit heute Nacht schlafe ich in meiner lieben Daunenjacke.

Ich muss unbedingt ein paar Meter den Hang hinan. Überwältigend.

Das Mondlied singt sich von allein.

Mittwoch, 13.11., Tag 6

Deurali nach ABC

Wie meistens ist es morgens klar. Ich liebe diese Stimmung, wenn alles so langsam aus den Betten krabbelt, halb schlaftrunken mit einer Tasse Tee in der Hand dem grauenden Morgen und dem langsam erwachenden Licht auf den Bergen zuschaut.

Mittlerweile, ich wills ja nicht wahrhaben, hat mich auch eine ordentliche Erkältung erwischt.

Ich sage ‚auch‘, weil man von allen Seiten rotzen, niesen und husten hört. Wohl kaum einer, den es nicht erwischt hat. Ziemlich häufig höre ich auch von Durchfall.

Ganz leicht klopft es auch im Hinterkopf, dass heute 900hm zu bewältigen sind. Die Kletterei stelle ich mir anstrengend, aber nicht so schlimm vor. Es sind 4,5h dafür veranschlagt und ich bin bisher immer, auch in schlechter Verfassung schneller gewesen. Eher macht mir Sorgen, dass ich Nakul extra gebeten habe, in ABC zu buchen. Weil dat Köllner Mädel nämlich dort kein Bett bekam. Das Machapuchhre(Fishtailmountain)BaseCamp (MBC) liegt ungefähr in der Mitte zwischen Deurali und ABC. Und 500hm niedriger. Ich spüre, es wäre die bessere Idee, dort abzusteigen und extra früh für den Sonnenaufgang nochmal hoch zu laufen, zum ABC.

Aber ich konzentriere mich darauf, meinem Antreiber Einhalt zu gebieten, was die Schrittgeschwindigkeit angeht und verliere den Sicherheitsplan aus dem Sinn.

Diese Eishöhle…

…ist der Rest einer alten Schneelavine.

Ich brauche keine Gebetsfahnenschnur, um zu erkennen, dass das Ding brandgefährlich ist. Dummerweise haben vor zwei Wochen ein paar Trottel da rumgespielt. Welche standen drunter und welche sind raufgeklettert. Einer davon ist eingebrochen, ein unterer erschlagen.

Mein Blick wandert immer wieder zurück ins Tal

Nach vorne tut sich eine veränderte trockene Landschaft auf

MBC

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