Nochmal Seoul

Samstagmittag, 2.11.

Nachdem auch in Seoul an drei weiteren Stellen meine Plastikkarten nix wert sind, bezahle ich cash für mein Bettchen und konzentriere mich bei einem Powernap auf mein Moneyproblem.

Ich checke mal die Bankhomepage. Da fällt mir die Möglichkeit auf, eine Pin für die Kreditkarte zu kreieren. Und mir fällt es gleichzeitig wie Schuppen aus den Augen, dass ich nämlich vor vier Jahren, als ich extra für die Weltreise meine erste Kreditkarte besorgt habe – nämlich diese – ich mich viel besser damit ausgekannt und im folgenden alles wieder vergessen hatte.

Pin kreiert, Problem gegessen. Und ich versuche nicht wieder, mit meiner Bankkarte Geld abzuheben. Das ist nämlich deutlich teurer, weil ING zusätzlich zu den Automatengebühren noch 5€ extra berechnet. So, wieder was gelernt, Kapitel abgeschlossen.

Und zur Feier des Tages gibts  ein paar Sträßchen weiter seit langem mal wieder richtigen Kaffee…

…und gute Unterhaltung.

Ein netter NZler kommt auch vorbei. Und als ich ihm den Bukhansan Park empfehle, hab ich selbst die Idee, dass doch damals die Jungs im Bus dorthin eine ‚andere‘ Route auf den Baegundae genommen haben. Sind ja noch ein paar schwarze KletterWege in dem Wald zu erkunden. Und the weather will be fine 🌞.

Mag sein, dass es für den werten Leser meines Blogs längst stinklangweilig ist, immer nur Steinhaufen zu betrachten. Aber mir machts Spaß 😀!

Da bessert sich direkt meine Laune von mehreren Seiten. Die Erleichterung sieht mir sogar der nette und besorgte Hostelbetreiber an, als ich rechtzeitig zum Porridge machen zurückkomme.

Übrigens ist es hier nicht schön. Die auf Booking.com angepriesene Terrasse ist ein echtes Goldstück…

…und macht mich bisschen traurig, weil sie mit so wenig Handgriffen richtig cool sein könnte.

Richtig schlimm ist das Bad. Das Zimmer selbst ich auch nicht wirklich besser. Alles ist kaputt und versifft und niemand tut einen Handschlag. Offenbar seit sehr langer Zeit nicht mehr.

Ein Besipiel: das Duschwasser rinnt an der Badezimmertür direkt ins Zimmer und unter den aufgeplatzten PVC. Kein Spaß. Als ich das Bild mache, isz der ganze Krempel oberflächlich mal trocken. Naß siehts noch schlimmer aus.

Dieser Stadtteil!

Die Bars heißen Buddhas Belly und thirsty Monk…
Ich fühl mich unpassend, wie Oma in der Disco. Das hier hat nix mit mir zu tun. Dreckig, eine Bar an der anderen Bar und lauter betrunkene junge Leute, die ihren -aus meiner Sicht- oberflächlichen Spaß haben.

Wie issn das eigentlich, wenn man garnichts erwartet-
und tatsächlich nichts (was sich nahrhaft anfühlt) kriegt?

Erstmal ist es schockig, wie eine große Leere, in die ich fallen könnte.
Und dann besinne ich mich endlich wieder auf mich selbst.
Richtig gut.
Ist auch mal eine Wohltat, nichts aufregendes zu erleben. Einfach sein.
Und eine Weile diesen dreckigen ungesunden Trubel akzeptieren.

Obwohl mir höchstens danach ist, ein paar Tröpfchen Alk vermischt mit viel heißem Wasser und ganz in Ruhe vorm Schlafen gehen zu trinken, kaufe ich um die Ecke eine Flasche Soju. (Keine Angst, Gunnar, ich saufe tatsächlich nicht zu viel. So eine Flasche hat die Größe einer kleinen Bierbuddel. Und mir war das jetzt zu viel für die drei restlichen Koreaabende.)
Das Hostel hat keine Küche, aber an der Rezeption eine Mikrowelle, Heißwasserautomat und ein CanapéSofa. Außerdem ist es hier wenigstens himmlisch ruhig, wenn man das Brummen des kaputten Kühlschrankes ausblendet. Der Frauendorm geht zu einer Straße raus, die aus lauter kleinen Bars besteht. Die Straße ist so 1 m breit. Kriegste also jede Unterhaltung und die ganze Musik mit. Insgesamt ein aufgedrehter Bienenschwarm.
Ich mixe mir meinen großzügig mit Wasser vedünnten SojuTee (eigene Erfindung). Da kommt wieder dieser Mann vorbei.
Das gibts doch nicht, wie der rumläuft. So was hab ich noch nicht gesehen. Sein Brustkasten erhoben und zu einem Panzerschrank fixiert. Sein hartes Gesicht das Schloss mit sieben Siegeln dazu. Nicht grad minus 273Grad, der bewegt sich ja noch. Aber kaum drüber.
‚Magst du auch’n Becher Soju? Ist mir zu viel.‘
‚Ne, hab in jungen Jahren schon alles getrunken. Reicht für mein Leben.‘ Aber die Temperatur steigt um 2-3°.
Wir kommen tatsächlich ins Gespräch. Als er davon erzählt, wie er früher auf House abgedanced hat, registriere ich fasziniert, wie sein Gesicht und seine ganze Haltung sich verändern, während er auftaut.
Und sogar mit viel Fantasie unter der harten Kruste seiner Oberfläche ein klein wenig zu leuchten beginnt.
Überhaupt ist er Amerikaner (der allerdings halbwegs langsam und deutlich sprechen kann) und ich kann ihn wesentlich besser verstehen, als english sprechen. Also bin ich damit zufrieden, seinem Redefluss zu lauschen und nur ab und zu eine Verständnisfrage zu stellen oder ihm ein bisschen Feuer zu geben. So reden wir über Gott und die Welt. Mir macht es einfach Freude, zuzusehen, wie sehr er sich verändert (der von sich behauptet, dass er sich meistens zurückzieht und mit garkeinem redet).
Unter anderem fand ich dies bedenkenswert: er wohnt in China und muss ab und zu kurz ausreisen, um sein Visum zu verlängern. ‚Empfindest du China als deine Heimat?‘-‚Die ganze Welt ist meine Heimat.‘ ‚Hm, ich habe beim Reisen die Erfahrung gemacht, dass die Heimat letztlich in mir selbst ist.‘
Auf einmal ist es echt 24:00. War ein guter Abend, Jerome.

Sonntag, 3.11.

Ich schlafe bis 9. Bukhansan ist keine Option, habe das Gefühl, ich sollte es heute nicht überreißen. Das Wetter spielt auch mit. Es ist sonnig, aber so diesig, dass kaum eine gute Aussicht zu erwarten ist.
Also laufe ich nach dem FS auf der Goldstückterrasse (meine Zimmergenossinnen schlafen allesamt noch ihren Rausch aus und auch das RezeptionsCanapé ist von einer regungslosen Frau occupiert) durch kleine sonderbare Gässchen die 2km zum botanischen Garten. Der eher ein nicer Stadtgarten ist. Mit public Gym und Mineralquellen.
Es ist warm und ich fühle mich wunderbar langsam. Probiere wenig engagiert einige Trainingsgeräte. Deutlich aktiver suche ich sonnige Liegebänke auf und schaue den Blättern beim Fallen zu.
Eines von diesen ca. 3x 3 m großen Podesten wähle ich für eine ausgedehnte Mittagspause. Ich wandle längst in entfernten Gefilden, als sich eine Dame ganz dicht mit ihrem Gesicht zu meinem legt, ihren Hut über den Kopf stülpt und sofort anfängt, zu schnarchen. Ab und zu schreckt sie hoch und legt sich sofort wieder hin um friedlich weiterzuschnarchen. Schließlich hab ich ihren Arm auf meinem. Irgendwie find ich sie auch süß.

So drücke ich mich im Botanischen Garten des Namsan Park rum, bis ich zum Seoul Tower aufsteige. Diesmal von der anderen Seite. Hier führt ein alpiner kleiner Pfad hoch. Man hat, wenn es einem gelingt, die Straßengeräusche auszublenden, absolut nicht das Gefühl, mitten in der riesigen Stadt zu sein.

Fasziniert schaue ich ein paar Portraitzeichnern zu. Könnte ich echt auch mal wieder Lust kriegen.

Dann fliegt ein Drache über den Himmel und ich komme gerade rechtzeitig auf die Plattform.

Eigentlich wollte ich schon zum Hostel tapern. Ich finde, der Drache ist ein wunderbares Abschiedsgeschenk von Korea. Habe ich bereits erwähnt, dass die Christenheit auch in Korea die Drachen gekillt hat?

Dann plötzlich taucht die glutrote Sonne nochmal unter der Wolke hervor und flasht alle Anwesenden.

Eins ist wirklich gut in Korea (nach den tollen Bergen, natürlich). Sie haben an allen öffentlichen Plätzen und in allen öffentlichen Verkehrsmitteln freies Internet. Der Vertrag meiner DatenSim ist vor paar Tagen ausgelaufen. Aber ich komm recht gut ohne klar. Ist kurz vor dunkel und ich hab mir gerade eine praktische Busverbindung (Infrastruktur ist auch sehr geil) über NaverMap herausgesucht. Da hebt diese schöne junge Dame an, ihre eigenen Lieder zu singen.

Wunderbar! Endlich ein schönes koreanisches Lied!

Ich habe ihren Instagramm Zugang, aber muss noch hoffen, dass sie mir ihren Text in lesbarer Form zukommen lässt.

Als ich von der nahegelegenen Bushalte zum Hostel laufe ist die Sauf- und Kotzmeile signifikant ruhiger, als am Vorabend. Ist ja auch Sonntag. Na prima. Ich lausche noch kurz einem andern Sänger, der zu Selbstkaraoke einen kleinen Blauzahnbrüllwürfel auf die Straße gestellt hat.

Im Zimmer haben wir Neuzugang. Die Frau hat ein graugrünes und kaltschweißig anmutendes Gesicht. Sieht ziemlich gehetzt aus.

Später, als ich im Bett liege (unten, sie im gleichen Etagenbett oben), bewegt sie sich ruckartig und das Bett wackelt erschüttert. Das Problem ist nur, das macht sie oft.

Nein. Sie macht das

DIE GANZE NACHT.

Montag, 4.11.

Morgends dreht sie nochmal richtig auf. Ruckt mit den Armen, klopft hektisch auf die Matratze, gegen die Wand. Sie hat son paar Muster. Jetzt fallen ihre Sachen nacheinander aus ihrem Bett.

Ich steh mal lieber auf. Dann fällt auch noch ihre Geldbörse runter. Ich packe die Gelegenheit beim Schopfe und frage, ob das ihre ist.

Sie dreht ihr Gesicht aus Kissen und Decke heraus und zu mir um und schaut mich freundlich an.

‚How are you?‘

‚Good, good.‘

Tourette und restless legs habe ich schon vor Stunden ausgeschlossen.

‚Dear, you did’nt sleep. All night. You should see a doctor.‘

Erreicht hab ich sie wohl nicht.

Zum FS unterhalte ich mich auf der Goldstückterrasse mit Assis, einem Marrokaner. In aller Ruhe nach Incheon gurken, wo ich mich flugplatznah eingebucht habe, Reistasche im Hostel lassen, einchecken darf ich erst um 3.

Auf dem nahegelegenen Spielplatz in der Sonne liegen und den ganzen Tag so gut, wie nix tun.

Doch: ich lese mich schon mal bisschen ein. Hole Infos über Kathmandu und Pokhara trekking.

Der Hostelbertreiber labert mich mehrmals zu. Der Koreanische Nationalstolz geht mir mittlerweile gehörig auf den Zeiger.

Aber hier macht duschen und Wäsche waschen wieder Sinn und das ist doch schon mal was. Geräumig und sauber ist es hier. Wunderbar.

 

Erkenntnisse SüdKorea

[ ] Eine Schule, meine Energie auch zu halten, wenn ich unfreundlich abgeflappt werde.
[ ] Auf der anderen Seite immer wieder dieses Geschenk besonders herzlicher Freundlichkeit anzunehmen. Das fällt mir leicht. Und die Freude darüber schwingt noch lange in meinem Herzen nach. Ich hoffe, ich bin manchmal auch so.
[ ] Also, ich weiß nicht, was ich kriege. Und das ist ok. Im Gegensatz dazu konnte ich mich in Japan auf Freundlichkeit fast verlassen.
[ ] Reisen macht, das man lernt, heiter Raum um Raum zu durchschreiten, an keinem, wie an einer Hameimat hängen zu bleiben. Reisen macht, dass ich spüre, ich hab immer mich selbst dabei. Nichts anderes.
[ ] Ich werde mir selbst Heimat
[ ] Ich darf ruhig sehr viel langsamer machen
[ ] Wenn ich meine Ressourcen ausschöpfe, und mein Körper das netterweise mitmacht, muss ich auch wieder runter von dem Leistungsross. Und zwar immer viel weiter runter, als mir lieb ist.
[ ] Ich suche Menschen und auch Völker, die sich die Liebe in Herzen bewahrt oder sie wiedergefunden haben

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