Sokcho 2, Seoraksan overnight hike

Mittwoch, 30.10.

Ich hab so viel gefragt, Information Center, Hostelmann, Passagier, der mir den Plan an der Haltestelle interpretieren kann, die Uhrzeit, die an der vorigen Haltestelle steht…jeder sagt was anderes, wann der erste Bus geht. Ich wäre gerne früh aufgestanden, um viel Zeit zum Wandern zu haben. Nun muss ich vom worst case ausgehen: erster Bus um 7:25. Ich wills ja nicht glauben. Und es ist eine Stunde Fahrt zum Seoraksan Park.
Jetzt hab ich aber die ganze Nacht kaum ein Auge zugetan, weil ständig mit ExtremDurchfall auf dem Klo gesessen. (Seit dem letzten Morgen in Japan war mir eh dauernd leicht übel.)
Morgens denke ich bewusst an den Rogen und muss auch gleich bestimmt dreißig mal stark würgen, bis mir die Luft wegbleibt. Kommt aber nix mehr. Prima, alles leer. Dann kanns ja losgehen.
Ich gehe früher zum Bus, weil ich schon fertig bin und siehe da, einer kommt um 7:09. Wäre sicher auch noch früher einer gefahren, aber ich bin zufrieden.
Innehalten am großen Buddha…

…und für gutes Gelingen der Wanderung beten.

Gelb und grün bedeutet leicht, rot und dunkelrot ist anstrengender, schwarz ist mit bisschen Klettern.

Die erste Stunde geht es flach, dann easy bergan. Immer am Bach entlang, der viele schöne grün-klare Pools bildet.

Dennoch merke ich, dass mir schnell die Puste ausgeht.

Windige Aussichtsplattform kurz vor der HuiungakShelterHütte.

Um 13:00 komme ich völlig fertig an der Huiungak Shelter an. Ich darf früh einchecken, als ich sage, dass es mir nicht so gut geht und ich etwas Schlaf brauche.
Für teuer Geld leihe ich mir zwei Filzdecken aus. Eine als Matratze (wir schlafen auf Holzboden), die andere als Decke.
Mein Bettplatz ist an der Heizung!
Dennoch zittere ich mich in den kurzen komatösen Schlaf.
13:30 schon hält mich nix mehr. Und ich stehe als Zombie wieder auf. Muss doch mal sehen, wie weit ich den Hang noch hinaufkomme. Der eigentliche Plan war, die höchste Erhebung des Nationalparkes, den Daecheonbong zu erreichen. In meinem Kopf pulsiert dauerhaft der Satz: „Wer klettern will, muss auch Nein sagen können.“
Ich setze mir als Zielmarker: um 16:00 kehre ich um, dann bin ich gut 2h hochgeklettert und habe noch gut 1,5 Stunden Licht, um wieder in meine Hütte zu kommen.
Unterwegs überholen mich einige Paare. Ich stehe nach jeweils drei Stufen gebückt da und schnaufe.

Es sind drei Bergspitzen auf dem Weg angekündigt. Wär doch gelacht, wenn ich nicht wenigstens die erste schaffen würde.
Hier denke ich, es wäre die erste. Man kann schon das Meer sehen.

Hier denke ich es nochmal.

Aber vieeeeeele, viele alpine Steinstufen später ist es dieser Ort.

Der Golfballberg ist die zweithöchste Erhebung, links der Daecheonbong.

15:30. Ein Mädel meint, es seien noch 20min bis zur letzten Shelter und dann nochmal 20min zum Daecheonbong. Na, wenigstens den Golfballberg schaffe ich doch noch bis 4.
Der Weg, auf dem ich einmal Eis sehe, führt aber an seiner Spitze vorbei. Jetzt sehe ich auch die Hütte. Noch 12 min. Nun weiß ich, dass ich mein Ziel erreiche und bin plötzlich supermotiviert.
Dieses Foto mache ich exakt um 16:00

Juhuuu, on top of the world!
Ich kann mich leider nicht lange aufhalten und der starke Wind ist eiskalt.
Beim Runterhüpfen überhole ich drei gechillte Monks. ‚You alone? Don’t you fear?‘
Was soll ich fürchten? Den Wind? Ich hab jedenfalls keine Angst vor dir. So ein freundliches Lachen.
Ich hab mal ein paar alleinreisende Männer gefragt. Natürlich fragt keiner: ‚You allone, don’t you fear?‘
Aber es ist echt global, dass Frauen das von jedem gefragt werden. Das kenne ich auch schon von meinen Fahrradtouren, egal, wo ich bin. Bisher hab ich noch nicht wirklich danach gefragt, was ich denn befürchten sollte. Das nehm ich mir jetzt vor.
Das einzige, was mir einfällt, was echt doof ist am allein Reisen und speziell in den Bergen klettern, gilt für Männer genauso: Wenn was passiert, kommt eventuell mal lange Zeit keiner vorbei.
Aber es ist sowieso scheiße, wenn was passiert, also muss ich auch nicht extra doller aufpassen. Man muss eh auf jeden Schritt achten.
Kurz nach 5 bin ich zurück. Mein erster Weg ist zur Heizung und unter die Decke. Schüttelfrost und ich krieg von meiner Umwelt nix mehr mit. Bin nur noch zufrieden, dass es hier richtig heiß ist.
Um 19:00 ziehe ich mir nochmal alles an (die Klamotten hatte ich zum Teil über die Heizung gelegt), um in dem Stehessraum was zu essen. Ich biete den Altherrenjungs, die hier noch vor sich hinköcheln von meinen Datteln an und wir kommen etwas ins ‚Gespräch‘. Besser, als ein nettes Paar hereinkommt. Sie spricht ganz gutes Englisch. Hat sie studiert und hat in der Botschaft und als Übersetzerin gearbeitet.
Inzwischen meinen die Jungs, ob ich Manhunter wäre? – Äh, nee.
Während ich mit dem netten paar weiterrede oder eigentlich mit der Frau, meint der eine noch, ich wäre ein sehr nettes Mädel. ‚Tja‘, sage ich, ‚wir sind alle sehr nett. Sagte ich nicht, dass ich kein Manhunter bin?‘
Der Mann der netten Frau aus dem Hintergrund: ’nice try‘.
Draußen aufs Plumpsklo. Ein ganzes Stück Weg durch Dunkelheit (Handylampe) und eisigen Wind.

Wieder vor der Hütte, guckt ein Stück Schlauch aus dem Boden. Ich nehme mal an, hier wird Wasser aus einem Quellbach abgezwackt. Da kann man Zähne Putzen. Die nette Frau sagt, das Wasser kann man auch trinken. Wozu hab ich dann 2l gekauft? Na, ist sicher sicherer für meinen Magen.

Schlaaafen um 8e

2:00 wache ich auf, die Heizung ist aus. Voll cool, aufs Klo zu gehen: Sterne, Sterne! Und zum ersten mal in diesem Jahr mein lieber Orion!

4:45 geht das Licht an und die Leute fangen an, sich zu unterhalten und fertig zu machen. Was wollen sie so früh? Vor 6 wirds eh nicht hell.
Ich dreh mich nochmal um auf meinem Holzboden. Aber egal, ich muss eh auf Klo. Mach ich mich auch gemütlich fertig. Vielleicht sehe ich ja die nette Frau von gestern wieder.
Tatsächlich stehen viele in der Küche, manche brechen auch schon mit Kopflampen auf.

Hier wird jetzt ordentlich gekocht. Jeder scheint seine eigene Campingküche dabei zu haben. Ich gehe gleich zu der netten Frau. Mit dem Resultat, dass ich einen Kaffee bekomme. Da sag ich mal nicht nein.
Von ihrer gebratenen Wurst wollen sie mir auch abgeben. Aber mir genügen meine Dates and Almonds.

6:20 mit dem ersten anbrechenden Tageslicht breche ich auf.
Ziemlich kalt, aber ok, denn ich habe alles an, was ich dabei hab: Bustier, Top, orangenes T-Shirt mit Mütze, grauer und grüner Hoody, rote dünne Windjacke, Buff und grünes großes Halstuch. Wanderhose und Blumenhose, dünne Socken und meine wasserdichten Wanderhalbschuhe.

Morgenrosa, 6:28

Dann komme ich das erste mal über einen Grat und der eisige Sturm haut mich fast um.

Erste Sonne für mich, 7:27

7:45 finde ich einen super FSPlatz in der Sonne und im Windschatten. Auf einem zum Stuhl gewachsenen Baumstamm. Ich futtere gemütlich, während es über mir wütend tost und braust.
Manchmal führt der Weg über den Grat, sogar auf Felsspitzen. Dann pustet einem der garstige eisige Wind die Füße unterm Hintern weg.
Das führt dazu, dass ich mich an den wunderbaren Aussichtsplätzen nicht aufhalten kann. Ich weiß auch nicht, ob die Bilder was werden, weils mir die Hände verreißt, wenn ich das Handy nach vorne halte.
Dragon (Dinosaur) ridge bedeutet: es geht beständig sehr steil auf und ab. Teils muss man etwas klettern, aber es ist keine schwierige oder beängstigende Passage dabei. Einfach nur anstrengend und es macht Freude.

Im Hintergrund immer wieder der Daecheonbong.

Es geht nach dem  Madeungryeong Point, der das Ende der ridge markiert, ordentlich bergab. Langsam wird es wieder lieblicher.

14:15 viele steile Treppenstufen führen zur Höhle sehr weit oben in der Felswand.

Der Mönch himself bietet mir an, ein Foto von mir zu machen.

Als ich wieder runterkomme, ist die Aussicht auf ein Plumpsklo doch sehr verlockend.

Die letzten drei Kilometer gemütliche Abschiedsstimmung

Ich fühle mich stolz. Und noch mehr dankbar.

17:30: ‚Yu! Check in, check in‘
und gleich: ‚Do you have laundry?‘ Sogleich macht er zeichen, ich soll ihm die Wäsche geben. Ich lache und sage, auf meine abgewanderten Klamotte zeigend, ‚ich kann dir jetzt meine Wäsche nicht geben!‘ Er lacht auch, ‚I love you!‘

Jetzt bloß noch den Plan verfolgen: Waschmaschine anmachen, duschen, schlaaafen! Oh, schön warm. Draußen ist irgendein Fest. Oropax. Und Buff über die Augen, damit ich nicht merke, wenn jemand reinkommt.
Gegen 19:30 Wäsche draußen auf der Terrasse aufhängen, ich koche mir ein schönes Porridge und dann nix, wie ins Bett.

Freitag, 1.11.

7:30 aufgewacht.
Schlafanzug stinkt auch wie die Sau. Wasche ich den per Hand auch noch. Jetzt hab ich nur noch den Minirock und ein letztes Top. 1 Hoody hab ich mir noch übergelassen, wird beim nächsten Mal gewaschen.

Ich habe immernoch Durchfall.
Plötzlich seh ich auch dünn aus. Vorher war ich wohl aufgebläht.
Aber mir gehts prima, nur ein bisschen zitterig von der Auszehrung. Und immerhin ist mir seit dem Durchfall nicht mehr schlecht.
FS draußen. Die Sonne scheint schon warm. Ich beobachte eine Kohlmeise, die auf einer Zaunlatte sitzt. Wie ein Gruß von zu Hause.
Dabei fällt mir auf, ich hab kein Heimweh.
Ich quatsche noch mit einem Jungen aus den Philipines. Er war schon in Nepal und kann mir paar Tipps geben.

‚Yu, was kostet es, ein Rad zu leihen?‘ -‚It’s free.‘
Such ich mir wie immer das Kinderrad mit dem höchsten Sattel aus.
Oh, bremst nicht, erstmal nachstellen. Braucht nu immernoch auf gerader Strecke minimum 5m Bremsweg. Vorrausgesetzt, ich ziehe beide Züge. Die Gangschaltung geht nicht, weil Bowdenzüge durchgerostet…
Na, ich will ja erstmal nur zum Pavillon.
Diesmal ist alles ruhig, weil Werktag. Sogar der Wind ist sehr sanft.
Ich spiele ein bisschen zwischen den Steinen rum, auf denen ich am ersten Tag mein Mittagessen einnahm. Gerade kann man trockenen Fußes rüber. Ein paar Angler stehen auch da.
Ich finde einen netten Stein zum Hinsetzen und Anlehnen, aber nach kurzer Zeit konstatiere ich, er ist auch gut zum Hinlegen. Das eintönige Geklatsche der Wellen an die Steine ist so beruhigend. Dazu die tropische Wärme von angeblich nur 18° nach dem eisigen Sturm gestern.
Hach!
Als ein paar kühlere Luftzüge kommen, schwing ich mich wieder aufs Rad. Dann stelle ich fest, dass man sich die Gangschaltung auch manuell einstellen kann. An der Kette macht man sich ja nicht die Finger  schmutzig. Weil kein Öl. Den trockenen Rost kann man sich prima abputzen.
Und ich mache mich auf den Weg, den See zu umrunden.
Das ist mal ein Gym!

Ich schwinge mich gleich unter die Langhantel.
Alle 5 Meter halte ich an für ein Foto.

Impression mit Schrottmöhre

Es ist still und warm und ruhig hier. Gerade so, wie ich es jetzt brauche.
Für den Sonnenuntergang suche ich mir einen schönen großen Stein aus.

Ich schreibe noch ein bisschen, dann ist es soweit. Ich hatte die Idee, dass es schön wäre, mich auf diese Weise von den Bergen zu verabschieden.
Meinen Eltern bin ich unfassbar dankbar, dass ich das alles erleben darf.

Jetzt erst wird mir klar, dass ich hier nochmal meine drei höchsten Hügel und den DinosaurerRücken, der für mich natürlich ein Drachenrücken ist, sehen kann.

Voll coole Vorstellung, dass ich dieses ganze große Stück Horizont abgehüpft bin.

Als aus den Zelten nahe des Hafens die gleiche grausame Musik ertönt, die mir gestern abend die Oropax in die Ohren gezaubert hat, will ich doch mal sehen, was sich dahinter verbirgt.

Peru

Und Pakistan will mir einen Drachen verkaufen, hat aber nur einen riesen groben aus Onyx. Tja.

Da isser, der Krachmacher.

Oh, Hell

Ich denk mir schon, das ist Karaoke, wegen des Bilddchirmes auf der Bühne. Na, da isses ja ok. Bloß bisschen laut.

Hier gibt es alles, was irgendwann mal jemandem vom Laster gefallen ist.

Man darf aber nicht falschrum! Der ganze 200m Parcours muss abgelaufen werden.
Ich finde ein Gummiband für 80Cent, um meine Brille zu reparieren.Vor einigen Wochen ist mir ein Bügel gebrochen. Ich fands erst mies, den anderen Bügel auch noch abzubrechen. Aber nun hab ich eine prima UmDenHalsHängeBrille. Ist viel praktischer.

Bei den grob geschmiedeten SchlachteMessern könnte ich schwach werden.

Und auch bei einigem Reisebdarf. Aber ich bin tapfer. Es geht kaum was über eine leichte Reisetasche.

Zu meiner Verabschiedung gibt der Hafen noch ein Feuerwerk. Aber ich bekomme nirgends Geld aus den Automaten. Macht langsam keinen Spa§ mehr.
Und entwickelt sich zu einem echten Rausschmeißer. Haha, ich komm ja garnicht raus hier, mit gerade mal 6€ in der Tasche. Ich klappere alle Bankautomaten der Innenstadt, die zum Glück nicht weit entfernt ist, ab.
Das ist echt kein Grund, weinerlich zu werden. Ich entscheide mich dafür, aufgebracht zu sein.
Das waren mir jetzt entschieden zu viele ‚only for Koreans‘.
Gate für die Buchung der Berghütten; SchwerbehindertenNachlass; eben auf dem Markt, eine Amerikanerin schleppt mich zum Karaoke: ‚only for Korean‘, kostet außerdem 8€. Sollen sie doch froh sein, dass jemand da singen will. Nu krieg ich auch kein Geld. ‚Only for Koreans‘.

Freitag Abend und ich fahre morgen nach Seoul. So zumindest der Plan.

‚Yu, I have a problem!‘ Ich hoffe noch, er akzeptiert meine Kreditkarte und gibt mir das Bargeld für die 5 Tage zurück. Aber auch sein Apparat kann meine Kteditkarte und auch meine Bankkarte nicht lesen.
Letzte Idee: der Fuffi, den ich von Papa an SEINEM Geburtstag bekommen habe. (Den anderen bekam Lis, die wirklich geholfen hat, von mir.)
Yu tauscht ihn tatsächlich, will mir 15000Won geben. Ich bin aber schon mit der InternetUmrechnungstabelle auf dem Handy zu ihm runtergekommen: 65000.
Weil es echt so wirkte, als wollte er mich grob verarschen, hab ich auch keine Lust, ihm für den Aufwand was zu geben. Ich mag trotzdem nicht glauben, dass es Absicht war und bedanke mich für seine Rettung herzlich.

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