Hiroshima

Samstag, 12.10.

Viertel nach neune komme ich schön mittig in der Stadt an. Es ist nicht weit zum Hostel. Die beiden Brücken überqueren, an denen der Memorial Dome und das Hiroshima Peace Memorial Museum liegen.
Im Hostel kann ich meine Tasche abladen, bekomme aber erst Nachmittags den Schlüssel fürs Zimmer. Ich schau mal kurz in die Küche, mach mir einen Kaffee und lerne zwei junge Québecer kennen. Die sind voll scharf auf BentoBox (erstaunlich billige Lunchbox, oft mit Fisch oder Huhn, Reis, Gemüse…für 2€). Oh, ich auch! Wir haben ne lustige Runde am Tisch. Gegen halb 12 ziehen wir drei los. Als jeder mit seiner lecker Tüte heimgeht, sage ich ganz ehrlich zu einem der beiden crazy guys, denn ich habe Hunger: „You make an old girl happy!“
Ich hab auch Obst erstanden und richtiges Gemüse!
Nach dem Futterfest lerne ich den ebenso jungen Sebastian kennen und ziehe mit ihm los zum Mermorial Dome und Museum. Nett, mal wieder deutsch zu quatschen. Ein Mann im auffallend rosa Hemd mit gefärbtem orangeblonden Haar auf der Straße hört uns und sofort haben wir ihn an der Backe. Er wohnt seit 19Jahren in Japan und ist offenbar ausgehungert nach deutsch und bisschen crazy.

Wir klingeln einmal. Das hat Takuji mir ja vor drei Jahren beigebracht:

Der Dome sieht unter diesen Taifunausläuferwolken ordentlich gruselig aus.

Ins Museum darf ich wieder kostenlos. Wir fangen falschrum an, weil es uns zu den gemalten Bildern zieht. Da merke ich schon, dass ich es nicht aushalte, wenn ich nicht die (automatischen) inneren Panzertüren schließe.
Ich atme ein paar mal tief durch, damit ich reingehen kann. Es ist gut, dass ich nicht alleine hier bin.

Es ist irgendwie alles so, wie wir schon in der Schule gelernt haben. Damals war Hiroshima ’45 ca. 35 Jahre her und kam uns weit weg vor.

Jetzt ist es 74 Jahre her und mit dieser konkreten Berührung empfinde ich es sehr nah. Auch mit dem Gedanken, dass viele ältere Japaner, die ich in  dieser Gegend treffe, das Desaster auf die eine oder andere Art miterlebt haben.

Das KinderFriedensdenkmal

Mehr darüber:

https://www.japan-experience.de/stadt-hiroshima/das-friedensdenkmal-der-kinder

Nachher treffen wir den Mann im Hemd wieder. Er hat sich ein wenig gefangen. Irgendwie tut er mir auch leid, als ich direkt frage, was seine Frau denn gerade macht. Ja, sie bereitet wohl bald das Essen vor, wieso? Weil du heute Ausgang hast.
Er fährt ein Fahrrad für 80€ und lächelt, als er sagt, er habe auch Taschengeld dabei. In Japan haben die Frauen oft die Kontogewalt. Aber du bist doch der, der arbeitet? Er hat nämlich behauptet, er arbeite an der Uni, was mit Jura. Ich glaubte ihm schon eingangs kein Wort. Oder er ist höchstens Hiwi. Er hat vor 19 Jahren den Job angenommen und ist dann einfach dageblieben. Wohl auch wegen der Frau. Aber glücklich wirkt er nicht. Erst recht nicht ausgeglichen.

Für einen Powernap gehts wieder ins Hostel.
Der Mann im Hemd hatte empfohlen das Okonomiyaki (japanische ‚Pizza‘ und Spezialität der Stadt) nicht in einem der Restaurants einzunehmen, vor denen eine lange Schlange steht, sondern in der Sunmall. Inzwischen war er sogar nachgucken, obs das noch gibt.
Gut ausgeruht mache ich mich also nochmal auf den Weg in die Stadt.
Allerdings ist mir das Museum auf den Magen geschlagen.
Im empfohlenen Restaurant spricht mich ein Deutsch-Niederländisches Paar an. Wir unterhalten uns eine Weile gut. Der Witz ist nur, dass sie auf Empfehlung vom Mann im Hemd hier sind.
Das Okonomiyaki…

…schmeckt ganz gut, sogar mit den Wresselnden Frauen auf dem Bildschirm gleich neben meinem Platz. Ist allerdings wohl weniger was gesundes. Kaufe ich also zum Ausgleich noch einen OneCupSake und Krabbenchips fürs HostelSofa.
Unterwegs…

…finde ich eine versteckte Bank am Fluss, gleich neben einem kleinen Schrein. Lauer Wind, guter Mond, Wolken und plätscherndes Wasser. Das entspannt.

Auf dem Hostelsofa versuche ich verzweifelt, einen Kranich zu falten und brauche echt Internethilfe. Sebastian kommt auch wieder zurück von seinem Abendtrip und wir können uns bezüglich des Museums noch austauschen.
Ich bekomme immer wieder Flashs, in denen ich meine Wahrnehmung aufmache für das unermessliche Leid.
In Tokyo wirds jetzt wohl bis Mitternacht recht ungemütlich, schon jetzt sind Straßen überschwemmt.

Sonntag, 13.10.

Heute ist SuperSonneWetter angesagt. Ich stehe doch schon gegen 7 auf, mache Frühstück und bitte darum, in der GemeinschaftsSofaEcke Gitarre spielen zu dürfen. Bin noch alleine hier. Nun kommen aber doch so langsam die Leute. Beim dritten Lied taucht Sebastian auf und setzt sich zu mir an den Couchtisch. Ohne Hallo: „Wassn heut mit dir los, so emotional, das ist ja furchtbar. Zum Kotzen ist das.“
Ich bin echt perplex, stelle die Gitarre weg. Trinke den Rest meines Kaffes vor der Spüle aus und mache mich startklar. Keine Ahnung, wie ich darauf reagieren soll. Zusätzlich zur klar unschönen Situation hat er auch ein altes Bild der Verletzung bei mir heraufbeschworen. Andreas gegen Ende unserer Ehe. Ich spiele abends Gitarre so für mich, ganz versunken. Er kommt ins Wohni, bleibt in der Tür stehen und meint: kannst du mal mit dem gefühlsduseligen Scheiß aufhören, ich will schlafen.“
Damals ist mir mein Saft ausgelaufen, wie aus einem Fass, dem man den Boden ausgeschlagen hat.
So schlimm ist es jetzt nicht, aber es bleibt etwas an mir hängen.
Bevor ich gehe, begegnen wir uns nochmal auf dem Flur. Ich habe das Gefühl, er hats schon auch gemerkt.
Ein bisschen krampfhaft wünschen wir uns noch eine gute Reise.

Wir sind wohl beide bisschen empfindlich, heute.

Zur local Train Station sind es nur wenige Meter. Der Zug hält direkt bei der günstigen Fähre. 

Miyajima ist eine echt hübsche Insel. Viele haben mir empfohlen, hier herzukommen.

Erstmal stecke ich die Füße ins Wasser.

Der Itsukushima Shrine ist auf dem Wasser erbaut.

Das berühmte rote Tor ist aber under construction.

Den Hang hinan gehts zum Daisho-in Temple.

Hier werden rituell immer wieder 1000e OrigamiKraniche verbrannt, die für das KinderFriedensdenkmal, für den Weltfrieden gefaltet wurden.

Es ist eine ganze Tempellandschaft. Ich treffe auch Kobo Daishi (Shikoku, Ohenro pilgern, 2016) wieder. Es ist der rechte Herr auf dem Bild.

Da wird mir erst klar, dass er wohl der Namensgeber dieser besonders schönen Tempelanlage ist, die mit aufwändig gestaltetem und gepflegtem Garten zum Verweilen einlädt.

Auf dem Treppenweg zum Gipfel sehe ich einige Male dieses Schild:

War aber keine zu sehen. 😃

Dann die Aussichtsplattform oben auf dem Berg, nach 1,5 h Krakselei vom Tempel.

Nach unten hüpfe ich wieder aus lauter Übermut. Und, weil ich ja heute noch ganz schön weit bis nach Shimonoseki fahren muss.

Mit der Fähre übersetzen, nach dem richtigen Bahnhof fragen, mich eben an der Information beraten lassen, sehr praktische billige LocalTrainVerbindung bekommen, Karte im EintrittAutomaten stecken lassen, den wieder aufgeschlossen bekommen und in den Zug einsteigen ist eins. Innehalb von wenigen Minuten sitze ich glücklich im Zug.

Und bekomme zum Schmalspurpreis noch ne SeasideSightsee Tour dazu.

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