Tokyo

  1. 3.10.

Das deutsche Mädel hat mich gestern damit neidisch gemacht, dass sie ein paar Minuten früher aufgestanden ist und mir ein Foto vom rosa Fuji gezeigt hat.

Stehe ich also heute um 5:30 auf und laufe wieder im Schlafanzug zum verschlafenen OishiPark.

GoodbyeMountFuji Bild

Ich bin mir sehr bewusst, dass jetzt das Kontrastprogramm kommt und will hier nicht weg.

Um 9e zum Bahnhof geschüttelt, um 10e Express Highwaybus nach Tokyo. Dann S-Bahn zur Ogawamachistation.

Easy.

Bloß, in der Stadt zurechtfinden ist nicht so dolle, weil GPS nicht immer ordentlich durchkommt.

Ich übe.

Nicht die Seine, aber…

Und finde nach längerem Herumkrabbeln Takujis Galerie. Eingeklemmt zwischen zwei Giganten.

Es kommen Sturmböen auf. Und ausgerechnet, als ich da bin und die Galerie fotografiere, fallen die Blumen um. Ich heb sie wieder auf.

Ziemlich schnell kommt ein netter nonEnglishspeaking Ordungshüter. Bald auch eine Dame vom Museum. Die wundert sich, dass ich ein Messer dabei habe, um das Holzschild in den Blumen wieder zusammen zu klopfen. Da hab ich Takuji schon eine Mail geschrieben. Aber er kommt eh grad vom Lunch. Witzig, ihn hier zu treffen, mit Sohn und Schwiegertochter.

Dann suche ich noch ein bisschen nach einem Park und finde statt dessen diesen Tempel.

Eine Oase der Ruhe und Schönheit in diesem schmuddeligen Stadteil.

Um 17:00 bin ich beim Park und gleichzeitig fällt mir ein, dass Parks in Tokyo um 5e schließen. Naja, ich bin eh durch. Finde jetzt den (geraden) Weg zurück, esse noch ein schlechtes billiges Dinner (Ich habe das Gefühl, Japan hat ein ernstes Essensproblem. Muss  bei den schlabbrigen Teilen auf meinem Teller, die sehr wahrscheinlich Hühnerhaut sind, oder so, an den alten Film mit ‚Soylent grün ist Menschenfleisch“ denken.). Und bin froh, wieder in meiner KurzzeitKapselunterkunft gelandet zu sein. Ist noch schön warm. Für die überraschend nette Terasse hab ich mir ein weiteres Bierchen geholt.

Aaah!

Leider habe ich heute so brutale Schmerzen im rechten Handgelenk, dass ich meine, mir tut alles weh.

Vor der Reise hatte ich eine Cortisonpulstherapie begonnen, weil mir schon schlecht wurde vor Schmerzen. Die Rheumatologin hatte 20mg als Einstiegsdosis empfohlen. So hätte ich auch geschätzt. Hatte aber nicht gereicht. Das dumme bei Cortison ist, man muss mit der Dosis zuerst über den Schmerz. Nachsetzen nützt aus irgendeinem Grund nix. Bis vorgestern hab ich also ausgeschlichen (das heißt auch, ich war gedopt, als ich über die Berge hüpfte), aber die ganze Zeit weiterhin Probleme gehabt. Nun knallt es wieder so rein, dass ich meine rechte Hand kaum bewegen/benutzen kann.

Ich meine, ich kann schon Schmerzen aushalten. Beim Zahnarzt zum Beispiel lasse ich mir – sehr zum Leidwesen der Zahnärzte – ohne Betäubung auf den Nerv bohren. Weil ich nachher rausgehen will und den Termin vergessen. Und nicht noch stundenlang auf der tauben Backe rumkauen.

Aber irgendwann ist auch mal gut mit Schmerz. Wenn die ganze Welt in Schmerzen zu explodieren scheint, zum Beispiel.

Erstmal ordentliche Dosis Novaminsulfon reintun, schlafen und weitersehen.

4.10.

Takujis Exhibition

Ich wache früh auf und kann den Tag ruhig angehen.
Zu Takujis Galerie ist der Weg heute überraschend kurz. Jetzt, da ich weiß, wos langgeht.
Takuji sieht heute etwas mitgenommener aus, als gestern. Gestern dafür überraschend gut. Ich denke jedenfalls, dass er im Adrenalinrausch ist und mache mir etwas Gedanken, wies ihm morgen geht, wenn keiner mehr kommt.
Er hat sich wahnsinnig Mühe gegeben. Nicht nur die Bilder aufgehängt. Da stehen überall überbordende Blumensträuße, er hat ein Heft drucken lassen, mit all seinen Bildern. Dazu bekam jeder eine Einladungskarte und nun als Willkommensgeschenk drei Postkarten mit selbstgemalten Blumenmotiven. Außerdem hat er noch ein Rätsel vorbereitet. Ich habe vergessen, was man gewinnen konnte. Ich selbst kenne diese Überaktivität von meiner Praxiseröffnung. Krass fühlte sich das an, als trotz aller Mühe kein Fremder aus der Nachbarschaft kam.

Zur Eröffnung spielt sein Freund mit weiblicher Begleitung auf der Querflöte. Das erste Lied: once upon a time in the west. Später auch ‚auld lang syne‘.
Später will Takuji mir seine Bilder erklären,

da kommt der Flötistenfreund dazu. Der kann etwas english. Takuji, freundlich und weitsichtig, verplant mich gleich mit ihm zum Lunch. Seine Duopartnerin und der Mann, der die Stücke angesagt hatte, kommen auch mit.

Es gibt Sushi gleich um die Ecke. Superlecker, schön anzusehen und von guter Qualität.
Oh, das tut meinem 7/eleven (Supermarktkette, die hier alle 5 m eine Filiale hat) geschundenen Magen gut. Frische Rohkost ist hier so schwer zu kriegen. Sei es Obst/Gemüse oder Fisch/Fleisch.

Takuji zeigt auch allen mein Bild, das ich von ihm damals auf dem Flughafen Shanghai mit Kuli gemalt habe. Ich muss viel Lob über lich ergehen lassen. Auch dafür bekomme ich Anerkennung, dass ich in Shikoku gepilgert bin. Davon zeigt Takuji ebenfalls Beweisfotos.

Ich  verabschiede mich herzlich von allen, die noch da sind.

Dann tapere ich zum Park in Richtung Süden. Ausruhen!

Yasukuni Schrein.

Wenn ich vor einem Schrein stand, schreib ich mir immer die Sätze auf, die mir in den Sinn gekommen sind:
„Siehst du nicht die Schönheit überall?“
– ja, doch…
„Und auch die Schönheit in dir.“

Ich lass mich noch weiter durch die Stadt treiben.

Tokyo Daijingu Schrein:

Ich bin gut aufgehoben.
In diesem aufgewühlten, vollen Pool
Ein Pol der Ruhe

Haupttempel:
„Weibliche Schönheit und weibliche Kraft/Energie. Denke nicht immer, dass du das nicht hast.“
-ja, ich brauche einen Mann an meiner Seite, der mir das bestätigt: dass ich eine Frau bin. Die schön ist, anziehend und Weiblichkeit, weibliche Kraft ausstrahlt.
„Das ist dein Manko“

Hier sind so viele Frauen. Und mir ist nach Weinen zumute.
Ich genieße die Wärme ihrer Ausstrahlung. Und fühle mich doch nicht oder doch? – Teil von ihnen.

Es geht so tief. Es wirk so, als WÄREN sie alle selbstverständlich. Auch selbstverständlich Frau. Und ich – immernoch Mogelpackung – tue nur so, als ob. Und das mehr oder weniger erfolgreich.
Eventuell ist es auch für andere nicht oder nicht immer so einfach.
Zu SEIN.

Und diese Oberfläche aufrecht zu erhalten, kostet so viel Kraft. Darum weine ich. Warum mache ich das?
Weil ich, wie jeder andere, geliebt, angenommen sein will. Ist aber Quatsch. Weils ja dann nur meine Oberfläche ist, die ‚geliebt‘ wird.

Auf dem Weg zum Hostel werde ich plötzlich hungrig und finde diesmal ein richtig nettes Lokal.

Ich stopfe mich mit Rohkost voll. Starter: Jackfish Sashimi

Danach Tuna Sashimi, rohes Pferd war leider aus.

Ich versuche es mal mit chopsticks links. Geht so leidlich.

Dann fried Shrimps. Da geht die Schale beim besten Willen nicht ab. Wir ahnen es: wird im Ganzen gegessen. Schmeckt auch prima. Bloß, die Schalenstücke hängen einem noch Stunden später zwischen den Zähnen.

Heute bekomme ich aus irgendeinem Grund im Supermarkt um die Ecke 10% Discount. So stand es gestern auf meiner Quittung, die ich garnicht haben wollte. Aber der nette Verkäufer hats mir erklärt. Also jedenfalls Discount. Ich guck auf  die Quittung: tatsächlich auf alles. Nett.

Wieder eine warme SommerNacht.

Jetzt will ich bloß noch nicht im Hostel bleiben. Garnicht leicht, was zu finden, wo ich unbehelligt ein Bierchen bekomme. In meiner angepeilten Kneipe um die Ecke höre ich mal wieder, dass alles reserviert sei. Das hört sich so an, als sei ich nicht gern gesehen. Weiß ich aber zu wenig drüber.

Jedes zweite Haus ist eine Kneipe oder ein Restaurant. Sieht aber nicht alles einladend aus. Oder ist voll.

Dann lande ich hier:

Flätze mich in einen bequemen Sessel. Und werde ewig nicht bemerkt.

Ist mir aber wurscht. Ich schreibe. Und zur Not hab ich zu Hause noch ne Dose in der Fridge.

Krieg hier doch noch ein Mug Bier und bin zufrieden.

 

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