Takuji

23.-28.9.2019

Dienstag, 24.9.

Gegen Mittag komme ich aus der Ankunftshalle Narita Airport. Ich denke, ich muss noch durch die Biostufe und so, aber plötzlich werde ich aus dem System gespuckt.

Takuji steht gleich am Ausgang mit seinem selbstgemalten Rosenbild. So hat er mir auch gesagt, damit ich ihn erkenne.

Wir essen was im Sky garden, tauschen Geschenke aus, wie es sich für ordentliche Japaner gehört. Takuji hat mir für meinen Japanmonat einen detaillierten (!) Plan gemacht und mir und sich ausgedruckt. Er ist ganz fertig, weil noch ein paar Tage fehlen. Er will alles mit mir durchgehen. Aber mir purzeln die Daten nur im Kopf rum. Bin total fertig von 2 + 12 h Flug, nahezu ohne Schlaf und mit Jetlag.

Und los gehts nach Tokyo. Flughafen Narita ist so 1,5 Zugstunden entfernt.

Zunächst einchecken in meinem Hostel in Shinjiku. Takuji sagt, hier ist very Korean town. Und die jungen Leute mögen es. Ich auch.

Dann gehts zu Takuji seinem Gym. Wir sind eine Stunde seinem Zeitplan hinterher. Also hopp, hopp!

Cyclen, Maschinen ausprobieren, ins gymeigene Schwimmbad, paar Runden drehen (superkompliziert, sich umzuziehen. Und dabei alles richtig zu machen. Vor allem Klospülung!!! Die ist immer woanders und manchmal auch nur ein Touchknopf. Ich drücke stattdessen den EmergencyKnopf. Naja, Anfängerglück.

Außerdem hatte ich mir einen Badeanzug leihen müssen. Mein Unterwäschebikini hätte wohl nicht gereicht. Größte available Größe: 4L! Und das knallenge Ding anzuziehen, war das anstrengenste vom ganzen Gym. Nee, es auszuziehen.

Danach noch 5 min Onsen (heiße Quelle), schnell fertig machen… und essen.

18:30 Ottimo Seefood garden, italian style, ein Menü, soviel trinken, wie man mag. Sekt Bier, Weißwein, Whiskey on the rocks O-Saft. In dieser Reihenfolge. Takuji meint schon in der Hälfte des Menüs, er sei overdrunk. Prima. Wir haben gute Laune.
Zu Fuß ins Global Hostel,…

…es ist wunderschön warm heute Nacht, ich genieße die helle belebte, aber ruhige und saubere Innenstadt, viele junge Menschen. Einmal sehe ich in einer Bar eine interessante Lampe aus lauter Schnapsflaschen – und stürze auf die Straße. Fuß verknackst, weil ich den kleinen Absatz nicht gesehen hab. Scheiße, tut das weh. Und hat sich saublöd angehört. (Muss das wieder sein? Genau, wie damals in NZ.) Takuji bietet an, dass wir uns ein wenig ausruhen und setzt sich in einen Fenstersims. Aber ich habe Angst, dass das Fußgelenk dann schwillt und will weiter.
Takuji bringt mich bis zum Hostel. Ich packe bloß noch die Taschen für unsere Wandertouren um und mach mich fertig fürs Bett.

Mittwoch, 25.9.

Immerhin in Stücken 5h geschlafen, 5:40 raus aus den Federn, mit dem Zug zum Bus, Kaffee in der BusstationWartehalle.
7:15 highway express Bus nach Kamikochi.
Um 12:00 kommen wir in Kamikochi an und müssen mit vollem Gepäck noch ein ordentliches Stück auf Wanderwegen am Fluss zu Hotel laufen. Schön hier. Das Wasser superklar.

Blick von der KappaBridge:

Mit leichtem Gepäck laufen wir nach dem Einchecken wieder an der KappaBridge vorbei um in 5km über schön angelegte Wanderpfade zum Myojin-ike Pond zu gelangen. Dort gibt es hiesigen Bachfisch am Feuer gegrillt. Wird im Ganzen gegessen. Lecker!

Dann zurück, am Hotel vorbei und weitere 3km zum Pond unterm Yake Dake. Mir tut alles weh. Der volle Plan ist jetzt auch deutlich körperlich zu spüren.
Wir schaffen es genau bis 18:00 ins Hotel, kurz vor dunkel. Onsen. Für mich nur kurz. Ich vertrage das warme Wasser kreislaufmässig nicht so gut. Wonderful french dinner! Three slices of roasted beef.
Ugly wine tasting, Observing stars für die Katz.

Donnerstag, 26.9.

Morgens noch Onsen und fürstlich- japanisches Büffetfrühstück. Tausenderlei Sachen, die wir mehr oder weniger nicht kennen. Ich sach nur süß eingelegter Grillfisch.

Das meiste von den Kouriositäten mag ich. Mehr oder weniger.

Blick von der Kappabridge, andere Richtung

Mit dem Bus zum nächsten Hotel, Einchecken, Gepäck dalassen, Bus und Ropebahn. Aussicht genießen und Takuji für drei Stunden verabschieden. Er hat Knieprobleme. Wegen der langen Wanderung gestern noch mehr. Seine Knieschoner hat er die ganze Zeit im Rucksack mitgeschleppt. Menschlich.

So muss ich die Berge heute und morgen alleine bezwingen.

Meine Ziele heute: Nishihogatake Sanso (Berghütte) und MariaMae (eine kleine Erhebung auf dem Grat zum Nishihogatakedake, Peak).
Das ist ein märchenhafter alpiner Pfad durch den Wald. Schon von der Hütte, bei der ich einen kurzen Raststop einlege und mein Lunch verspeise, das Takuji uns vom Hotel organisiert hat, habe ich eine erhebende Aussicht. Aber von MariaMae wirds wirklich gigantisch. Obwohl ich noch ein paar Meter höher laufe und nochmal ordentlich Pause mache, um die Schönheit der Welt zu genießen, versuche ich eine halbe Stunde früher als verabredet an der Ropestation anzukommen. Das bedeutet, Takujo muss nicht so lange warten und wir können früher zum Hotel, Takuji kann länger im Onsen baden. Darauf ist er echt scharf. Also hüpfe ich wie ein Flummi den alpinen HangPfad hinab. Wenn ich an Leuten vorbeikomme, sage ich immer fleißig Suimimasen (sorry). Und sowieso mit einem netten Lächeln im Gesicht zu jedem Konichiwa (Hallo). Das hat Takuji mir gestern beigebracht. Und dabei hatten wir viel Spaß.
Ich spüre, dass mir das aufleuchtende Lächeln der anderen Kraft gibt, um weiterzuhüpfen. Und gebe diesen Powerschub auch gerne weiter.
Takuji sitzt im Felsengarten vor der Ropestation. Er ist wie ausgewechselt und freut sich, als ich Konichiwa sage. Er erkennt sofort meine Stimme, hebt den Kopf, steht auf und breitet seine Arme aus. Ist stolz auf mich, weil ich den Berg bezwungen habe. Ich bekomme von nun an für jeden Berg ein Geschenk.

Nishihodaka Lodge

Wir haben ein Hotel, das im Onsen 10 Pools hat. Übrigens sind Männlein und Weiblein normalerweise getrennt. Takuji erklärt mir, dass es auch mixed bassins gibt. Unsere Hotels hatten das aber nicht. Die dritte Art von Onsens sind private baths. Da geht man allein, als Paar oder in der Gruppe rein. Entweder ist es so gehalten, dass man einfach reingeht, wenn frei ist. In manchen Hotels muss man sich eine Zeit buchen.

Freitag, 27.9.

Morgens, klar, wieder Onsen. Takuji sagt, wenn man drei mal am Tag geht, wird man sich nicht erkälten. Na, gestern hatte ich schon zwei mal.

Mit japanischem VielerleiFrühstück vollstopfen (Japaner essen allgemein sehr schnell. Keine Zeit, keine Zeit.) – und los. Diesmal fahren wir mit dem Bus auf 2700 m Höhe des Norikura und haben schon auf der Fahrt eine unglaubliche Aussicht.

Das Gepäck geben wir im Haltestellenhaus ab. Hier muss Takuji wieder warten. Mensch echt. Ich hab bloß irgendwann mal erwähnt, dass ich gerne in den Bergen wandern würde. Und Takuji macht uns so einen Plan, bei dem er die geilsten Sachen nicht mitmachen kann.

Auf dem steilen steinigen alpinen Pfad sehe ich viele alte Menschen. Manche ganz sicher über 90. Ich scheine eher zum jüngeren Drittel zu gehören. Und die, die deutlich jünger sind, als ich, scheinen sich richtig schwer zu tun mit dem Aufstieg. Die alten möchte ich ein paar mal echt stützen, wenn sie waaghalsige Halbmeterstufen runtereiern.
Mittagspause auf der Bergspitze mit atemberaubender 360 ° Aussicht.
Ich bleibe ziemlich lange oben, kümmere mich aber nicht um den Tempel. Statt dessen unterhalte ich mich mit einem Mann aus Taiwan, der zur gleichen Zeit in Deutschland war, als ich in Taiwan reiste. Ein deutsches junges Paar hält für einige Sätze hin. Der Schweizer, der eingangs das Abschiedsfoto von Takuji und mir geknipst hatte, taucht auch wieder mit seiner Freundin auf, die mich jetzt unter dem SchreinTor ablichtet.

Norikura Summit

Eine gute halbe Stunde später bin ich wieder zu Takuji runtergehopst, inzwischen haben sich immer mehr Wolken gebildet. Bis ich am Busstop ankomme, ist es aus mit der Aussicht.

Dafür gibt es einen Ruheraum, in dem man sich Kissen unterlegen und einfach auf dem Boden pennen kann. Gesagt, getan.

Ich schlafe gleich ein und bin furchtbar daneben, als Takuji mich viel zu früh wieder hochkomplimentiert.
Japaner packen ihre Tage voll, das es kracht. Aber, wenn sie auf einen Bus warten, sind sie zwanghaft eine halbe Stunde früher an der Haltestelle.
Draußen ist es jetzt wieder kalt und ich bin müde. Richtig ungemütlich. Bis ich mich selbst dazu auffordere, mich zu entspannen.
Auf der Busfahrt lerne ich wieder ein paar japanische Worte. Das macht Spaß. Diesmal weitere Farben und die Uhrzeit.

Wir steigen im letzten Onsenhotel ab. Diesmal Jananese style mit Futons und Schiebetüren. Und werden fürstlich empfangen.
Onsen. Dinner. Onsen (3!)

Samstag, 28.9.

Takuji macht wieder Onsen vor und nach dem FS. Aber mir geht es elend.
Mein Gesicht ist geschwollen, ich bin furchtbar erschlagen müde und voll depressiv. Beim Frühstück setzt Takuji sich an die Wand. Ich bin dankbar, dass die anderen im Raum mich so nicht sehen können.
Ich esse den ganzen japanischen Kram ohne Appettit. Macht eh nur voll, aber nicht satt. Ich finde es total anstrengend, alles aufzuessen, zu kauen und runterzuwürgen.
Während Takujis NachfrühstücksOnsen liege ich nochmal im Halbkoma auf meinem Futon. Werde ich krank? Hab ich was falsches gegessen? War es der Schwefel im Onsen? Keine Ahnung, was mit mir los ist.
Voll undankbar schlecht drauf.
Auf der Zugfahrt redet Takuji solange wegen des Planes auf mich ein, dass ich einen StressPanikHeulAnfall bekomme.
Außerdem rechnet er mir vor, wie viel ich bezahlen soll. In meinem Delir überschlage ich die Umrechnung völlig falsch und komme noch schlechter drauf. Da höre ich ihn noch sagen, dass er in seinem Alter mehr Luxus will. Warum muss ich das dann bezahlen? Viel später raffe ich, dass die Summe zwar recht hoch, aber nicht horrend ist. Schon garnicht für das, was ich erlebt habe. Und Takuji hat sich wirklich um alles gekümmert. Das erste teuerste Hotel hat er mir sogar spendiert. Genauso das Abendessen in Tokyo und viele Kleingkeiten, wie Kaffees und die Lunchboxes.
Schon interessant, wie bei mir die Stimmung von ‚ich stehe ätzend in seiner Schuld‘ zu undankbarem ‚warum muss ich seinen Luxus bezahlen‘ gekippt ist.
Ich schimpfe mit mir, dass ich mich noch einmal zusammenreißen muss. Als wir uns verabschieden, weine ich schon wieder. Ich glaube, Takuji kann überhaupt nicht mit meinen Psychoschwankungen umgehen und scheint irgendwie abzuschalten. Aber auch nicht durchgängig. Als ich weine, fragt er besorgt-verständig, ob ich Panik habe. Und am Ende möchte er, das ich zum Abschied lache.
Das kann ich auch wieder, als wir uns nochmal zuwinken. Er aus dem Zug und ich alleine unter vielen auf dem Bahnsteig.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.