Oberalppass und Vorderrhi

Donneratag, 29.8.2019
Ups, schon halb neun!
Die beiden Frauen sind längst über alle Berge.
Super lecker Frühstücksbuffet für hundert Leute steht im Speisesaal.

Der Espresso mit aufgeschäumter Milch aus Solis Aufschäumer. Sehr praktisch und sehr lecker.

So einen Milchaufschäumer will ich auch haben! Ich lasse die Milch zwei von drei Malen überkochen und bin diesbezüglich sehr enttäuscht von mir.

Zur Wirtin sage ich:
„Du machst aus diesem Haus einen wunderschönen Ort!“
Beim Abschied bekomme ich die Karte von den letzten wunderbar qualvollen Kurven der Tremola des heiligen Gotthard geschenkt.

Das Bild hängt auch im Speisesaal in groß. Das hab ich dort schon bewundert.
Für die heutigen 610hm/10km, für die ich nahezu den ganzen Tag Zeit habe, habe ich mir geschworen, so viele Fotostops, wie möglich, zu machen.
Laaangsam…
Und genießen!
Auf der Karte sehe ich, bis nach Andermatt gehts schön eben. Aber wegen eines Radfahrerumweges muss ich gleich rauf. Das gibt mir einen herrlichen Blick auf Andermatts Golfplatz.
Wie sich gleich herausstellen wird, bleibt mir sein Anblick auf einem Großteil des Anstieges erhalten.

Und, gut zu wissen: im Falle eines Konditionseinbruches kommt man auch hier mit öffentlichen Verkehrsmitteln übern Berg.

Da ich aber meine Langsamkeit wiederentdeckt habe und auch celebriere, bleib ich fit, wie Turnschuh. Oder besser: Trekkingsandalen. Mein einziges Paar Schuhe auf diesen Trip.
Um die Wahrheit zu sagen, merke ich auch mein Pumpe-Aircondition-System. Macht aber auf diese Weise nix.

Aber trotz Blümelchen, Käfer, Hummeln, Golfplätze fotografieren…
jeder Passs hat mal ein Ende und viel zu früh bin ich oben.

Die beiden netten Engländer, die von hier mit dem Radel den ganzen Rhein runter fahren wollen, fotografiere ich auch.

„Bye, and have a nice trip to the Netherlands!“

Der Pole, der hinten im Bild sein Bike klarmacht, kommt auf mich zu. Ein imposanter Hühne, der seinesgleichen sucht. Bin echt beeindruckt. Muss ich Angst bekommen? Er versucht, mir irgendwas mit Händen und Füßen zu sagen. Irgendwie süß unbeholfen.

Ah, ich soll ihn auch fotografieren. Mit etwas Mühe bekomme ich auch ihn zum Lächeln. Aber er scheint noch nicht zufrieden. Da kommt seine Frau vom Klo. Ach so! Also ein weiterer Take und wieder sind zwei glücklich gestartet.

Jetzt muss ich noch genau schauen, wo denn hier der Pfad in Richtung TomaSee abzweigt. Ah, drei Serpentinen weiter unten.

Ich schiebe mein Fahrrad über Stock und Stein ein paar hundert Meter in den alpinen Wanderpfad. Will tatsächlich mal sehen, wie weit ich komme. Aber schon bald begegnet mir ein älterer Herr, der mir ganz aufgeregt erzählt (und dabei von einem Stein abrutscht und beinahe sein Gleichgewicht in Richtung downhills verliert), ich könne hier nicht weiter mit dem Rad. „Der Weg wird immer schlechter und selbst für Wanderer kriminell!“
Na gut. Rad an den Hang gelehnt an der nächsten Stelle, an der man noch ganz gut vorbeikommt. Schlafsack in die Einkaufstüte, am Rucksack (in dem nur das Wichtigste ist: Schlafanzug, Proviant und Zahnbürste) festgeknuddelt. Zelt und Isomatte unter den Arm geklemmt.
So stapfe ich weiter.

Und treffe Monia mit ihren Kindern Florian (5) und Robert.
Wir verstehen uns auf Anhieb.
„Ich will am TomaSee zelten. Wie siehts denn da aus?“
„Ich musste leider vorher mit den Kindern umkehren. Oh, aber ich würde das auch sooo gerne machen!“
„Das seh ich dir an der Nasenspitze an! Und an deinen leuchtenden Augen, dass du auch so ein Naturkind bist, wie ich.“
„Ja, klar. Zu Hause finden mich die Nachbarn irgendwie anders, deswegen.“
„Das glaub ich dir gerne. Ist aber so wichtig, dass es Leute wie uns gibt. Und superschön, dich zu treffen!“
Da will der Kleine, dass die Mama sich runterbeugt zu ihm. Und er flüstert ihr ganz lange ins Ohr.
„Florian sagt, wenn du auf dem Weg rauf zum See einen Mann mit Hund triffst, das ist sein Papa.“
Wir verabschieden uns ganz herzlich. Die Begegnung hat mich froh gemacht und gestärkt.
Bald zweigt ein Pfad in Richtung Gipfel ab, der sich in Serpentinen über Fels und Stein nach oben quält.
Ich höre längst eine Ziegenherde bimmeln und einen Hirten pausenlos rufen. Sicher feuert er seine Ziegen an, beim Abstieg zusammen zu bleiben.
An einer weiteren Pfadkreuzung will ich warten, bis sie kommen, um ein paar Bilder zu machen.
Statt dessen kommt Rafael mit Hund vom nächsten Felsen geklettert.
„Du bist Florians Vater.“
„Ja.“
„Gerade habe ich Monia kennengelernt. Wir haben uns super verstanden. Weil sie auch so naturverbunden und naturbegeistert ist.“
„Darum hab ich sie geheiratet.“
„Ich glaube, Florian wollte klarstellen, dass du sein Vater bist. Ich suche auch einen Mann, der eine naturverbundene Frau will.“
„Ok dann. Der nächste Mann mit Hund ist deiner.“
„Danke!“

Ein paar gekletterte Schritte weiter kreuzen die wunderschönen Ziegen. Den jungen Hirten darf ich auch fotografieren.

Er hilft bei seiner Freundin aus, die für drei Monate auf einer Alp Käs macht. Hm, wollte ich auch immer schon mal. Stehe aber nicht soo gerne früh auf.

Da endlich, über den letzten Felsen gekraxelt, der Toma See:

Der Toma See liegt 2344m hoch.

Gut, dass man sagt, in den Alpen sollst du um 17:00 an deiner (sicheren) Schlafstatt sein. Es ist genau fünf und ich bin alleine hier.

Rhein waschen mit drei Schwimmzügen. Mehr traue ich mich nicht, wegen LochNess. Ja, ist auch kalt.
Fotos, Fotos, immer mehr Sonne.

Ich baue schon mal mein Zelt auf.

7% Batterie. Ich habe ja die Powerbank dabei. Nein! Falsches Kabel mit hochgenommen!
Die Sonne lockt noch vom gegenüberliegenden Berg.
So steige ich rüber an die Stelle, wo der See sanft überläuft und den Rhein freigibt.

Oh!

Der Strom reicht noch für drei Selbstauslöser.

CDF ohne Nebel (wer löst das Rätsel? Dann weißt du, welche Emotion ich mit diesem Bild ausdrücken möchte)

Aber ich kann mich kaum lösen.
Überwältigt.
Ganz alleine. Alles, all dies ist heute Abend, heute Nacht, ganz alleine nur für mich.

Sternenhimmel, Neumond.
Trotzdem ist die Nacht nicht allzu kalt.
Ich stecke, da ich kaum schlafen kann vor Glück und sanfter Aufregung und auch ein bisschen wegen Atemnot und -ja, ein bisschen Angst- ab und an den Kopf aus dem Zelt und schaue den Sternen beim Wandern zu. Erhasche drei Sternschnuppen. Ich weiß, was ich mir wünsche.

Freitag, 30.8.2019

Frühstück zwischen Zelt und See. Der Drache schläft noch.

(Mit dem letzten bisschen Strom fotografiert)

Als ich abbauen will, ruft Aarun von hinten den Berg runter.
Er kommt mit einem Paar herunter.

„Es ist Neumond.“

„Ja, war ganz schön dunkel, heut Nacht. Ist der Hund von dir?“

Nee, gehört den beiden.

Aarun möchte mit dem Paar ein Ritual machen, wie jedes Jahr um diese Zeit. Immer bei Neumond. Und er lädt mich herzlich ein.

Klar, warum nicht. Ich hab Zeit, es ist schön hier.

Am Ende des Rituals, an dem wir auch ein kleines Feuer haben, auf flachen Steinen, um die Wiese nicht zu verletzen, lädt Aarun auch die Kinder ein. Mittlerweile sind ein paar Familien angekommen. Wir stellen uns im Kreis um das Feuer und bekommen jeder eine Handvoll Weihrauch. Jeder darf nun drei Wünsche aussprechen, die er mit dem Weihrauch ins Feuer geworfen und als Rauch in die Welt schickt.

Die Kinder machen mir Freude. Ich selbst wünsche mir unter anderem, dass wir wieder zur Liebe zur Natur zurückfinden.

Danach baden wir.

RHeinigen, tut gut. Letztlich auch von seiner Energie. Guter herzlicher Mensch. Aber letztlich bisschen übergriffig.

So komme ich spät los.

Erstmal zur Passstraße marschieren.

Trage in mir Gedanken darüber, ob ich das auslöse, oder, wie ich geschickter damit umgehen kann, wenn ich unangenehme Energien abkriege.

Wenn ich darüber nachdenke, merke ich, dass ich wieder einige Details bemerkt hatte aber aus Nettigkeit nicht darauf reagiert.

Endlich beim Rad angekommen. Unter dem aufgeschnittenen 120l Müllbeutel (hab ich seit zig Jahren dabei), den ich über die Fahrradtaschen gebreitet hette, finde ich ein Taschentuch mit lieben Grüßen von Monia. So eine Freude!

Dann mache ich nochmals Kerzenrast.

Achtsam mit dem Rad über Stock und Stein.
Nun gehts bergab, huiiiii!

Etwas später ärgere ich mich allerdings, dass ich entweder die schnelle laute Straße fahren muss, oder schlechte rumpelige Kiesradwege mit fiesen großen spitzen Stolpersteinen und Schlaglöchern drin, dazu noch permanent auf und ab.

Schaffe ich es heute bis Domat, wo mein Auto steht? Ich muss nicht unbedingt. Habe Zeit genug, unterwegs nochmal einen Schlafplatz einzurichten. Ich will jetzt aber doch gerne heim. Außerdem möchte ich heute Abend nochmal in Zillis schlafen.
Im letzten Viertel der heutigen Strecke muss ich wieder 400hm rauf, um die Rheinschlucht zu umfahren.

Merke ich nun schon.
Dann bin ich aber froh, dass ich nicht in Gegenrichtung unterwegs bin, weil die Serpentinen hier deutlich steiler sind.

Mitten in der Anstrengung kommen mir diese Sätze in den Sinn:

Ich wünsche mir, dass Mann und Frau wieder zu ihrer innewohnenden, wahrhaftigen und aufrichtigen Liebe finden.
Ich wünsche mir, dass ich zu meiner innewohnenden, warhaftigen und aufrichtigen Liebe finde.
Und, dass ich einen Mann an meiner Seite habe, der ebenso zu seiner innewohnenden, wahrhaftigen und aufrichtigen Liebe findet.

Um 19:15 beim Auto, 8e in Zillis auf dem Bauernhof.

Ich unterhalte mich noch mit meiner Massenlagergenossin (ich persönlich ziehe den Ausdruck Matratzenburg vor). Dabei fällt mir alles ein, was mich zu Hause erwartet. Kein Zuhause und eine desolate Arbeitssituation.
Dabei fällt mir auch auf, dass ich all das unterwegs komplett aus dem Kopf hatte.

Samstag, 31.8.2019

Pause am schönen Harder Bodenseeufer.

Noch ein bisschen freies Unterwegssein fühlen.
Wo eine Brötchentüte Frühstücksbrett ist und ein Putztuch als Handtuch fungiert. Wo ich alles, was ich brauche, bei mir habe. Sogar Luxusdinge, wie einen ExLatteMacchiato-Schüttelbecher und zerknitterte kleine Tüten PulverMilchKaffee.
Kleiner Exkurs: Luxus ist für mich: etwas, was ich nicht unbedingt brauche, aber meine Lebensqualität und vor allem -freude erhöht. Porsche ist also kein Luxus (für mich.)
Gleichzeitig zwischen den Welten: Abschied nehmen und auf Ankommen vorbereiten.
Außerdem bin ich saumüde.
Sven erinnert mich an die Gartenparty von Dietmar. Gut, bin ich gut unter heute Abend. Zeitlich geht es so auf, dass ich garnicht erst nach Hause fahre.

Catch and release am Lagerfeuer. Offenbar beeindrucke ich heute Nacht mit diesem einen spontan gesungenen Lied. Denn einige Gäste sprechen mich darauf an, wie gut es ihnen gefallen hat.
Dabei hab ich doch die Knötchen.
Ich freue mich sehr, dass ich gehört wurde.

Sonntag
0:30
Zu Hause!

Montag

1. Arbeitstag nach 2 Wochen krank und 2 Wochen Urlaub.
Laaaaangsam beginnen. Dazu hab ich die Langsamkeit auf meiner Radtour celebriert.
Als erstes ist ein Krisengespräch mit Chefarzt und Oberarzt für uns Ergos angesetzt.

Dienstag
Ich weine wegen eines Patienten, der seit Wochen ’nicht sprechen darf‘, weil Dysphagietherapie abgesetzt ist.

Mittwoch
Alltäglicher Ärger mit einem Pfleger. Dadurch auch mit Gl und Mitarbeiter angespanntes Gespräch.
Nach der Mittagspause will ich mir meinen geänderten Stundenplan rausschreiben, denke dabei an nix böses –

– und breche am PC zusammen. Hyperventilation und Heulkrampf. Ich kann nicht mehr.

Vier Stunden Aufenthalt in der und um die Klinik, OberarztBesuch, einige nette Gespräche mit Kollegen, dann kann ich endlich, immernoch mit zitternden Knien, heimfahren.

Donnerstag
Phoniater: die StimmbandKnötchen sind viiiel kleiner geworden!

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