Gestörte Nachtruhe

Freitag, 23.8.2019
Ich wache nach ein oder zwei Stunden Schlaf davon auf, dass mein rechter großer Zeh am Zeltende das Mashnetz ganz leicht berührt und
– wahnsinnig wehtut!
Der Schmerz fährt alle paar Sekunden in die äußere Seite meines Nagels. Nach einer Weile liege ich bloß noch im lethargischen Delir und versuche in jeder Minute eine andere Fußstellung.
Ich beschwere mich am Morgen liebevoll beim Nachbarn, dass er schnarcht. Dass das aber nicht so schlimm war, weil ich eh vor Schmerzen nicht schlafen konnte.
Als ich erzähle, ich hätte mir meinen Cafe aus Pulver und lauwarmem Leitungswasser selbst gemixt, kommt die Nachbarin hinter der Abgrenzungshecke. Sie muss ganz weit herumlaufen und bietet mir richtigen Cafe an. So ein freundlicher Mensch!
Zelt abbauen
Baden
Lange duschen.

Mein Zeh macht mir jeden Schritt schwer. Kann ich überhaupt fahren? Außerdem bin ich von der 2 wochenlangen Schlaflosigkeit total durch.

Dann rufe ich die Krankenkasse an, wies aussieht mit ärztlicher Behandlung, ich sei ja schließlich in Italien. Das würde klargehen, aber nicht so easy in der Schweiz.
Statt dessen begnüge ich mich dann doch mit der Apotheke. Man verkauft mir dort Antibiotikasalbe.

Trotzdem ich schon ausgecheckt habe, liege ich noch eine geraume Weile schlaflos auf der Steinbank am Strand. Isomatte drunter und im Schlafsack. Schlaflos, aber völlig weggetreten. Irgendwie richtig krank.
Dann Mittagessen am Strand, weil Michael bei sich zu Hause auch Nickerchen macht.
Ich setze einen verzweifelten Anruf ab. Michael will mich abholen. Ich stimme zerknirscht zu.
Der kaputte Fuß! Aber auch der Schlafmangel seit zwei Wochen und die nicht verarbeiteten Schläge haben mich alle zermürbt und eben jetzt kann ich nicht mehr. Schwer genug, mir einzugestehen, dass ich abbrechen muss, Hilfestellung annehmen ist noch schwerer, aber ich kann es gerade gut gebrauchen.
Dazu seine geistreiche Frage: an welchem Fuß denn?
Wär ich garnicht drauf gekommen, dass ich ja schlecht gasgeben und vor allem schlecht bremsen kann.
Sogar an Fahrrad fahren ist im Prinzip garnicht zu denken. Ich schraube den Sattel runter, damit mein rechter Fuß mit dem Ballen auf der Pedale ruhen kann. Ich werde wohl hauptsächlich mit links fahren. Ist ja eben.
Ich will nach Locarno mit dem Rad, sehen, ob ich früh genug da bin, sonst noch an der Nordspitze des Sees Zelten. Oder eben gleich öffentlich nach Domat/Ems. Wo mein Auto steht.
Ich erwische einen Zug um 17:00 Uhr, der mich mit zwei mal Umsteigen bis abends 8te dort sein lässt.
Im Bus stelle ich fest, der hält in Zillis!
Kurzentschlossen steige ich dort schon aus. Hatte gerade telefoniert, Juon, meine liebe Schlafen im Stroh Familie hat Platz für mich.
Wie ein zu Hause fühlt es sich hier schon an, habe mich schon beim ersten Mal wohl gefühlt. Und, es zieht nicht. Ein richtiges Zimmer mit Wänden.

Weitere Gäste sind ein Vater mit Sohn (17). Die wollen zu Fuß über die Via Spluga. Auch ein Traum von mir. Aber sie nehmen sich in ihrem jugendlichen Leichtsinn und männlichen Wahn Gewalttouren vor. Erste Etappe waren 48km bei 60 geplanten. Die spinnen, die Römer.
Halbe Flasche Wein, wie gestern.
Schlaf!

Samstag, 24.8.2019
Spätes FS
10e los
Ich fahre mit dem Rad, mit Zwischenstop in der Via Mala Klamm. Ausgerechnet heute, nachdem ich hier schon paarmal war, habe ich Lust, die 6 Franken zu latzen, um mal die Treppen zum großen Findling herabzusteigen.

Wer erkennt das lächelnde Mädchengesicht auf dem gut gelaunten Stein?

Interessant finde ich auch die ‚Steinmühle‘.
Ein Bub, der grad raufgestiegen war, sagte, „Das isch iiedrückchlichch!“
Ja, wirklich.

Außerdem beobachte ich unten in der Klamm einen kleinen, unscheinbaren Vogel, der hurtig wie eine Wasserratte in die Fluten steigt, die Felsen unterwaser abgrast und wieder ans Trockene Schlüpft.

Die Treppen habe ich allerdings sehr achtsam genommen!

Nun geht es weiter mit dem Rad und gößtenteils bergab, nach Tamins/Domat, wo mein Auto wartet.
Dann die 10km nach Chur. Bremsen ist tatsächlich noch schmerzhaft. Auch die Konzentration im Stadtverkehr lässt signifikant zu wünschen übrig.
Im Parkhaus Nähe Bahnhof bekomme ich Beklemmungen, ja Angstzustände.
Ich muss immernoch nicht hetzen, habe sogar genug Zeit, mir im Sommerschlussverkauf eines Modeladens zwei Tanktops in rot zu kaufen. Und einem spontanen netten StraßenKonzert zu lauschen.
Im Bahnhof wundere ich mich darüber, dass es offenbar keine Hinweise mehr über die Ankunft von Zügen gibt.
Demnächst also nicht nur Ankunft und Gleis sondern auch am besten Zugnummer angeben, wenn man abgeholt werden will.
Michael spendiere ich ein Eis in der Fußgängerzone.
Dann gehts Heim. Mit Zwischenstop und Picknick am Bodensee.

Foto ohne Füße. Geht normalerweise garnicht. Diesmal seis verziehen.

Auf der Fahrt spielt meine geschundene Psyche vollends verrückt. Ich will bloß noch heim, aber wir fahren natürlich zu Michael, weil da sein Auto steht. Wir sind nachts recht spät da.
Auf dem Sofa kann ich einigermaßen pennen.

Sonntag, 25.8.2019

Spätes FS, viel quatschen, dann zum See, Grube Prinz von Hessen. Natürlich nicht mit Rad. Michael fährt uns mit dem Auto.
Ich ‚darf‘ ja nicht Rad fahren. Obwohl mein Zeh sich stündlich bessert und ich so langsam wieder auf heißen unternehmungslustigen Kohlen sitze.

Sonnig am See.
Irgendwas spüre ich bei Michael, ich kann (oder will) es noch nicht einordnen. Als er Zeitung liest, bekommt mein inneres Kind lustige Stichellaune. „Kennst du das, wenn einer offensichtlich seine wohlverdiente Ruhe haben will, dass dir dann lauter Sachen einfallen, die du unbedingt sagen willst?“
So stichel ich an ihm rum und lach mich halb tot.
Dann fällt mir ein – und diesmal strengt es mich an, es ihm zu sagen – dass Lis an Vadders Geburtstag zu mir sagte: „Wegen dem halben Jahr, das du weg bist: wie lange dauert es denn so, bis man jemand passendes findet?“

Etwas später redet Michael vom einsamen Wolf, der er eigentlich ist.
Da wird mir klar, ja es kommt mir vor, als öffnete sich ein Fenster, dass ich mich nun doch offenen Auges in eine Illusion habe hineinzaubern lassen.
Ich drehe mich auf die Seite, von ihm weg, während sich das innere Fenster öffnet. Gleichzeitig steht mir der Plan vor Augen:

• Ich werde ihm gleich Bescheid sagen (dass mir grad klargeworden ist, das mit uns geht ja garnicht), ich trenne mich von ihm
• Dann werden wir gehen und zu ihm nach Hause fahren
• Ich werde sorgfältig alles einpacken
• Zu meinem ZuHause fahren
• Zelt zum Trocknen aufhängen
• Manche Wäsche dalassen, andere einpacken
• Eier kochen für die Fahrt…
• …und morgen gehts wieder los!

Der Abschied gestaltete sich etwas anders, als geplant.

• Michael bietet mir noch am See an, mir ein Eis von der Eissofie zu spendieren. Ich nehms an
• Bei ihm zu Hause angekommen will er, dass wir aussprechen, was uns noch auf dem Herzen liegt. Ich habe vergessen, was wir uns gesagt haben. Irgendwas nettes. Doch, auf jeden Fall sage ich auch dies: wir sollten aufhören, mit dem heiligsten, was wir haben, so schändlich umzugehen.
• Zum Abschied will er eine weitere Umarmung und einen Kuss. Er bekommt zwei KinderKüsschen. Find ich nicht so gut, dass ich das gemacht hab.

Ich weiß, dass ich wütend bin. Mir ist auch bewusst, dass ich die Wutenenergie benutze, um mich wieder klar zu machen, für die Fahrt zurück in die Schweiz.
Spüren tue ich sie erst im Auto. Oder besser, ich lasse es wenigstens stückweise dort zu. Gelauert hat sie darauf schon am See. Aber zeigen hab ich sie nicht können.
„Arschloch! Hast du echt gesagt: ‚ich sag es den Frauen immer, aber sie glauben mir nicht. Ich habe so viel, was Frauen gefällt. Nur das eine biete ich ihnen nicht: mich an sie binden.‘
Hast du ganz vergessen, wie du von deinem Gefühl sprachst, nun endlich anzukommen, davon, dass du dich auch mit U. gebunden hast?
Klar, hast du mir anfangs gesagt, du kannst dich nicht binden. Aber dann hast du alles getan, um dennoch deine Anbindung zu suggerieren und damit klarzumachen, dass du es diesmal ernsthaft versuchst. Wie weit ist dir das eigentlich bewusst?

Wolltest du wirklich das naheste, heiligste, das in einer Beziehung erlebt werden kann dadurch mit Füßen treten, dass du es dir ohne echte aber vorgetäuschte Bindung und bindend ergaukelst?
Und das, nachdem ich dir nahegelegt habe, wie heilig mir das ist, was zwei Menschen miteinander aufbauen?…“

Egal, nützt nix, mich darüber aufzuregen. Mir ist klar, so will ich es nicht. Ich löse mich von dir und damit von meinen Illusonen und Anhaftungen.

Ich hab mein Seelenheil wieder und lege nochmal befreit los.

 

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