Kurz davor

6.8.2019, Dienstag

Ich sitze bei Bülent in Lützelbachs Pizzaria. Die kleine Rucola mit großem sauergespritztem Radler habe ich mir heute mehr, als verdient.

Als ich mich mit dem Stromradel kraftlos hierherschleppte, dachte ich so:

Während sich nach vorne die Pläne zu den Etappen der Reise(n) so langsam verdichten und sich peu á peu bereit machen, zu Realität auszukristallisieren,

bricht hinter mir meine so gekannte und lieb gewonnene kuschelige Welt zusammen, wie ein Kartenhaus, in das ein garstiger Wind pustet.

Es ist genau vier Wochen her, dass ich mir aus allzulang angestauter Fleischeslust ein lecker lecker Filetsteak brutzelte und mit einer wunderbaren Sangiovesetraube als Beilage nach draußen trug. Kaum im Pavillon mit Blick auf den sagenumwobenen Lagerfeuerplatz angekommen, spricht Arno, mein lieber Landlord mich an. Sehr freundlich. Und er setzt sich zu mir. Komisch, was mag das…

„Hast du eigentlich schon was unternommen wegen der Untermieter während deiner Reise?“

„?“

„Ja, lass das mal. Ich werde da runter ziehen. Jonathan kommt mit Familie. Du weißt ja, haben wir ja immer so ausgemacht, du hast ja selbst gesagt, du willst bloß ein Jahr, du musst dir aber keine Gedanken machen, ich wohne solange bei dir und wenn du im Frühjahr wiederkommst, dann improviesere ich oben mit der Familie und du kannst dir in Ruhe was neues suchen.“

„Was?“

Es dauerte eine Weile und bedurfte einiger Wiederholungen von Arnos Rede, bis ich verstand. Allerdings verstand ich zunächst bloß:

Arno schmeißt mich raus!

„Gehst du jetzt bitte? Ich möchte in Ruhe weinen.“

Schlimm genug, dass ich für mein halbes Jahr Auszeit hab kündigen müssen auf der Arbeit. Irgendetwas Schriftliches mit weiterlaufendem Arbeitsvertrag wäre mir 1000 x lieber gewesen. Nehmen die mich wieder, 53 jährig und chronisch krank, letztes Jahr ein halbes Jahr gefehlt? Jetzt bricht mir die neu gewonnene Heimat zusätzlich weg. Dabei hatte ich mich sicher gefühlt, als Jonathan mir anfangs auf die Schulter klopfte: „Keine Angst, ich will garnicht zu Papa zurück!“ Und noch einmal sicherer, als Gunnar seine neue Wohnung letztes Jahr kostspielig renovierte. Da wird er bleiben, bei so viel Aufwand.

Ich glaube, ich schreibe mal ein Buch mit dem Titel „Sicherheit ist ein Pustekuchen“.

Als ich mich fürs erste etwas ausgeweint habe und ins Haus gehe, um Gunnar von meinem Kummer zu schreiben, sehe ich, dass Mama versucht hat, mich anzurufen.

Von ihr erfahre ich, dass tags zuvor mein nahester Cousin gestorben ist. Einfach umgefallen im Gespräch mit seinen OrchesterFreunden. Gerade mal 2 Jahre älter. Gesund gestorben.

Mit dieser Doppelinformation werde ich nicht fertig. Aber ich gehe tapfer arbeiten. Oder besser: im Nebel.

Vor zwei Wochen die traurige Aussegnung. Schön zu spüren, wie liebevoll die Familie zusammen hält.

Am Donnerstag auf der Arbeit der Supergau: unsere Arbeit wird zum qualitativen Witz. Wir bekommen Anordnungen von Geschäftsführungsebene, die unsere Arbeitstage zu einem undurchdringlichen unproduktiven Dschungel verdichten. Wir Therapeuten müssen aushalten, dass wir so unsere Patienten überhaupt nicht mehr unterstützen können und nebenbei, wie auch immer wir uns verhalten, unaushaltbarem Stress ausgesetzt sind. Wo wir doch eh alle schon längst massiv unsere Ressourcen anzapfen, seit seit zwei Jahren einer nach dem anderen wegen schlechter Bezahlung von der Bildfläche verschwindet. Als wir die Nachricht bekommen, dass wir ab komender Woche viele unserer Patienten nur noch wenige Minuten ‚behandeln‘ dürfen, weint das ganze Team.

Ich bin bereits seit zwei Wochen erkältet, halte aber tapfer durch. Auch die Krisensitzung mit dem BR am Nachmittag und die Krisenteamsitzung am nächsten Morgen, in denen die TeamStimmung gefährlich zwischen sarkastisch gereizt und verzweifelt traurig schwankt.

Für mich ändert sich das Bild noch einmal: mein Heimathafen hat sich vollends aufgelöst. Fragte ich mich vorher noch, ob ich wieder in meiner guten Klinik genommen werde, so muss ich mich jetzt fragen, ob ich überhaupt wieder dort hinwill. Und wenn ich tatsächlich noch wollte, ob es über kurz oder lang noch aushaltbar wäre.

Und woanders? Ist es irgendwo besser?

Am Wochenende verhalte ich mich supervernünftig. Tatsächlich. Trotz Kommz. Das ist echt eine Leistung.

Ich bleibe nur sonntags tagsüber auf dem Festival. Treffe zu meiner Freude ein paar Bekannte. Ein Thema regt mich in den letzten Wochen gründlich auf. Und das ist ‚Treue in der Partnerschaft‘. Und das, obwohl ich garkeinen Partner habe. Aber einen Sparringpartner, von dem ich mir sehr bewusst meine Muster spiegeln lasse. Und ich habe einen riesigen Bekanntenkreis, für den ‚den Partner nicht fesseln‘ und ’sich gegenseitig freilassen‘ zu einer dubiosen Maxime erstarrt sind. Jeder betet es nach und man scheint sich nicht einmal mehr zu fragen, ob es auch freifühlen innerhalb einer Beziehung geben könnte.

Meine BekanntInnen haben also ellenlange Vorträge ganz nach Kaddimanier zu hören bekommen. Aber aufregen tuts mich wirklich. Ganz tief im Herzen.

Susanne sagte mir, ‚Polyamorie ist das öffentliche Ausleben von Bindungsstörungen‘.

Und Jörg und Simone nannten Freiraumparties kurzerhand ‚Swingerclubs für Esoteriker‘.

Na also, geht doch. Fühle ich mich schon nicht mehr so allein.

Ich möchte mich nicht mehr an jemanden binden, der sich nicht wirklich – also nicht – für mich entscheidet.

Bin dann nach sehr wenig BarfußHottenTanz vor der KommzHauptBühne am frühen Abend  nach Hause gefahren. Dennoch sage ich mitten in der Nacht für Montag Nachmittag ein Treffen mit meinem lieben SparringFreund ab. Nach der Arbeit werde ich schlafen müssen. Ich spüre schon in der Nacht, wie sich alles verdichtet, spüre, dass ich nicht mehr kann.

Als ich gestern Morgen mit dem Auto zur Arbeit aufbreche – fast hätte ich mich entschieden, die andere Richtung zu nehmen und mich krank schreiben zu lassen – beginnt es, zu regnen.

An der Ampel, 500m vor der Klinik rutsche und rutsche ich trotz ABS in das Auto vor mir.

Nervenzusammenbruch und Totalschaden.

Das wäre jetzt ein gutes Schlusswort gewesen. Findet zumindest ein schwer zugänglicher, dramatischer Theatralik zugeneigter Seelenanteil von mir. Dabei habe ich heute zum ersten Mal mit Sein in Myanmar telefoniert. Volunteering in einer Schule in Myanmar für minimal 5 Wochen ab Anfang Januar scheint zu klappen. Außerdem habe ich mich aus den Fängen meiner Autoversicherung freigekauft und dabei ein hübsches Gespräch mit meinem sehr netten Unfallpartner gehabt. Und, es wird mein Auto übermorgen dem Schrott anheimgegeben und dann bekomme ich auch schon ein neues altes.

Tschüß Leben, wie ich es kannte.

Hallo, neues Leben!

 

Samstag, 10.8.2919

Gestern abend habe ich mein neues altes Auto bekommen. Es ist 19. Ziemlich vieles ist ähnlich meinem alten jüngeren Schrottrenault. Aber dieser ist kleiner. Keine Mittelkonsolenbox für Knabbereien.

Dennoch ein Raumwunder. Ich richte alles möglichst so ein, wie ich es beim vorigen hatte und bin erst zufrieden, als ich zwei Rücksitze draußen habe und die Isomatte probehalber im glatten Kofferraum ausbreite:

Ha, passt!

Allerdings kündigen sich auch seit Tagen schwere depressive Schübe an. Ich musste viel Rad fahren und zwei mal über die Hügel nach Lützelbach wandern, aber wurde immer schlapper. Gestern fiel es mir bereits sehr schwer, mit dem E-bike den zumeist ebenen Weg nach Mömlingen rauszuradeln. Dazu zog jemand an meinen Nerven, wie an den Fäden eines Paragliders. Es kostete mich unendlich Kraft, dem nicht nachzugeben und einfach die Augen zufallen zu lassen um irgendwann ins Nichts zu kippen.

Heute finde ich mich dauernd im Bett wieder. Ich muss raus! Hab aber keinen Antrieb.

Freunde hab ich alle die letzten Tage schon abgeklappert, hauptsächlich telefonisch.

Man soll ja über belastende Ereignisse reden, sich nicht zurück ziehen.

Bude über kurz verloren, Arbeit unaushaltbar, Auto kaputt…

„Sieh’s doch positiv: du bist frei!“

Ich bin meinen Eltern dankbar, die mich spontan zur Zulassungsbehörde fahren. Und dem jungen Beamten, 26, genau halb so alt, der in den drei Minuten Amtszeit mehr Mitgefühl aufbringt, als alle anderen:

„Autsch, nein, die Sorte Freiheit wünscht sich doch niemand!“

Er sagt, er hätte selbst schon viel durchmachen müssen. Und seine Freunde nennen ihn empathisch.

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