Abschied

Mittwoch, 13.9.2017

Morgens um sieben ist der Himmel wolkenfrei.
Es hat draußen 1 Grad.
Schnell schlüpfe ich wieder ins warme Kuschelbettchen.

Beim Frühstück verquatsche ich mich mit einem älteren Paar aus FFM bis halb 11.
Die Sonne strahlt volles Rohr und verheißt einen guten letzten Tag.
Nun ist es auch angenehm warm.

Bergün ist ein hübsches Dorf auf immer noch 1400 m Höhe:

Ich rolle gaaanz laaangsam den Berg runter. Jeden Meter genießend. Um mich schauend, staunend.
Auf einer Parkbucht an einer tiefen Schlucht mache ich mal Fotostop. Alec aus Canada kommt mit seinem Motorrad von unten her und fragt, ob ich englisch spreche.
Wegen diesem Foto werde ich heute schlecht schlafen. Warum mache ich sowas?

Wir unterhalten uns prima übers Reisen.

Dann rolle ich weiter bergab.

Filisur:

Zwischendurch gibt es ein paar kurze leichte Steigungen, die tun mir garnicht gut.
Mein Herz schreit nach Ruhe.

Wie oft habe ich schon gehört, dass die Strecke von Tiefencastel nach Thusis nicht für Radfahrer zu empfehlen ist. Erst nach diesem Schild

entscheide ich mich gegen geschätzte 200hm und für den Zug. So komme ich doch noch zu 15 min Rhätischer Bahn.
Im Abteil unterhalte ich mich mit einem Herren und freue mich, dass die Schweizer wohl so offen für Geselligkeit sind.
„Ja? Sind wir besser als unser Ruf?“
„Hm, da war ich vorurteilsfrei. Nur was die Preise angeht, haben sich meine Voruteile bestätigt.“

Als ich in Thusis aussteige, kenne ich mich aus: ja, da um die Kurve, 200 m weiter im Wälchen am Campingplatz, habe ich eine Kerze für die bevorstehende Steigung angezündet und in der Ruhe, die sie 15-20 min lang ausstrahlt, Kraft getankt.
Jetzt zünde ich am gleichen Platz wieder eine Kerze an: Danke, ich bin gut wieder angekommen.
Ich habe auch einen Kloß im Hals, der sich noch nicht lösen will.

Auf diesem bild hat sich eine kleine Spinne versteckt, wer findet sie?

Auf dem Weg durchs Wäldchen muss ich zunächst ein paar richtige Abzweigungen nehmen und bin mir kurz nicht sicher, bin ich hier gefahren?
Da sehe ich an einer Betonwand das Grafitti ‚Ich scheiß auf grau‘ und weiß wieder, dass ich mich auf dem bekannten Pfad befinde.
Nun geht es einige km nur am Rhein entlang. Der Weg kam mir übrigens so schlecht zu fahren vor, weil er doch eine deutliche Steigung hatte. Jetzt rolle ich so dahin.
Auf einer Brücke am Weg möchte ich den Ausguck über den hier ziemlich reißenden Fluss in die Berge genießen.

Ich setze mich auf den Holzboden. So schön warm auf der Brücke. Ich lasse mich eine Weile von den Wassermassen sanft durchvibrieren. Und nehme Abschied.
Da endlich kommt der Schmerz hoch und ich muss furchtbar weinen.
Das Ende von Reise, Freiheit und Abenteuer. Die Dankbarkeit, so viel wundervolles erlebt zu haben, die Fülle.
Die Dankbarkeit, dass es so schön war und alles so gut gegangen ist, dass ich so geführt und beschützt war. Und von so vielen lieben Menschen begleitet und unterstützt.

Obwohl ich so langsam war, war alles viel zu schnell für mich.
Ich sitze da, wie der Indianer, der durch Amiland hitchhiked und zwischendurch am Wegesrand sitzen muss, um darauf zu warten, dass seine Seele hinterherkommt.
Diese Erlebnisse habe ich mir einverleibt. Meine Seele braucht noch Zeit, sie zu verdauen.

Als ich für eine Gruppe ponyreitender Kinder aufstehen soll, mache ich mich wieder auf den Weg.
Es fällt mir immernoch schwer, mich zu lösen.

Die einzige Königskerze (den Tee davon trank ich in Zillis) am Wegrand schenkt mir neue Blüten.

Hier fließen Vorder- und Hinterrhein zusammen:

Der Rest ist schnell erzählt. Ich bin nämlich ganz langsam nach Chur gefahren.

Die Sonne, die wetterberichtsgemäß über dem Engadin zwischen Bernina- und AlbulaPass hatte scheinen sollen, erwärmt mich auf den letzten KiloMetern. So, wie sich mein Herz für meine lieben Freunde Gabi und Sebastian erwärmt hat, mit denen ich noch viele schöne Stunden verbringe.

Donnerstag, 14.9.2017

Zu Mittag verabschieden wir uns am Bahnhof.

Wegen eines Sturmes muss ich zwischendurch in einen Schienenersatzbus umsteigen.
Der Himmel trägt eine tiefhängende dunkle Wolkenschicht.
Doch als ich die 10 km von St. Margarethen nach Hard fahre, stürmt und regnet es zum Glück nicht mehr so furchtbar stark.
Klar werde ich trotzdem ziemlich nass, aber ich lasse es mir nicht nehmen, an meinem brav dastehenden Auto vorbeizufahren und ein Abschiedsfoto am Bodensee zu selfen.

Zu Hause angekommen, sehe ich, dass mein Vermieter mir gerade eben den Ofen eingebaut hat. Er hatte ihn schon mal eingeheitzt.

Und er war noch warm.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.