Et hätt noch immer allet jot jejange

Dienstag, 12.9.2017

Es hat über Nacht geschneit und es schneit immer noch.

Die Vorhersage kündigt besseres Wetter ab 10 oder 11 Uhr an.
Ich esse also erstmal gemütlich Frühstück. Aber schon seit gestern bekomme ich einfach nicht mehr so viel runter, wie ich sollte. Ich geb mein bestes.
Gegen halb 10 wird es doch schon heller. Schnell ist alles gepackt.
So mache ich mich auf den Weg:

Diesmal muss ich wegen der kalten Finger dauernd anhalten und Fotos machen.

Ich komme an all den bekannten Orten vorbei.
Diavolezza
MorteratschGletscher
Klettersteig La Resgia, neben dem ein eindrucksvoller Wasserfall niedergeht…
In Pontresina trinke ich der Romantik wegen in der Pitschna Scena meinen Tee zum Aufwärmen.
Ab dem Muotas Muragl führt ein geschotterter Fahradweg in der Ebene nach La Punt.
Jedenfalls anfangs. Als einmal ein paar Häuser umrundet werden sollen, es dafür aber steil bergauf geht, will ich es besser wissen. Dafür ist mein Rad 5Min später schlammverkrustet, wie ein Mountainbike und weitere 5Min später wasche ich unfreiwillig wenigstens die Reifen in einer überfluteten Wiese.
Jetzt fängt es noch an, zu nieseln, ich fühle mich schlapp und mir ist kalt.
Da passt es gut, dass über La Punt im Eingangstal zum AlbulaPass die angekündigte 13:00Regenwolke hängt und ich einen netten Spielplatz mit Hütte entdecke. Mein letztes AldiSuperSportEiweißpulver rühre ich hier mit frischem Quellwasser an. 30 min später, als ich noch am letzten Bissen meines Mittagessens kaue, sieht es wieder heller und nett aus.
Auffi geht’s!

Der Albula von Süden ist gemein steil! Gleich im Dorf La Punt mit der unscheinbaren Seitenstraße fängt es an.

Und hört nicht mehr auf.
Die Straße ist an vielen Stellen recht schmal und ich kann nicht sagen, dass hier deutlich weniger Verkehr ist, als auf der BerninaPassStraße. Kurz über La Punt muss ich an einem Autounfall vorbei. Die Polizei ist gerade vor mir eingetroffen.

Zunächst ist es wechselnd bewölkt und ab und zu wärmt mich sogar ein Sonnenstrahl.

Ich merke, dass mir nun doch so langsam die Kraft ausgeht. Es ist immerhin der dritte Aufstiegstag. Meine PowerGrenzen kommen deutlich in Sicht.
Dazu die Kälte und die Emotionen in all den Orten, die ich mit meinem früheren Partner kennen und zu schätzen gelernt habe.

Auf den letzten 1-2 km wird es etwas flacher, aber nun fängt es, der dramatischen Steigerung wegen, zunächst zu schneenieseln an.

Dann bekomme ich Gegenwind, der schnell immer stärker wird, bis mir die fiesen kleinen, wie Morgensterne geformten Eiskügelchen schmerzhaft ins Gesicht peitschen.
Da ziehe ich mir wieder mein AstronautenOutfit von heute Morgen über. Ist ja egal, dass ich bald nicht mehr so viel sehe, mit der nassen Brille.
Ich muss buchstäblich alle paar Meter Pause machen, weil mir die Luft ausgeht.

Kaum auf dem Pass angekommen, mein Rad an die Berghütte gestellt, bitte ich schon wieder quietschvergnügt die ersten beiden älteren Herren, ein Siegerfoto von mir zu machen.

Ich wärme mich dankbar im Restaurant an sündhaft teurer Gerstensuppe und einem Tee auf. Sobald ich drinnen sitze, knallt die Sonne wieder durch die gereinigte Luft, dass es eine Pracht ist.
Das tut sie auch noch, als ich – halbwegs getrocknet – wieder aufsattele. Aber es ist eisekalt.
Dennoch versuche ich jeden Meter meines geliebten AlbulaPasses zu genießen. Vor lauter Fotos schießen

geht mir bald der Strom aus. Das tut erst weh, aber jetzt verschwindet die Sonne eh hinter der Bergflanke. Und es wird noch kälter. Einmal halte ich an, um mit verfrorenen Fingern den Bowdenzug meiner Hinterbremse nachzuziehen.
Dann zuckele ich weiter. Uh, jetzt komme ich erst durch Preda? Von wegen, die 14 km Abfahrt nach Bergün sind schnell gemacht, ich habe erst die Hälfte hinter mir und das Genießen beginnt, mir verdammt schwer zu fallen.
In der PaarHäuserAnsiedlung Preda erschrecke ich über etwas, das aussieht, wie ein gelber kilometergroßer Riesenkrake, der zwei seiner Arme sogar über die Straße streckt. Machen sie hier einen Steinbruch?

Am nächsten Tag sollte ich erfahren, dass der AlbulaTunnel für die Rhätische Bahn neu gebohrt wird. Ein Projekt, das bis 2022 dauern wird. Der Riesenkrake transportiert den Abraum weg. Und nach Beendigung der Bauarbeien wird alles wieder renaturiert.

Jämmerlich verfroren trudele ich schließlich in Bergün ein. Ich frage die ersten Passanten nach einer Pension. Denn ich hatte nichts gebucht. Ursprünglich wollte ich ja noch 7km weiter nach Filisur. Dort hatte ich mir im Internet bereits ein günstiges Hotel rausgesucht. Aber heute kriegen mich keine 10 Pferde mehr aus diesem Ort. Ich versuche bei dem Viehwirt zu fragen, aber die sind gerade am Melken und ich kann mich nicht bemerkbar machen.
Ein paar Meter weiter ist ein Schild ‚Hofladen, bitte eintreten‘. Es geht in einen Kellerraum. Ich hoffe, dass ich hier jemanden finde, den ich fragen kann. Niemand da. Es ist einer der vielen kleinen Selbstbedienungsläden.
Aber es ist warm hier und es gibt eine Bank, auf die ich erschöpft falle.
Ich muss mich erstmal sammeln. Erstmal durchatmen.
So langsam fällt die Verzweiflung von mir ab und macht neuem Mut Platz. Als ich wieder auf der Straße auftauche, treffe ich auf zwei Frauen, die mir ein noch günstiges Hotel um die Ecke empfehlen. Da kommt gerade die Wirtin mit dem Auto vorbei. Ja, sie hat ein Zimmer frei.
Das ist mir mit 65 Franken aber doch zu teuer. Sie schickt mich zum nahegelegenen Kurhotel. Die sollen ein günstiges Massenlager haben.
Als ich vor dem respektablen Haus in so was ähnlichem, wie Jugendstil, ankomme, stehen Türsteher davor. Drinnen wird gerade eine Sendung gedreht. Und das Massenlager ist daher mit Technik voll.
In der zweiten Empfehlung lässt man mich warten und ich fühle mich auch nicht wohl. So komme ich nach meiner kleinen Dorfrunde doch wieder bei der freundlichen Wirtin im Bellaval an.
Ich weine unter der warmen Dusche, als die ganze Erschöpfung von mir abfällt.
Dann mache ich eine Kerze an.

So, jetzt bin ich also übern Berg.

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