Hauptetappe BerninaPass

Montag, 11.9.2017

Ich schlafe bis halb 8! Verdammt, ich hab doch noch was vor! Schwupps bin ich aus dem Bett. Ein schneller Blick aus dem Fenster. Das Wetter sieht schon mal, wie versprochen, gut aus.

Der Herr am Frühstücksbüffet ist ein ‚Diener‘ vom alten Schlag. Sehr still. Und immer, wenn man ihn brauchen kann, bereits zur Stelle.
Als ich wenig später auschecke und noch eine Packung Kekse geschenkt bekomme, die ich den Berg hochschleppen werde, ist er bereits aus dem Off zur Stelle, um mir und meinem Rad die Tür auf zu halten.

Es ist 8:30.

Diesmal habe ich nicht so klare Landmarken, um meinen Aufstieg einzuteilen.
Da nehme ich mir eine zeitliche Einteilung vor:
Um 10:00 mache ich eine halbe Stunde Pause, um 12:00 eine lange Mittagspause. Und zwischendurch immer kurz anhalten, Foto schießen, Klamotten ausziehen, Wasser trinken, so wie ich’s brauche.
Um 10:00 bin ich gerade an einem Hotel, das außen einen gefassten Brunnen hat, die Sonne kommt zum ersten Mal durch. Und ich habe eine Gruppe recht steiler Serpentinen vor mir.

Ich dürfte so die hälfte der Höhenmeter geschafft haben. Da fällt mir ein altes Sprichwort ein:

„Nach der Hälfte hat man ein zehntel des Weges geschafft.“

Wie wahr, wie wahr.

Hier esse ich so viele schwere Sachen auf, wie ich nur kann. Zum Beispiel die zweite SuperNektarine, die ich vom Markt in Colico am Comer See bis hierher transportiert habe (nur, damit das Bild ein wenig bunter aussieht).

Ich ziehe die Jacke an und wickle mich in mein großes Tuch. Ganz schön frisch!
Während meiner Pause kommt auch der einzige weitere Radler angestrampelt. Er würdigt mich keines Blickes.
Nach Plan fahre ich weiter. Uh, ganz schön steil!
Ich muss recht viel fotografieren. Auf einer Aussichtsbank nehme ich mir die Zeit, anhand meiner abfotografierten Karten herauszufinden, wo ich bin. Ok, auf 1800 hm. Gut, nur noch 450 hm. Und es ist 11:15.
Also weiter.
Bald sehe ich Grauvieh.

Und freue mich ein weiteres Mal über die gestrige Begegnung mit Sebastian.
Laut Beschreibung sind es von der Kreuzung, an der es nach Livigno geht, nur noch 4km.
Hier bin ich um 12:00.
Ich lasse mich nicht dazu verlocken, zu jubeln. Der letzte Aufstieg am Splügen hatte wohl auch so 4km und 330 hm. Und hatte es voll in sich!
Ich kann leider nur 15 Min Pause machen, weil es so kalt ist. Eigentlich war angesagt, dass längst die Sonne lieblich scheinen sollte. Doch es wird immer dunkler und es fängt leise an, zu nieseln.

So haben wir nicht gewettet.
Aber da hilft alles nichts, ich muss weiter. Um die nächste Kurve sehe ich das Desaster: eine dicke Bergflanke vor mir und einige steile Serpentinen drauf.
Puh, soll Sebastian, der erste, doch noch Recht behalten, dass mir nicht nur die Puste, sondern auch die Kraft ausgeht?
Drei Fotopausen später, um 13:00 bin ich oben. Ich bekomme ein paar erste Sonnenstrahlen fürs Siegerfoto.

Cool: 1300 hm, 20 km von 8:30 bis 13:00.
Beim Splügen waren es 1100 hm, 27 km von 8:00 bis 14:00.
Klingt nach einer Steigerung.
Fühlt sich auch so an.
Ich checke ein im Haus Cambrina, dusche heiß und ausgiebig und falle ins kuschelgemütliche Bettchen für eine laaange Mittagspause.
Mittlerweile heißt es eh, dass die Sonne erst so richtig am späten Nachmittag rauskommt.

Dann habe ich noch schön Zeit, stundenlang in den Hügeln zwischen Pass und Lago Bianco herumzustolpern (ich bin nach dem Aufstieg echt nicht besonders trittsicher) und etliche Fotos von den immer wolkenfreieren Bergen und dem sonnenerglühten See zu schießen.

Diesmal mache ich zwei Kerzen an: eine für mich und eine für Erika und alle lieben Menschen um mich.

Abends gibt es teuer Essen im Hausrestaurant.
Und dann mache ich auf dem Zimmer endlich den hochgeschleppten Wein alle.
Ich schlafe voll unruhig und träume wirr. Mir pumpt das Herz wieder so arg. Ich denke, ich hab auch zusätzlich zu der enormen Anstrengung etwas Höhensymptome.

Aber glücklich bin ich doch.

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