Auf einem Bein kann man nicht stehen: der 2. Pass

Sonntag, 10.9.2017

Regen, langes Frühstück, bei dem ich mit einem Paar spreche, das an einer OldtimerRalleye in den Alpen mitmacht. Sie ist ein Mann und sehr nett und zugewandt. Eine schöne Begegnung. Schade, dass sie dann fahren.
JohnTien aus Thaipej, Faste aus Norwegen und später auch das Paar aus Canada, mit dem Mann hatte ich bereits zum Frühstück beim Eierkochen gesprochen, wir sitzen stundenlang, nach dem auschecken um 10:00, im Foyer, unterhalten uns auf englisch und warten auf besseres Wetter.
Es regnet meist garnicht so stark, das ändert sich aber immer wieder unvermittelt und ist auch viel stärker angesagt. Dafür schiebt sich das Ende der Regenzeit immer weiter in den Abend hinein.
Zu Mittag gehen John und ich zu dem SchnellPizzaBäcker, bei dem ich gestern auch war.
Ich darf bei seinem Salat mitessen, dafür habe ich noch viel von meiner Pizza übrig. Die lasse ich mir einpacken. Aber verdammt, ich hab viel zu viel zu essen dabei. Bald ein kg Käse und Bresaola, eine große Tüte italienische Laktitze, zwei Joghurt, drei Obst, Kekse, Nüsse… die ganzen Fahrradtaschen voll. Und dazu noch einen halben Liter Wein. Und das muss jetzt alles den Berg rauf!
Um 14:00 werde ich zu unruhig. Ich denke, wenn ich arg nass werden sollte, kann ich auf halber Strecke, nach nur 7km in Brusio einkehren und mich umziehen oder trocknen lassen.
So mach ich’s auch.
Es geht, wie ich gelesen hatte, sofort mit Verlassen der Stadt Tirano, steil den Berg hoch. Bald wird mir sauwarm und ich verstaue die Anziehsachen. Da werden die schon mal nicht nass. Brusio ist ein langgezogenes Dorf. Am Anfang stelle ich mich unter ein Tankstellendach, weil es gerade beginnt, ordentlich zu regnen.
Zum Glück wirds bald wieder weniger, weil mir kalt wird, so nass, wie ich bin.
Ich aste mich zur Bar hoch.
Ahh, hier trinke ich erstmal eine schöne lange Tasse Tee.
Dann kommt Erika und wir hören nicht mehr auf zu quatschen. Einmal kommen wir auf unser Alter zu sprechen. Sie sagt „Ich bin 64“. Ich bin eine ganze Weile erschrocken, bis mir klar wird, man lässt hier das ‚Jahrgang‘ weg, so wie wir das ‚…Jahre alt‘ weglassen.
Um halb sechs reiße ich mich los, quäle mich hoch zum Lago di Poschiavo

und um 19:00 bin ich im angestaubten aber noblen Swisshotel in Poschiavo.
Als Willkommensgeschenk bekomme ich ein Freigetränk im Café gegenüber. Da lerne ich Sebastian kennen. Er ist eigentlich schon Bauer, erzählt mir aber, dass alle eine zweijährige Ausbildung absolvieren müssen. Und er ist auch gerne draußen. „Im Sommrrr gah ichch immrrr zunen.“ „Klar, da musst du auch viel laufen. Was hast du denn für Tiere?“ „Jaaa, Grrrrauvieh, odrr?“ „Grauvieh?–so Esel —oder Elefanten?“
„Ja, grrraue Kchühe. Die sind sehrrr seltn!“
Sebastian schaut so lieb über seine Brille aber unter seiner Kappe durch.
Dann erzählt er mir in seiner herzerfrischend breiten und langsamen Art, dass die eine Kuh immer zu ihm kommt und das Salz von seinem Arm leckt. „Und ichch muss ihr immrrr gutNacht sagen. So, wie schon drr Vatrrr.“
„Ja, wie alt werden denn so Kühe.“ „10, oft 20.“
Ich erfahre, dass sie sich lohnen wegen der Kälber. Nimmt man ihnen im letzten Lebensjahr das Kalb weg, bilden sie viel neues gutes Fleisch.
Ich sage die ganze Zeit Du zu ihm, und er sagt Sie zu mir. „Bitte, sag doch auch Du zu mir. Wir trinken zusammen Wein!“
„I bin guet errrzogn, odrr? Und Sie sind- du büsch ältrrr…“
„Klar bist du jünger. Ich schätz dich so auf gut 30. Wie alt bist du denn?“
„Ichch bin 82“ „Na, siehst du?“
Als er sich am Ende verabschiedet, bitte ich ihn, der immer wieder ins Sie gefallen ist: „sagst du wenigstens am Schluss noch mal du zu mir?“
„Du.“
„Gut.“

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