Sentiero Valtellina

Freitag, 8.9.2917

Als ich wieder aufwache, ist es fast ruhig, nur manchmal ist ein liebliches kleines Plätschern zu hören.

Ich drehe mich zufrieden um. Endlich gut geschlafen!
Ich habe auch was geträumt. Hatte ein Gesicht vor mir. Mir dann vorgestellt, wir wären Wange an Wange und dieses Bild ist vor mir. Dazu höre ich eine Stimme:
„Am wichtigsten ist diese Linie zwischen den Menschen.“
Im selben Augenblick sehe ich die Linie unserer aneinander geschmiegten Wangen besonders schwingen. Bedeutsam.

Jetzt ist es halb sieben. Ich hindere mich daran, gleich schwimmen zu gehen, denn dann muss ich duschen. Und danach? Die Campingbar hat erst um halb9 auf.
Also schreibe ich noch vorher.
Das Wasser ist mittlerweile spiegelglatt und vom Sturm heute viel kälter.
Aber ich schwimme raus, bis ich die imposanten Felsenberge hinter dem Campingplatz sehe.
Ich komme nach dem Duschen zu früh in der Bar an und google schon mal ein wenig. Ja, doch, meinen Latte, ein AprikosenmarmeladenCroissant und ein knuspriges super leckeres NutellaStückchen bekomme ich schon.
Ich lese, dass der BerninaPass leicht zu fahren sein soll, weil nie steiler, als 10%. Hm. Wer mag das geschrieben haben? Und die irrwitzige Idee, es vielleicht komplett per Rad zurück zum Auto oder bis Chur zu schaffen, nimmt deutlich schärfere Konturen an. Es kitzelt mich in der Seele.
Als ich abreisebereit bin, frage ich den Wirt nach dem anderen Weg, zurück zur AddaBrücke nach Colico. Er fährt gleich mit seinem Fahrrad 500m mit. Supernett.
Zum Abschied bitte ich ihn um einen Gefallen: ob er dem Boy von Bomboklat ciao i grazie mille von mir ausrichten könne? Er hat extra die Matratze für mich in der BomboklatVeranda liegen gelassen und ich konnte sicher vor dem Sturm schlafen.

Irgendwie gurke ich dennoch schon wieder kreuz und quer durch diese sumpfige Ecke.
Aber da ist ja die Brücke.
Hm. Soll ich noch nach Colico? Mir würde was fehlen, wenn nicht. Und Angelika hat gesagt, es ist Markt. Sind halt bestimmt 4 km hin und wieder zurück.
Ja, ich fahr.
Und ich kaufe mir prima Käse und Bresaola. Und eine Tüte voll Obst.
Nun bin ich zufrieden.

Abschied vom Comer See bei Colico

Es kann losgehen. Wird auch Zeit, es ist bald 11.

Ich bin auf der Sentiero Valtellina, dem schönen ebenen Radweg von Colico nach Tirano, immer entlang der Adda.

Heute heißt es gondeln, gondeln, gondeln. Der Weg ist meistenteils flach an der Adda entlang und gut ausgebaut, selten fein geschottert. Ich habe Rückenwind und im Laufe des Tages immer mehr, bis ich mir denke, lieber den Berg rauf geschoben werden (als mich runter abzustrampeln).
Am Weg gibt es viele Rastplätze. Schon um 12 habe ich einen Bärenhunger. Danach werde ich plötzlich so müde und liege werweißwielang auf dem Tisch. Und weg.

Die Umleitung auf die Schnellstraße, von der mir gestern lang und breit ein Herr erzählt hat, finde ich trotz der Karte in dem Heft, das er mir mitgegeben hat und trotz einer Karte auf einer Infotafel nicht. Denn der Radweg ist, wie der Mann auch sagte, immernoch in die Irre, das heißt, in Richtung der seit Jahren verschütteten Straße ausgeschildert.
Also muss ich wieder zurück, einen kleinen Tunnel unter der Eisenbahn durch. Das Ende ist aber mit Eisengeländer gesperrt. Da schaffe ich es mit Mühe, mein Rad durch zu schieben und stehe schon auf der Schnellstraße.
Uh, verdammt gefährlich. Die einzige Möglichkeit durch die Klamm zu kommen und nichtmal ein schmaler Streifen neben der Fahrbahn. Ich denke an Raimund und setze den Helm auf. Der schnellen Autos und Laster sind viele! Ein Motorradfahrer deutet sogar hupend auf die andere Flussseite. Ja, ist ja gut, den Weg gibt’s halt bloß seit Jahren nicht mehr.
Nach ca. 1km kann ich wieder auf den sicheren Radweg.

Irgendwann sehe ich mitten auf dem Weg eine recht große pechschwarze Schlange (Vielleicht eine ungiftige Zornnatter). Bestimmt viel länger, als einen Meter. Ups!
Bald werden mir die Beine vom Gondeln lahm und auch meine Stimmung wird langsam vor lauter Schwächeln sauer.
Ich mache Pausen, esse viel, aber meine Beine und ich wollen nicht so.
Uh, und noch 35 km! Na, ich muss es ja heute nicht schaffen.
Doch dann finde ich ein paar Äpfel unter Plantagenbäumen und schlagartig fangen meine Beine wieder ordentlich an, zu pumpen.
Trotzdem wollte ich nun nicht mehr in die Stadt Tirano, die sicher größer ist. Lieber eine Pension in einem der kleinen Dörfer davor.
Ich frage auch einige Passanten. Aber immer wieder höre ich das gleiche: erst in Tirano.

In einem kleinen Städtchen 10 km vor meinem Ziel, stehe ich plötzlich wieder vor einer undurchdringlichen Baustelle. Hier hat man einfach die Radwegschilder umgedreht. Hinter der Baustelle kann man ja sehen, wo es weiter gehen soll. Der kürzeste Weg zurück scheint mir über den Bahnhof. Viele Treppen! Und mein Fahrrad sauschwer. Ich denke, mit Gepäck gut 25 kg.

Auf der anderen Seite angekommen, kann ich zwei Frauen erzählen, wo es weitergeht. Sie wollen zum Lago di Como und ich schenke ihnen das Heft mit der Karte. Erkläre auch, wo sie auf die doofe Schnellstraße müssen.

Hier ist jeder pupsige Feldweg als NichtRadweg gekennzeichnet. Alles wunderbar sicher ausgebaut und gut beschildert. Dazu alle paar km teils auch öfter ein netter Rastplatz, oft mit Trinkwasser. Das ist echt fürstlich. Wenn es aber eine Baustelle gibt, kann man schon mal ratlos dastehen.

Ich habe grade ausnahmsweise einige sehr hügelige km hinter mir und freue mich über die gerade Reststrecke in wunderbar lieblicher Landschaft.

So schön hier!

Warum bis nach Tirano fahren?

Schwupps, liege ich auf der Wiese.

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