Muskeln aufwärmen

Montag, 4.9.2017

Der Plan war, vom Bodensee zu starten, weil ich so mindestens 80 km recht flache Strecke zum Einfahren habe.

Erst habe ich garnicht und dann doch noch gut geschlafen bis 6.
Meine Schultern taten nachts und tun heute morgen kaum weh. Dafür meine Handgelenke, die sich schon bald nach dem Hinlegen rheumatisch gemeldet hatten. Ich denke, es wird bald weggehen.
Als ich zum Bad rübergehe, ist der Himmel am Horizont rosaorange.

Ich fahre ungefrühstückt um 6:45 los. Es ist bitterkalt. Meine lange Schlafanzughose habe ich unter meiner grünen Kletterhose anbehalten. Ich trage Baumwollhanschuhe und ziehe die Kaputze fest zu. Um die Augen zu schützen suche ich die Windbrille aus der Klamottenfahrradtasche. Ich finde, so geht es, weil es nach gutem Wetter aussieht und bald Aufwärmung verspricht.
Ich fahre, wie mir der Wirt gestern empfohlen hatte, nicht am Rhein entlang, denn gleich daneben lärmt die Autobahn. Sondern ich nehme die teils geschotterten Wege am Rheinkanal.
Um halb acht muss ich Frühstückspause machen, weil ich bereits einen Bärenhunger habe. Es gibt Eiweiß und Möhren aus Mamas Garten und die letzten Weintrauben von Sarah und Lisa, die sie mir zum Einzug geschenkt haben. Aber es ist so ungemütlich kalt und meine Zehen tun weh, weil die dünnen Socken im Tau nass geworden sind. So fische ich noch meine dicken Socken aus dem Sack. Ahhh!
Einige Kilometer später bekomme ich dennoch schwache Beine, bloß, weil es mal ein paar Meter rauf geht. Ich muss wohl auch Kohlenhydrate zu mir nehmen und beschließe, beim nächsten Bäcker Brötchen zu kaufen. Der hat auch einen TanteEmmaLaden angegliedert und so gibt’s Butter und Käse dazu, einen sündhaft teuren Kaffee und Nektarinen, die große Wasserflasche, die ich sowieso noch für die Fahrt benötige und Notkekse.
Frisch gestärkt geht’s weiter.

Immer wieder staune ich über das fette Grün der Wiesen und freue mich über die hohen Berge um mich herum, die mit Schneemütze so viel imposanter aussehen.

In Buchs fahre ich dann doch der Radweg-Beschilderung nach Chur nach und komme an die Fahrradautobahn. Ist hier aber garnicht so laut, da ein Streifen Bäume zwischen dem Rheindamm und der Autobahn den Krach dämmt.
Bis Fläsch habe ich also einen guten Lift, mache unterwegs Mittagspause in der endlich genug wärmenden Sonne. Dann werde ich steil hoch durch die Weinberge geschickt.

Das ist sehr schön. Auf der Karte sehe ich aber, dass sie mich noch weitere 200 unnütze Höhenmeter rumschicken wollen. Da mach ich nicht mit und nehme kurzerhand die Landstraße nach Langard.
Hier ist es im Autobahn-Eisenbahn-Schnellstraßengewirr sauschwer, den Radweg wieder zu finden. Doch es gelingt.
Ich komme bei einer sündhaft luxuriösen OutletMall raus. Das tät mir einfallen, hier zu shoppen. Aber ich frage in der InfoStation nach einer öffentlichen Toilette und dem weiteren Weg.
Und dann…
Dann sehe ich ein ziemlich gutes Tandem. Und damit fängt eine wunderbare Feundschaft an.
Hinten sitzt der Mann, vorne liegt in einem bequemen Sessel die Frau. Ich denke sofort an meine Freundin Simone, ob ihr ein solches Rad gefallen würde? Verdammt, die sind schnell, ich kann sie kaum einholen. Aber es bockt mich, ich gebe mir Mühe.
Im Vorbeifahren rufe ich den beiden zu: „Cooles Ding, Ihr macht das super! Wer hat es zusammen geschraubt?“
Nein, eigentlich fahre ich doch nicht vorbei, die hängen mich schon wieder ab. Obwohl der Mann offensichtlich mit mir reden will. Na, nun wird er ein wenig langsamer.
Er erklärt mir, dass sie es von Hase, Köln haben. Und ich erzähle, dass ich das mal meiner Freundin zeige, die hat MS. Nun meldet sich die Frau. Nonverbal. Ja, sie auch. „Verdammt, da könnt ihr euch ja trauriger Weise die Hand reichen.“
Ich frage nach ihren Namen. Sebastian und Gabi. „Hey, ich bin Kaddi. Ich würde mich gerne mit euch unterhalten, aber ihr seid einfach zu schnell.“
Sebastian sagt richtig nett, da würde er gerne langsamer fahren. Wohin ich denn wollte?
Nach Felsberg. Schade, ich hätte wohl schon gebucht? Sonst könnte ich direkt bei ihnen übernachten. Sie wohnen nämlich in Chur, da sind es nur noch 5 km bis Felsberg. Aber einen Kaffee könnten sie mir doch anbieten?
„Da sag ich nicht nein!“ Sebastian rüttelt an Gabis Arm, „das ist doch ok, oder?“ Gabi strahlt mich an. Ich strahle zurück. Wir sind uns gleich sympathisch.
Wir landen also bei den beiden auf der Terrasse. Gabi geht es wesentlich besser, als Simone. Sie kann zum Glück noch, zwar umständlich und langsam, aber selbst die Treppe rauf.
Wir sind längst mitten in angeregten Gesprächen. Das ist ganz leicht. Sebastian springt rum und macht alles. Aber er sitzt auch oft da und quatscht genauso mit.
Nach Risotto, Espresso (huh, super stark!) und Kuchen. Nach den Bildern von ihrem kürzlichen Trip in die Masuren (mit Sebastian verbindet mich ein ähnlicher Migrationshintergrund elterlicherseits) wird es kalt und wir gehen rein, Sebastian macht im Ofen mit Sichtfenster ein gemütlich knisterndes Feuer an und kocht uns Tee…
Mir wird es bald in der Nähe des Ofens zu warm.
„Gabi, darf ich mich neben dich setzen?“ Oh, das ist ein ganz sanft inniger Moment.
Später erzähle ich, dass ich mal in Stadtsteinach wohnte und dort immer den Drachenfliegern nachträumte. Sebastian fliegt nämlich. „Kenn ich.“ „Wie, kenn ich?“ „Ja ich bin einige Zeit in Stadtsteinach geflogen.“ Es stellt sich heraus, dass es zeitlich passt. Ich kann ca. im Jahre 86 genau ihm beim Fliegen nachgeträumt haben.
Es wird bald Zeit, in meinem Strohhotel aufzuschlagen.
Als ich gehen will, fängt es an, zu regnen.
Wir essen noch zu Abend. Ich steuere meinen Käse bei. Aber es hat immer noch nicht aufgehört. Nun schreibe ich an den Bauernhof, dass ich nicht mehr komme.
Sebastian macht mir richtig lieb das Gästebett.
Um 22:20 liege ich mit stark klopfendem Herzen im Bett und kann nicht schlafen. Mist. Den Kaffe haben wir doch so früh getrunken, vielleicht um drei?
In meinen schlaflosen Stunden habe ich eine Idee:
Wenn Sebastian mal wieder segeln will und es bei mir klappt, wäre ich gerne eine Woche bei Gabi. Wir könnten zusammen Rad fahren oder wellnessen…

Dienstag, 5.9.2017

Beim Frühstück unterbreite ich ihnen völlig unvermittelt und aus dem Zusammenhang gerissen bei wieder einem super starken Kaffe, der mir prima bei meiner Verdauung hilft, meinen Vorschlag: „Ich muss meinen Jahresurlaub schon Ende des Jahres planen, aber ich kann dann unter Umständen auch verschieben. Echt, ich würde sehr gerne eine Woche mit Gabi verbringen, wenn du segeln willst.“
Sebastian grinst über beide Ohren: „Wenn ich dann nicht unbedingt segeln muss…“
„Naja, du kannst meinetwegen auch SAGEN, du gehst segeln…“
Als ich erzähle, dass ich dieses Jahr noch eine Woche im Oktober und eine im November frei habe, bin ich schon eingeladen, mit nach Italien zur Olivenernte zu kommen.

Erst soll Gabi noch mit Haso, ihrem motorunterstützten Dreirad ein Stück mitkommen, so, wie sie mich gestern auch zum Strohbett begleitet hätte.
Dann entscheiden sie um und begleiten mich beide noch bis ca. 10km vor Thusis mit Pino, dem Supertandem.

Hui, das geht schnell. Und hier gibt es die ersten nennenswerten Steigungen. Ich lege mich mächtig ins Zeug. Gabi: „Mensch Kaddi, du machst das gut, du lächelst ja noch dabei.“ „Naja, um die Wahrheit zu sagen, ich schrotte mich gerade, will mir bloß vor euch die Blöße nicht geben. Puh, ich denke immer, ich hab eigentlich noch Kraft, aber ich kriege einfach keine Luft mehr. Hoffentlich ändert sich das noch in den nächsten zwei Tagen.“
„Oh,“ macht Sebastian, „das ändert sich garantiert noch. Dann hast du nämlich keine Luft mehr und auch keine Kraft…“
„Ach, was!“
Wir verabschieden uns lieb an einer Brücke. Vorher laufen wir mit Gabi in der Mitte eingehakt noch ein paar Meter. Und tauschen noch schnell unsere Telefonnummern aus.
„Da kommt die Sonne raus. Das ist aber ein schlechter Ersatz!
Sorry, ich muss stehen bleiben und winken. Ich bin einfach so.“
Sebastian und Gabi winken aber auch, bis sie hinter einer Kuppe verschwinden.

 

Die 10 km nach Thusis muss ich auf einem ebenen Wanderweg in einem Wäldchen am Rhein entlang fahren. Der fährt sich nicht so doll. Aber ich bin dennoch froh, dass ich noch nicht in die Berge muss.
Kurz vor der Stadt, noch im Wald, an einem Campingplatz mache ich Mittagsrast. Ich futtere ziemlich viel und mache dann eine Kerze auf dem Bodenseekiesel an.

Dabei sitze ich auf einem dicken geschälten Baumstamm in der Sonne. Oh, wie wohl ist mir. Vor allem, als ich den Gedanken mal erlaube, still zu sein.

Tatsächlich, schon an der nächsten Biegung fängt die Steigung an. Und, wie erwartet, mächtig.
Aber, halt, ich brauche ja noch Wasser, für die Steigung und Strom fürs Handy. Denn ich werde durch die berühmte Viamala fahren. Und es wäre doof, wenn ich da keinen Saft mehr hätte, für Fotos.
Schon 200m weiter ist ein nettes Café. Ich trinke in Ruhe trotz der eben erst gefeierten Pause eine heiße Schokolade, mache mich im Bad frisch… und dennoch habe ich erst 50% geladen. Schade, das Wifi geht nicht. Na gut, der Strom sollte reichen.
Auf geht’s!
Nach Andeen sinds bloß noch 13 km, dann bin ich ja schon nach 10 km in Zillis. Das ist ja nicht mehr viel.
Es geht gleich ordentlich steil, aber das erschreckt mich nicht. Am Straßenrand steht ein Schild: 1200m 49 m.
Ok, wenn die damit die Steigung andeuten wollen.. ich überschlage: 9km bei 600 Höhenmetern ist mächtig viel steiler!
Ich fahre durch einen Tunnel, der ist 220 m lang. Warum soll das denn gefährlich sein? Ich kann doch sicher auf dem Bordstein fahren.
Bald kommt der zweite Tunnel. 650 m. Und der Bordstein ist viel zu schmal! Ich fahre also auf der Straße und kriege Muffensausen. Darf nicht mal zu nah an die Bordsteinkante kommen, weil die teils so hoch ist, dass meine Pedale dran hängenbleiben würde. Au weia!
Schon beschlossen, dass ich meinen KletterHelm vor dem nächsten Tunnel aufziehe.
Inzwischen steige ich alle paar Meter ab, weil die Schlucht einfach so schön ist. Ich muss dauernd Fotos schießen.

Oder was trinken. Die Sonne brutzelt mittlerweile ganz schön. Oh, ich genieße die Wärme!
Die Schlucht ist eng. Die Felsen zu beiden Seiten hoch und senkrecht. Ich muss an meine Vision denken. Von dem Trichterförmigen Felskrater, in dem die Luft so opalen ist. Hier ist sie es auch. Und selbst die Felswände erinnern mich an das Bild.
Jetzt wird es noch enger. Die kleinere und die größere Straße mäandern schon seit einiger Zeit umeinander, bis die große auf der anderen Seite der Schlucht im Fels verschwindet. Dafür fahre ich nun durch Galerien, von denen es Vorhänge tropft. Ich wage mich mal wieder auf die linke Fahrbahnseite und werfe einen Blick hinunter. Oh, Gott, wie steil, wie tief! Da unten, als schmale gefährliche Schlange windet sich brodelnd der Rhein.
Ich schaue aus jedem Fenster der Galerie und schieße sinnloser Weise Fotos. Denn die halbe Schlucht ist sonnenerglüht und die andere Hälfte in tiefem schwarzem Schatten. Das schafft mein Handy nicht.
Jetzt komme ich erst zu dem richtigen Aussichtsplatz mit mehreren Brücken. Ich schaue mir jeden Winkel an, schaue von jedem Brückenabschnitt hinunter in den brodelnden Spalt.

Ich will keinen Ausblick verpassen, finde diesen Ort faszinierend. Diese bizarre Naturformation kombiniert mit wunderschöner, teils historischer Baukunst.

Aber ich bezahle nicht für den Weg nach unten. Sebastian hat mir gesagt, das kann ich mir sparen.

Es geht noch ein paar Kurven steil hinauf, hinauf…
Immer durch die felsige Schlucht. Immer die Farben grau und braun und petrolfarbenes Wasser.

Da, plötzlich weitet sich das Tal! Was für ein grün!

Hä? Ich bin schon in Zillis?
Trotz aller Trödelei ist es erst halb drei. Ich bin ziemlich verwirrt, schaue auf meine Karte. Verdammt, es stimmt!
Ok, erst mal hoch zum Bauern, einchecken, Sachen dalassen und runter an den Rhein spazieren.
Es ist ein schöner sonniger Sommertag. Also dusche ich mich erst, wasche meine paar benutzte Klamotten und hole mir in Minirock und rosa MuscleShirt in strahlender Laune ein Flusspicknick vom benachbarten Supermarkt. Gleichzeitig halte ich schon mal Ausschau nach dem Abendessen, das ich mir später besorge. Ich habe beim Bauern nämlich auch eine Küche.
Im Rhein finde ich sofort einem großen Stein. Das ist heute Nachmittag meiner!

Ich werde Kraft der Sonne zu Sit und mein Körper nimmt mühelos die für einen Menschen ungünstig geschwungene Form des Steines an, auf dem ich liegend müde und faul in tiefer Entspannung zerschmelze.
Ach! Der Fluss gurgelt so lieblich um mich herum, ich liege geschützt hinter einer dichten Reihe von Bäumen und Büschen.

Äonen später krabbelt die Sonne hinter die Baumwipfel auf der anderen Seite. Hm, ich habe nichts geschrieben, war definitiv zu faul. Ich könnte zum Dorf hochgehen und mir ein nettes noch länger sonnenbeschienenes Plätzchen suchen. Bei der kleinen romanischen Kirche ist ein Kartenverkauf-Häuschen.

Für Kirche und Heimatmuseum. Ich spreche die Dame an. Sie ist super nett und ursprünglich aus Norddeutschland. Wir quatschen eine Weile. Ins Museum mag ich aber nicht und mittlerweile ist es auch zu spät. Dennoch bekomme ich für morgen ab 9:00 eine Freikarte. „Weil wir uns so schön unterhalten haben.“
Die Dame schließt und ich schreibe noch ein wenig auf der Bank neben dem Häuschen in der Sonne. Dann wird es Zeit, noch vor Ladenschluss mein Abendbrot zu holen und zu brutzeln. Es gibt Kartoffelpuffer mit 50% heruntergesetzten Putenschnitzeln, die sich als Schweineschnitzel entpuppen. Dazu frische Tomatenschnitze mit Kräutersalz.
Nach dem Essen gehe ich zum Gartentisch hinterm Haus und treffe da den Bauern und Giovanni, seinen Knecht. Beide können mir aber keine Unterkunft in Splügen nennen. Wir versuchen es sogar mit googlen. Nichts. Am Schluss fällt mir ein, dass es ja in Splügen auch einen Campingplatz hat. Aber so recht ist es mir auf 1450 m Höhe nicht. Wird wohl kalt werden, ohne Zelt.
Giovanni meint, wenn er bis 12:00 in Splügen wär, würde er versuchen, noch den Pass zu machen.
Und der Bauer fügt an, ja, es ist echt nicht weit, bis zum Splügenpass, gerade mal gut 27 km. Ein Radfahrer neulich wäre auch von hier auf den Pass und runter nach Chiavenna.
Hallo, 1100 Höhenmeter?! Weißt du, wie fit ich bin?

Im gemütlichen Bett (MatratzenBurgLager für mich alleine) schreibe ich noch bis 21:00. Dann mag ich einfach nicht mehr. Wieder kann ich nicht einschlafen, verdammt. Aber ich habe null Schmerzen. Körperlich fühle ich mich blendend. Und seelisch auch.

2 Gedanken zu „Muskeln aufwärmen“

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