Jetzt gilt’s

‏Mittwoch, 6.9.2017

Um 7 mag ich nicht mehr rumliegen. Ich stehe auf und packe zügig meine Sachen. Unten treffe ich den Bauern und bitte ihn, mir doch vor 8 schon das Frühstück zu machen. Es ist warm und ich will los.
Er verspricht, seiner Frau Bescheid zu sagen und die legt sich mächtig ins Zeug.
Ab 7:30 stopfe ich mich mit frischem Vollkornbrot mit lecker selbstgemachtem Käse, Marmelade, Ei und  Joghurt den Bauch so voll, wies geht. Kaffe. Auf die beiden dicken festen Brötchen schmiere ich dick Butter und gebe 1Jahr gereiften Höhlenkäse drauf. Als Wegzehrung.
Dafür bekommt die Familie auch ein Trinkgeld.
Um zehn vor 8 bin ich auf der Straße. Ruckzuck in Andeen. Nur 14 km bis Splügen? Ach, 27 bis zum Pass!
Um zehnvor 10 bin ich am oberen HinterrheinStauSee bei Sufers.

Etliche Serpentinen und weitere Steigungen hinter mir.
Hier habe ich nur noch 50 Höhenmeter bis Splügen. Die erste Hälfte zum Pass ist also bereits so gut, wie geschafft. Hier steht der Plan: ich fahr vollends hoch!
Ich zünde eine weitere Kerze an und genieße die lange Pause, bis die abgebrannt ist.
Aber, auch 50 hm können sich hinziehen. Vor allem, wenn man darauf gefasst ist, dass es nur noch recht eben geht. Und man sieht, dass man sich da getäuscht hat.
In Splügen tanke ich wieder sparsam frisches Wasser. Hier gibt’s überall prima Quellen. Warum also sollte ich mich abschleppen?

Ich verabschiede mit einem Foto den Rhein.

Ohne weiter zu zögern verlasse ich Splügen, um mich die ersten drei großen Sepentinen heraufzuschwingen. Oh, schon ziemlich steil…aber ich kriege im 2. Gang einen guten Rhythmus.
Nach den drei Serpentinen begnüge ich mich mit einer Fotopause. Hinter mir hat während des größten Teils des Aufstieges ein schöner mächtiger Berg sein Auge auf mich.

Jetzt quere ich aufsteigend die Bergflanke.

Ich weiß, am Ende der Querung warten noch fünf steile Serpentinen und dann noch etliche unregelmäßige steile Kurven auf mich.
Vorher will ich mich sammeln und Mittagspause machen. Ich finde am Straßenrand zwei Hütten, deren Türen offen stehen. Die eine ist wohl bewohnt, die andere dient offensichtlich als Notunterkunft. Ich setze mich vor diese Tür und halte Picknick.

Bald wird mir kalt, weil mich nur die Bewegung gewärmt hat. Die Luft ist schon frisch. Ich gehe nochmal die kurze Auffahrt runter, um mir Klamotten aus der Radtasche zu holen. Genau da kommt ein Auto rauf gefahren. Ich begrüße den Fahrer. „Ich mach gerade Mittagspause.“ „Ja, das will ich auch. Setz dich doch hinters Haus, da hats eine Bank und einen Tisch.“
Nach ein paar Minuten kommt Toni dazu. Er hat sich Hirschleber gebrutzelt. Aber für die Zwiebel hats nicht mehr gereicht. Das Gas ist ihm ausgegangen. Toni kommt seit drei Jahren auf die Almhütte. Schwarzhütte. Früher hatte er einen Bauernof. In den nächsten Tagen werden nach und nach die Tiere abgeholt, auf die er achtet.
Eine Stunde später geht’s weiter. Nach wenigen Metern springt neben mir ein weiterer Radfahrer aufs Rad, als ich vorbeiziehe. Ich drehe mich um und rufe: „Hoffentlich fährst du nicht so schnell, ich brauche oben jemand, der mich fotografiert!“
Er bleibt in den ersten fünf Serpentinen hinter mir. Aber ich brauche hier, wie ich mir ausgemacht hatte, eine Pause.
Ich hatte schon selbstsicher anmerken wollen: „Wie gut, dass es hier nicht so steil ist…“
Na, mit der letzten der fünf Serpentinen gings erst so richtig los. Ach, darum haben der Bauer und Toni gesagt, der Splügen sei knackig!
Ich begnüge mich immer nur mit Minutenpausen. So lange, wie ich halt brauche, um mein Rad abrutschsicher abzustellen, den Fotoapparat herauszuholen und ein Foto zu schießen.

Und Sebastian sollte nicht recht bekommen: so richtig schlapp wurde ich nicht. Ich konnte immer wieder gut ein schönes Stück weiterfahren. Ich mein, jetzt wollte ich’s halt auch wissen. Und die Passkuppe war quasi die ganze Zeit schon in Sicht.
Wenn mir eins klar geworden ist: wenn du was leisten willst, dann stopf dich mit gutem Essen so voll du nur kannst. Echt, das hilft. Früher wollte ich nur 10 Mark, später 10€ /Tag ausgeben. Kein Wunder, dass ich manchmal geschwächelt habe.

Auf der Zielgeraden sehe ich, wie der Radler gerade aufsatteln will. Aber er sieht mich und grinst von einem Ohr zum anderen, klatscht in die Hände und ruft „Bravo!“
Ich klatsche während dem Anrollen freihändiger Weise auch „danke, ebenfalls!“
Dann bekomme ich meine Fotos. Und wie gut die sind! Ich bin saugut drauf und hüpfe fürs Bild.

„Heute ist es ein wenig kühl, weil wir das für die Auffahrt brauchten. Unten am See wird die Sonne sommerlich scheinen. Weil sie das immer tut, wenn ich unterwegs bin “
Raimund bekommt für seinen Namen eine herzliche Umarmung, dann fährt er runter. Ich freue mich, dass er da auch gutes Wetter haben wird.
Ich gehe zur Passflagge und zünde eine Kerze an.
Da kommt ein Vater mit seinem Sohn von Italien rauf. Ich frage ihn ein wenig nach dem woher und wohin. Aber er scheint sich nicht wirklich unterhalten zu wollen.
Die zwei älteren Herren sind freundlicher. Ja, sie kamen mit dem Auto. Aber einer der beiden erzählt, dass er nun motorunterstützt fährt und sich freut, wie weit er damit in die Berge kommt.
Die Kerze ist nun wieder aus gegangen und lässt sich auch nicht mehr erwärmen, weiter zu scheinen. Ich lasse den Stummel auf seinem Bodenseekiesel, der nun wieder am Ursprung angekommen ist.
Dafür habe ich hier bei der Flagge ein kleines Glitzersteinchen gefunden. Das nehme ich mit.
Ich mache mich langsam und genussvoll auf den Weg. Dick eingepackt und mit Helm.
Raimund hat mir erzählt, dass er kein Auto für seinen Unfall mit Gehirnerschütterung und großen Abschürfungen gebraucht hat. „Das hab ich schon alleine hinbekommen. Nie wieder!“
Ich werde seinen Blick nicht vergessen mit dem er mich bedacht hatte, als er kurz dachte, ich überlegs mir mit dem Helm. Danach brachte er seine kleine Geschichte aus der er lernen wollte.
Zunächst ist der Tag noch düster, nur ab und zu kommt ein dicker Sonnenstrahl herunter, der irgendwo Felsen oder Moosgründe erhellt.

Überall hört man Murmel piepen. Jetzt sehe ich auch welche. Gleich drei Stück an verschiedenen Stellen.
Bei der Staustufe muss ich echt mal auf Klo und Schlag mich in die krautigen Felsen.
Ich erschrecke, als mich aus unmittelbarer Nähe ein AlfaMurmel anschreit.

Oh, ich mache oft Halt. Am Aussuchtspunkt auf den unteren Stausee, an der Stelle, von der aus man wenigstens einen Teil davon sehen kann, wie über hunderte von Höhenmetern die Serpentinen direkt untereinander an den Fels geklatscht sind,

bei einem dörflichen Wasserfall, für den man extra zur geflissentlichen Betrachtung einen Steg raus in die Luft gebastelt hat, an zig Aussichtspunkten, die mir ein Foto wert schienen.
SS36.

Das Straßenschild gab leider nie ein schönes Landschaftsbild ab. Aber festhalten wollte ich schon, dass ich sie gefahren bin. Wenn auch, wie ich finde, zum Glück runter. Und nicht rauf.

Halb sechs in Chiavenna. Ich wollte schon Lira abheben. Und meine fünf bis zehn Worte Italienisch hatte ich im einfachen Restaurant mit Außenverköstigung in mediterraner Sonne auch nicht parat. Da wird mir klar: ich bin überhaupt nicht darauf eingestellt, Italien zu erreichen.
Um mir beim Kapieren zu helfen, dass ich da bin, bestelle ich ein Bier und eine Portion Salbeiravioli.

Ich sitze draußen auf einer Hollywoodschaukel mit Blick über den Kreisel und auf das Schild Passa di Spluga.
Habe gutes Wifi und klar reißt es mich, einigen lieben Freunden großkotzig Bescheid zu geben. Habe ich auch verdient.
Dann gondel ich in der Richtung, die der nette junge Italiener mir gezeigt hat noch ein wenig dem Como entgegen.
Als es mal ein wenig rauf geht, merke ich schon, dass es für heute fast reicht mit körperlicher Leistung.
Ich finde einen geraden Radweg zum Lago di Mezzola.
Kurz vor dem See wird der berechtigte Wunsch nach Dusche und vier Wänden, die eine kuschelige Matratze enthalten zugunsten einer sofortigen Ablagemöglichkeit immer kleiner.
Neben dem Radweg ist wohl ein ehemaliger Bahndamm, daneben der Fluss.
Ich wuchte mein Rad die steile Böschung rauf. Mir ist alles egal.
Um mich Berge. Der Boden plan. Es ist warm, so warm.
Ich bin total klebrig verschwitzt.
Sobald ich mein Lager aufgeschlagen habe (wenn ich mich ducke, kann man mich nicht vom Weg aus sehen) kommen die Mücken.
Ich ziehe bald den trockenen Schlafanzug an, aber da gehen die auch durch. Da gehe ich eine Handvoll Wegerich sammeln.
Oh, what a night!
Ich ziehe den Schlafsack bis zur Nasenspitze zu, weil meine Augen bereits total verstochen sind. Es ist heiß!
Dann lukt der Vollmond hinter den Bergen vor und es ist klar: er braucht die ganze Nacht, um über mich rüber zu wandern. Es ist romantisch, die Sterne, der Mond, die Berge…und total hell!
Falls ich überhaupt schlafe, dann traumlos und sekundenweise. Aber ich liege gemütlich und mach mir nichts draus.

Ein Gedanke zu „Jetzt gilt’s“

  1. Hallo Kaddi. Ich war 4 Tage beim Neffen-Sitten und habe heute abend Deine liebe Mail entdeckt. Daraufhin lese ich nun Deine spannenden Abenteuer und genieße die Bilder. Total schön. Liebe Grüße von Sabine G.

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