Abschied

Mittwoch, 13.9.2017

Morgens um sieben ist der Himmel wolkenfrei.
Es hat draußen 1 Grad.
Schnell schlüpfe ich wieder ins warme Kuschelbettchen.

Beim Frühstück verquatsche ich mich mit einem älteren Paar aus FFM bis halb 11.
Die Sonne strahlt volles Rohr und verheißt einen guten letzten Tag.
Nun ist es auch angenehm warm.

Bergün ist ein hübsches Dorf auf immer noch 1400 m Höhe:

Ich rolle gaaanz laaangsam den Berg runter. Jeden Meter genießend. Um mich schauend, staunend.
Auf einer Parkbucht an einer tiefen Schlucht mache ich mal Fotostop. Alec aus Canada kommt mit seinem Motorrad von unten her und fragt, ob ich englisch spreche.
Wegen diesem Foto werde ich heute schlecht schlafen. Warum mache ich sowas?

Wir unterhalten uns prima übers Reisen.

Dann rolle ich weiter bergab.

Filisur:

Zwischendurch gibt es ein paar kurze leichte Steigungen, die tun mir garnicht gut.
Mein Herz schreit nach Ruhe.

Wie oft habe ich schon gehört, dass die Strecke von Tiefencastel nach Thusis nicht für Radfahrer zu empfehlen ist. Erst nach diesem Schild

entscheide ich mich gegen geschätzte 200hm und für den Zug. So komme ich doch noch zu 15 min Rhätischer Bahn.
Im Abteil unterhalte ich mich mit einem Herren und freue mich, dass die Schweizer wohl so offen für Geselligkeit sind.
„Ja? Sind wir besser als unser Ruf?“
„Hm, da war ich vorurteilsfrei. Nur was die Preise angeht, haben sich meine Voruteile bestätigt.“

Als ich in Thusis aussteige, kenne ich mich aus: ja, da um die Kurve, 200 m weiter im Wälchen am Campingplatz, habe ich eine Kerze für die bevorstehende Steigung angezündet und in der Ruhe, die sie 15-20 min lang ausstrahlt, Kraft getankt.
Jetzt zünde ich am gleichen Platz wieder eine Kerze an: Danke, ich bin gut wieder angekommen.
Ich habe auch einen Kloß im Hals, der sich noch nicht lösen will.

Auf diesem bild hat sich eine kleine Spinne versteckt, wer findet sie?

Auf dem Weg durchs Wäldchen muss ich zunächst ein paar richtige Abzweigungen nehmen und bin mir kurz nicht sicher, bin ich hier gefahren?
Da sehe ich an einer Betonwand das Grafitti ‚Ich scheiß auf grau‘ und weiß wieder, dass ich mich auf dem bekannten Pfad befinde.
Nun geht es einige km nur am Rhein entlang. Der Weg kam mir übrigens so schlecht zu fahren vor, weil er doch eine deutliche Steigung hatte. Jetzt rolle ich so dahin.
Auf einer Brücke am Weg möchte ich den Ausguck über den hier ziemlich reißenden Fluss in die Berge genießen.

Ich setze mich auf den Holzboden. So schön warm auf der Brücke. Ich lasse mich eine Weile von den Wassermassen sanft durchvibrieren. Und nehme Abschied.
Da endlich kommt der Schmerz hoch und ich muss furchtbar weinen.
Das Ende von Reise, Freiheit und Abenteuer. Die Dankbarkeit, so viel wundervolles erlebt zu haben, die Fülle.
Die Dankbarkeit, dass es so schön war und alles so gut gegangen ist, dass ich so geführt und beschützt war. Und von so vielen lieben Menschen begleitet und unterstützt.

Obwohl ich so langsam war, war alles viel zu schnell für mich.
Ich sitze da, wie der Indianer, der durch Amiland hitchhiked und zwischendurch am Wegesrand sitzen muss, um darauf zu warten, dass seine Seele hinterherkommt.
Diese Erlebnisse habe ich mir einverleibt. Meine Seele braucht noch Zeit, sie zu verdauen.

Als ich für eine Gruppe ponyreitender Kinder aufstehen soll, mache ich mich wieder auf den Weg.
Es fällt mir immernoch schwer, mich zu lösen.

Die einzige Königskerze (den Tee davon trank ich in Zillis) am Wegrand schenkt mir neue Blüten.

Hier fließen Vorder- und Hinterrhein zusammen:

Der Rest ist schnell erzählt. Ich bin nämlich ganz langsam nach Chur gefahren.

Die Sonne, die wetterberichtsgemäß über dem Engadin zwischen Bernina- und AlbulaPass hatte scheinen sollen, erwärmt mich auf den letzten KiloMetern. So, wie sich mein Herz für meine lieben Freunde Gabi und Sebastian erwärmt hat, mit denen ich noch viele schöne Stunden verbringe.

Donnerstag, 14.9.2017

Zu Mittag verabschieden wir uns am Bahnhof.

Wegen eines Sturmes muss ich zwischendurch in einen Schienenersatzbus umsteigen.
Der Himmel trägt eine tiefhängende dunkle Wolkenschicht.
Doch als ich die 10 km von St. Margarethen nach Hard fahre, stürmt und regnet es zum Glück nicht mehr so furchtbar stark.
Klar werde ich trotzdem ziemlich nass, aber ich lasse es mir nicht nehmen, an meinem brav dastehenden Auto vorbeizufahren und ein Abschiedsfoto am Bodensee zu selfen.

Zu Hause angekommen, sehe ich, dass mein Vermieter mir gerade eben den Ofen eingebaut hat. Er hatte ihn schon mal eingeheitzt.

Und er war noch warm.

Et hätt noch immer allet jot jejange

Dienstag, 12.9.2017

Es hat über Nacht geschneit und es schneit immer noch.

Die Vorhersage kündigt besseres Wetter ab 10 oder 11 Uhr an.
Ich esse also erstmal gemütlich Frühstück. Aber schon seit gestern bekomme ich einfach nicht mehr so viel runter, wie ich sollte. Ich geb mein bestes.
Gegen halb 10 wird es doch schon heller. Schnell ist alles gepackt.
So mache ich mich auf den Weg:

Diesmal muss ich wegen der kalten Finger dauernd anhalten und Fotos machen.

Ich komme an all den bekannten Orten vorbei.
Diavolezza
MorteratschGletscher
Klettersteig La Resgia, neben dem ein eindrucksvoller Wasserfall niedergeht…
In Pontresina trinke ich der Romantik wegen in der Pitschna Scena meinen Tee zum Aufwärmen.
Ab dem Muotas Muragl führt ein geschotterter Fahradweg in der Ebene nach La Punt.
Jedenfalls anfangs. Als einmal ein paar Häuser umrundet werden sollen, es dafür aber steil bergauf geht, will ich es besser wissen. Dafür ist mein Rad 5Min später schlammverkrustet, wie ein Mountainbike und weitere 5Min später wasche ich unfreiwillig wenigstens die Reifen in einer überfluteten Wiese.
Jetzt fängt es noch an, zu nieseln, ich fühle mich schlapp und mir ist kalt.
Da passt es gut, dass über La Punt im Eingangstal zum AlbulaPass die angekündigte 13:00Regenwolke hängt und ich einen netten Spielplatz mit Hütte entdecke. Mein letztes AldiSuperSportEiweißpulver rühre ich hier mit frischem Quellwasser an. 30 min später, als ich noch am letzten Bissen meines Mittagessens kaue, sieht es wieder heller und nett aus.
Auffi geht’s!

Der Albula von Süden ist gemein steil! Gleich im Dorf La Punt mit der unscheinbaren Seitenstraße fängt es an.

Und hört nicht mehr auf.
Die Straße ist an vielen Stellen recht schmal und ich kann nicht sagen, dass hier deutlich weniger Verkehr ist, als auf der BerninaPassStraße. Kurz über La Punt muss ich an einem Autounfall vorbei. Die Polizei ist gerade vor mir eingetroffen.

Zunächst ist es wechselnd bewölkt und ab und zu wärmt mich sogar ein Sonnenstrahl.

Ich merke, dass mir nun doch so langsam die Kraft ausgeht. Es ist immerhin der dritte Aufstiegstag. Meine PowerGrenzen kommen deutlich in Sicht.
Dazu die Kälte und die Emotionen in all den Orten, die ich mit meinem früheren Partner kennen und zu schätzen gelernt habe.

Auf den letzten 1-2 km wird es etwas flacher, aber nun fängt es, der dramatischen Steigerung wegen, zunächst zu schneenieseln an.

Dann bekomme ich Gegenwind, der schnell immer stärker wird, bis mir die fiesen kleinen, wie Morgensterne geformten Eiskügelchen schmerzhaft ins Gesicht peitschen.
Da ziehe ich mir wieder mein AstronautenOutfit von heute Morgen über. Ist ja egal, dass ich bald nicht mehr so viel sehe, mit der nassen Brille.
Ich muss buchstäblich alle paar Meter Pause machen, weil mir die Luft ausgeht.

Kaum auf dem Pass angekommen, mein Rad an die Berghütte gestellt, bitte ich schon wieder quietschvergnügt die ersten beiden älteren Herren, ein Siegerfoto von mir zu machen.

Ich wärme mich dankbar im Restaurant an sündhaft teurer Gerstensuppe und einem Tee auf. Sobald ich drinnen sitze, knallt die Sonne wieder durch die gereinigte Luft, dass es eine Pracht ist.
Das tut sie auch noch, als ich – halbwegs getrocknet – wieder aufsattele. Aber es ist eisekalt.
Dennoch versuche ich jeden Meter meines geliebten AlbulaPasses zu genießen. Vor lauter Fotos schießen

geht mir bald der Strom aus. Das tut erst weh, aber jetzt verschwindet die Sonne eh hinter der Bergflanke. Und es wird noch kälter. Einmal halte ich an, um mit verfrorenen Fingern den Bowdenzug meiner Hinterbremse nachzuziehen.
Dann zuckele ich weiter. Uh, jetzt komme ich erst durch Preda? Von wegen, die 14 km Abfahrt nach Bergün sind schnell gemacht, ich habe erst die Hälfte hinter mir und das Genießen beginnt, mir verdammt schwer zu fallen.
In der PaarHäuserAnsiedlung Preda erschrecke ich über etwas, das aussieht, wie ein gelber kilometergroßer Riesenkrake, der zwei seiner Arme sogar über die Straße streckt. Machen sie hier einen Steinbruch?

Am nächsten Tag sollte ich erfahren, dass der AlbulaTunnel für die Rhätische Bahn neu gebohrt wird. Ein Projekt, das bis 2022 dauern wird. Der Riesenkrake transportiert den Abraum weg. Und nach Beendigung der Bauarbeien wird alles wieder renaturiert.

Jämmerlich verfroren trudele ich schließlich in Bergün ein. Ich frage die ersten Passanten nach einer Pension. Denn ich hatte nichts gebucht. Ursprünglich wollte ich ja noch 7km weiter nach Filisur. Dort hatte ich mir im Internet bereits ein günstiges Hotel rausgesucht. Aber heute kriegen mich keine 10 Pferde mehr aus diesem Ort. Ich versuche bei dem Viehwirt zu fragen, aber die sind gerade am Melken und ich kann mich nicht bemerkbar machen.
Ein paar Meter weiter ist ein Schild ‚Hofladen, bitte eintreten‘. Es geht in einen Kellerraum. Ich hoffe, dass ich hier jemanden finde, den ich fragen kann. Niemand da. Es ist einer der vielen kleinen Selbstbedienungsläden.
Aber es ist warm hier und es gibt eine Bank, auf die ich erschöpft falle.
Ich muss mich erstmal sammeln. Erstmal durchatmen.
So langsam fällt die Verzweiflung von mir ab und macht neuem Mut Platz. Als ich wieder auf der Straße auftauche, treffe ich auf zwei Frauen, die mir ein noch günstiges Hotel um die Ecke empfehlen. Da kommt gerade die Wirtin mit dem Auto vorbei. Ja, sie hat ein Zimmer frei.
Das ist mir mit 65 Franken aber doch zu teuer. Sie schickt mich zum nahegelegenen Kurhotel. Die sollen ein günstiges Massenlager haben.
Als ich vor dem respektablen Haus in so was ähnlichem, wie Jugendstil, ankomme, stehen Türsteher davor. Drinnen wird gerade eine Sendung gedreht. Und das Massenlager ist daher mit Technik voll.
In der zweiten Empfehlung lässt man mich warten und ich fühle mich auch nicht wohl. So komme ich nach meiner kleinen Dorfrunde doch wieder bei der freundlichen Wirtin im Bellaval an.
Ich weine unter der warmen Dusche, als die ganze Erschöpfung von mir abfällt.
Dann mache ich eine Kerze an.

So, jetzt bin ich also übern Berg.

Hauptetappe BerninaPass

Montag, 11.9.2017

Ich schlafe bis halb 8! Verdammt, ich hab doch noch was vor! Schwupps bin ich aus dem Bett. Ein schneller Blick aus dem Fenster. Das Wetter sieht schon mal, wie versprochen, gut aus.

Der Herr am Frühstücksbüffet ist ein ‚Diener‘ vom alten Schlag. Sehr still. Und immer, wenn man ihn brauchen kann, bereits zur Stelle.
Als ich wenig später auschecke und noch eine Packung Kekse geschenkt bekomme, die ich den Berg hochschleppen werde, ist er bereits aus dem Off zur Stelle, um mir und meinem Rad die Tür auf zu halten.

Es ist 8:30.

Diesmal habe ich nicht so klare Landmarken, um meinen Aufstieg einzuteilen.
Da nehme ich mir eine zeitliche Einteilung vor:
Um 10:00 mache ich eine halbe Stunde Pause, um 12:00 eine lange Mittagspause. Und zwischendurch immer kurz anhalten, Foto schießen, Klamotten ausziehen, Wasser trinken, so wie ich’s brauche.
Um 10:00 bin ich gerade an einem Hotel, das außen einen gefassten Brunnen hat, die Sonne kommt zum ersten Mal durch. Und ich habe eine Gruppe recht steiler Serpentinen vor mir.

Ich dürfte so die hälfte der Höhenmeter geschafft haben. Da fällt mir ein altes Sprichwort ein:

„Nach der Hälfte hat man ein zehntel des Weges geschafft.“

Wie wahr, wie wahr.

Hier esse ich so viele schwere Sachen auf, wie ich nur kann. Zum Beispiel die zweite SuperNektarine, die ich vom Markt in Colico am Comer See bis hierher transportiert habe (nur, damit das Bild ein wenig bunter aussieht).

Ich ziehe die Jacke an und wickle mich in mein großes Tuch. Ganz schön frisch!
Während meiner Pause kommt auch der einzige weitere Radler angestrampelt. Er würdigt mich keines Blickes.
Nach Plan fahre ich weiter. Uh, ganz schön steil!
Ich muss recht viel fotografieren. Auf einer Aussichtsbank nehme ich mir die Zeit, anhand meiner abfotografierten Karten herauszufinden, wo ich bin. Ok, auf 1800 hm. Gut, nur noch 450 hm. Und es ist 11:15.
Also weiter.
Bald sehe ich Grauvieh.

Und freue mich ein weiteres Mal über die gestrige Begegnung mit Sebastian.
Laut Beschreibung sind es von der Kreuzung, an der es nach Livigno geht, nur noch 4km.
Hier bin ich um 12:00.
Ich lasse mich nicht dazu verlocken, zu jubeln. Der letzte Aufstieg am Splügen hatte wohl auch so 4km und 330 hm. Und hatte es voll in sich!
Ich kann leider nur 15 Min Pause machen, weil es so kalt ist. Eigentlich war angesagt, dass längst die Sonne lieblich scheinen sollte. Doch es wird immer dunkler und es fängt leise an, zu nieseln.

So haben wir nicht gewettet.
Aber da hilft alles nichts, ich muss weiter. Um die nächste Kurve sehe ich das Desaster: eine dicke Bergflanke vor mir und einige steile Serpentinen drauf.
Puh, soll Sebastian, der erste, doch noch Recht behalten, dass mir nicht nur die Puste, sondern auch die Kraft ausgeht?
Drei Fotopausen später, um 13:00 bin ich oben. Ich bekomme ein paar erste Sonnenstrahlen fürs Siegerfoto.

Cool: 1300 hm, 20 km von 8:30 bis 13:00.
Beim Splügen waren es 1100 hm, 27 km von 8:00 bis 14:00.
Klingt nach einer Steigerung.
Fühlt sich auch so an.
Ich checke ein im Haus Cambrina, dusche heiß und ausgiebig und falle ins kuschelgemütliche Bettchen für eine laaange Mittagspause.
Mittlerweile heißt es eh, dass die Sonne erst so richtig am späten Nachmittag rauskommt.

Dann habe ich noch schön Zeit, stundenlang in den Hügeln zwischen Pass und Lago Bianco herumzustolpern (ich bin nach dem Aufstieg echt nicht besonders trittsicher) und etliche Fotos von den immer wolkenfreieren Bergen und dem sonnenerglühten See zu schießen.

Diesmal mache ich zwei Kerzen an: eine für mich und eine für Erika und alle lieben Menschen um mich.

Abends gibt es teuer Essen im Hausrestaurant.
Und dann mache ich auf dem Zimmer endlich den hochgeschleppten Wein alle.
Ich schlafe voll unruhig und träume wirr. Mir pumpt das Herz wieder so arg. Ich denke, ich hab auch zusätzlich zu der enormen Anstrengung etwas Höhensymptome.

Aber glücklich bin ich doch.

Auf einem Bein kann man nicht stehen: der 2. Pass

Sonntag, 10.9.2017

Regen, langes Frühstück, bei dem ich mit einem Paar spreche, das an einer OldtimerRalleye in den Alpen mitmacht. Sie ist ein Mann und sehr nett und zugewandt. Eine schöne Begegnung. Schade, dass sie dann fahren.
JohnTien aus Thaipej, Faste aus Norwegen und später auch das Paar aus Canada, mit dem Mann hatte ich bereits zum Frühstück beim Eierkochen gesprochen, wir sitzen stundenlang, nach dem auschecken um 10:00, im Foyer, unterhalten uns auf englisch und warten auf besseres Wetter.
Es regnet meist garnicht so stark, das ändert sich aber immer wieder unvermittelt und ist auch viel stärker angesagt. Dafür schiebt sich das Ende der Regenzeit immer weiter in den Abend hinein.
Zu Mittag gehen John und ich zu dem SchnellPizzaBäcker, bei dem ich gestern auch war.
Ich darf bei seinem Salat mitessen, dafür habe ich noch viel von meiner Pizza übrig. Die lasse ich mir einpacken. Aber verdammt, ich hab viel zu viel zu essen dabei. Bald ein kg Käse und Bresaola, eine große Tüte italienische Laktitze, zwei Joghurt, drei Obst, Kekse, Nüsse… die ganzen Fahrradtaschen voll. Und dazu noch einen halben Liter Wein. Und das muss jetzt alles den Berg rauf!
Um 14:00 werde ich zu unruhig. Ich denke, wenn ich arg nass werden sollte, kann ich auf halber Strecke, nach nur 7km in Brusio einkehren und mich umziehen oder trocknen lassen.
So mach ich’s auch.
Es geht, wie ich gelesen hatte, sofort mit Verlassen der Stadt Tirano, steil den Berg hoch. Bald wird mir sauwarm und ich verstaue die Anziehsachen. Da werden die schon mal nicht nass. Brusio ist ein langgezogenes Dorf. Am Anfang stelle ich mich unter ein Tankstellendach, weil es gerade beginnt, ordentlich zu regnen.
Zum Glück wirds bald wieder weniger, weil mir kalt wird, so nass, wie ich bin.
Ich aste mich zur Bar hoch.
Ahh, hier trinke ich erstmal eine schöne lange Tasse Tee.
Dann kommt Erika und wir hören nicht mehr auf zu quatschen. Einmal kommen wir auf unser Alter zu sprechen. Sie sagt „Ich bin 64“. Ich bin eine ganze Weile erschrocken, bis mir klar wird, man lässt hier das ‚Jahrgang‘ weg, so wie wir das ‚…Jahre alt‘ weglassen.
Um halb sechs reiße ich mich los, quäle mich hoch zum Lago di Poschiavo

und um 19:00 bin ich im angestaubten aber noblen Swisshotel in Poschiavo.
Als Willkommensgeschenk bekomme ich ein Freigetränk im Café gegenüber. Da lerne ich Sebastian kennen. Er ist eigentlich schon Bauer, erzählt mir aber, dass alle eine zweijährige Ausbildung absolvieren müssen. Und er ist auch gerne draußen. „Im Sommrrr gah ichch immrrr zunen.“ „Klar, da musst du auch viel laufen. Was hast du denn für Tiere?“ „Jaaa, Grrrrauvieh, odrr?“ „Grauvieh?–so Esel —oder Elefanten?“
„Ja, grrraue Kchühe. Die sind sehrrr seltn!“
Sebastian schaut so lieb über seine Brille aber unter seiner Kappe durch.
Dann erzählt er mir in seiner herzerfrischend breiten und langsamen Art, dass die eine Kuh immer zu ihm kommt und das Salz von seinem Arm leckt. „Und ichch muss ihr immrrr gutNacht sagen. So, wie schon drr Vatrrr.“
„Ja, wie alt werden denn so Kühe.“ „10, oft 20.“
Ich erfahre, dass sie sich lohnen wegen der Kälber. Nimmt man ihnen im letzten Lebensjahr das Kalb weg, bilden sie viel neues gutes Fleisch.
Ich sage die ganze Zeit Du zu ihm, und er sagt Sie zu mir. „Bitte, sag doch auch Du zu mir. Wir trinken zusammen Wein!“
„I bin guet errrzogn, odrr? Und Sie sind- du büsch ältrrr…“
„Klar bist du jünger. Ich schätz dich so auf gut 30. Wie alt bist du denn?“
„Ichch bin 82“ „Na, siehst du?“
Als er sich am Ende verabschiedet, bitte ich ihn, der immer wieder ins Sie gefallen ist: „sagst du wenigstens am Schluss noch mal du zu mir?“
„Du.“
„Gut.“

RegenRuheTag

Samstag, 9.9.2017

Ich wache gut ausgeschlafen um halb 6 auf. Ist natürlich noch dunkel. Aber es wird auch so früh dunkel. Um 20:45 hatte ich bereits die Augen zugemacht.
Trotzdem wälze ich mich noch faul herum. Bis es gegen halb sieben anfängt, zu regnen. Auch gut. Dann probiere ich aus, wie es klappt, mich in die Plane (2x3m) zu rollen, auf der ich liege. Wunderbar. Ich darf mich halt nicht zu schnell bewegen. Das passt mir gut. Überhaupt scheint mir gerade jedes Argument recht, um mich zu drücken.
Irgendwann pelle ich mich doch aus meiner Wursthaut, bekomme meine Sachen trotz Nieselregen recht trocken unter und fahre im Regencape nach Tirano. Zielsicher finde ich ein passendes Café für Frühstück, Morgentoilette, HandyLadung und Hotelbuchung. Es soll bis morgen Mittag regnen!

Das Corona ist gleich um die Ecke, wie gut.
Obwohl es erst halb zehn ist und die unfreundliche Dame am Tresen stumm und mit ätzender Mine auf die Tafel deutet: ‚Check in ab 14:00‘, bekomme ich schon wenige Minuten später ein hässliches kleines Zimmer mit Blick auf den ramponierten Hinterhof und KFZ Werkstatt.
Oh, ich bin zufrieden!
Super WiFi, schön warm…
Ich wasche ein paar Sachen, buche das nächste Hotel und gehe in die Stadt. Es soll zwischenzeitlich nicht regnen. Also kaufe ich ein. Valtelliner Wein, den ich mir an der Supermarktkasse öffnen lasse und was zu essen.
Mit einem heißen halben Hähnchen und dem Wein setze ich mich zufrieden auf den Platz.

Ach, was geht’s mir gut.
Dann wackel ich noch ein paar Meter herum, schaue mir auf dem Bahnhof die hübsche rote Rhätische Bahn an, mit der ich auch fahren könnte und fotografiere den aktuellen Fahrplan.
Den Rest des Tages verbringe ich im Bett. Blogschreibend.

Meine Bluse, die ich immmer in die Tasche knülle, sieht jetzt aus, wie gebügelt, weil ich sie nass aufgehängt hab.

Na, da geh ich jetzt essen.

Ich esse in einer Schnellpizzeria. Vorher bin ich an zwei, drei Restaurants vorbeigekommen. Eines war eher eine angesagte Bar.
Ich bin so gut und gelassen drauf, so schlendere ich durch die Straßen. Mit den Händen in den Hosentaschen. Aufrecht. Und mit Esprit.
Zwei Jungs in der angesagten Bar gucken mir nach.
Tun sie das?
Ich denke: ‚das ist eher ein Café, eine Bar. Gibt’s hier überhaupt was für mich zu essen?‘ Ich sehe auch auf die Schnelle keine Teller mit was drauf. Und schon bin ich vorbei.
In der Pizzeria gucke ich bei meinem lecker Essen an die Wand. Es gibt nämlich nur eine Theke an der Wand lang. Da fällt mir auf, dass ich schon ganz gern gesellig gewesen wäre.
Auf dem Rückweg komme ich wieder an der Bar vorbei.
Die zwei schauen mich intensiv an. Irgendwie lustig.
Und ich trau mich nicht rein.
Was hätte ich auch tun sollen?
Ich bin pappsatt, dazu genug angetrunken von den wenigen Schlucken Wein über den Tag und dem kleinen Bier zur Pizza.
Ich gehe an meinem Hotel vorbei. Hier ist alles so verdammt nah!
Ich bleibe auf einem anderen Platz stehen und denke: ‚dies ist keine Stadt für mich. Und dennoch gibt sie mir heute alles, was ich brauche.‘

Nur keine nette Geselligkeit.
Das gibt mir einen Stich, weil es mich so sehr an früher erinnert. Aber es ist heute auch ganz und gar nicht schlimm.
Ich mag es, wie es von ganz allein passiert. In der Stadt kenne ich mich eben nicht aus.

Sentiero Valtellina

Freitag, 8.9.2917

Als ich wieder aufwache, ist es fast ruhig, nur manchmal ist ein liebliches kleines Plätschern zu hören.

Ich drehe mich zufrieden um. Endlich gut geschlafen!
Ich habe auch was geträumt. Hatte ein Gesicht vor mir. Mir dann vorgestellt, wir wären Wange an Wange und dieses Bild ist vor mir. Dazu höre ich eine Stimme:
„Am wichtigsten ist diese Linie zwischen den Menschen.“
Im selben Augenblick sehe ich die Linie unserer aneinander geschmiegten Wangen besonders schwingen. Bedeutsam.

Jetzt ist es halb sieben. Ich hindere mich daran, gleich schwimmen zu gehen, denn dann muss ich duschen. Und danach? Die Campingbar hat erst um halb9 auf.
Also schreibe ich noch vorher.
Das Wasser ist mittlerweile spiegelglatt und vom Sturm heute viel kälter.
Aber ich schwimme raus, bis ich die imposanten Felsenberge hinter dem Campingplatz sehe.
Ich komme nach dem Duschen zu früh in der Bar an und google schon mal ein wenig. Ja, doch, meinen Latte, ein AprikosenmarmeladenCroissant und ein knuspriges super leckeres NutellaStückchen bekomme ich schon.
Ich lese, dass der BerninaPass leicht zu fahren sein soll, weil nie steiler, als 10%. Hm. Wer mag das geschrieben haben? Und die irrwitzige Idee, es vielleicht komplett per Rad zurück zum Auto oder bis Chur zu schaffen, nimmt deutlich schärfere Konturen an. Es kitzelt mich in der Seele.
Als ich abreisebereit bin, frage ich den Wirt nach dem anderen Weg, zurück zur AddaBrücke nach Colico. Er fährt gleich mit seinem Fahrrad 500m mit. Supernett.
Zum Abschied bitte ich ihn um einen Gefallen: ob er dem Boy von Bomboklat ciao i grazie mille von mir ausrichten könne? Er hat extra die Matratze für mich in der BomboklatVeranda liegen gelassen und ich konnte sicher vor dem Sturm schlafen.

Irgendwie gurke ich dennoch schon wieder kreuz und quer durch diese sumpfige Ecke.
Aber da ist ja die Brücke.
Hm. Soll ich noch nach Colico? Mir würde was fehlen, wenn nicht. Und Angelika hat gesagt, es ist Markt. Sind halt bestimmt 4 km hin und wieder zurück.
Ja, ich fahr.
Und ich kaufe mir prima Käse und Bresaola. Und eine Tüte voll Obst.
Nun bin ich zufrieden.

Abschied vom Comer See bei Colico

Es kann losgehen. Wird auch Zeit, es ist bald 11.

Ich bin auf der Sentiero Valtellina, dem schönen ebenen Radweg von Colico nach Tirano, immer entlang der Adda.

Heute heißt es gondeln, gondeln, gondeln. Der Weg ist meistenteils flach an der Adda entlang und gut ausgebaut, selten fein geschottert. Ich habe Rückenwind und im Laufe des Tages immer mehr, bis ich mir denke, lieber den Berg rauf geschoben werden (als mich runter abzustrampeln).
Am Weg gibt es viele Rastplätze. Schon um 12 habe ich einen Bärenhunger. Danach werde ich plötzlich so müde und liege werweißwielang auf dem Tisch. Und weg.

Die Umleitung auf die Schnellstraße, von der mir gestern lang und breit ein Herr erzählt hat, finde ich trotz der Karte in dem Heft, das er mir mitgegeben hat und trotz einer Karte auf einer Infotafel nicht. Denn der Radweg ist, wie der Mann auch sagte, immernoch in die Irre, das heißt, in Richtung der seit Jahren verschütteten Straße ausgeschildert.
Also muss ich wieder zurück, einen kleinen Tunnel unter der Eisenbahn durch. Das Ende ist aber mit Eisengeländer gesperrt. Da schaffe ich es mit Mühe, mein Rad durch zu schieben und stehe schon auf der Schnellstraße.
Uh, verdammt gefährlich. Die einzige Möglichkeit durch die Klamm zu kommen und nichtmal ein schmaler Streifen neben der Fahrbahn. Ich denke an Raimund und setze den Helm auf. Der schnellen Autos und Laster sind viele! Ein Motorradfahrer deutet sogar hupend auf die andere Flussseite. Ja, ist ja gut, den Weg gibt’s halt bloß seit Jahren nicht mehr.
Nach ca. 1km kann ich wieder auf den sicheren Radweg.

Irgendwann sehe ich mitten auf dem Weg eine recht große pechschwarze Schlange (Vielleicht eine ungiftige Zornnatter). Bestimmt viel länger, als einen Meter. Ups!
Bald werden mir die Beine vom Gondeln lahm und auch meine Stimmung wird langsam vor lauter Schwächeln sauer.
Ich mache Pausen, esse viel, aber meine Beine und ich wollen nicht so.
Uh, und noch 35 km! Na, ich muss es ja heute nicht schaffen.
Doch dann finde ich ein paar Äpfel unter Plantagenbäumen und schlagartig fangen meine Beine wieder ordentlich an, zu pumpen.
Trotzdem wollte ich nun nicht mehr in die Stadt Tirano, die sicher größer ist. Lieber eine Pension in einem der kleinen Dörfer davor.
Ich frage auch einige Passanten. Aber immer wieder höre ich das gleiche: erst in Tirano.

In einem kleinen Städtchen 10 km vor meinem Ziel, stehe ich plötzlich wieder vor einer undurchdringlichen Baustelle. Hier hat man einfach die Radwegschilder umgedreht. Hinter der Baustelle kann man ja sehen, wo es weiter gehen soll. Der kürzeste Weg zurück scheint mir über den Bahnhof. Viele Treppen! Und mein Fahrrad sauschwer. Ich denke, mit Gepäck gut 25 kg.

Auf der anderen Seite angekommen, kann ich zwei Frauen erzählen, wo es weitergeht. Sie wollen zum Lago di Como und ich schenke ihnen das Heft mit der Karte. Erkläre auch, wo sie auf die doofe Schnellstraße müssen.

Hier ist jeder pupsige Feldweg als NichtRadweg gekennzeichnet. Alles wunderbar sicher ausgebaut und gut beschildert. Dazu alle paar km teils auch öfter ein netter Rastplatz, oft mit Trinkwasser. Das ist echt fürstlich. Wenn es aber eine Baustelle gibt, kann man schon mal ratlos dastehen.

Ich habe grade ausnahmsweise einige sehr hügelige km hinter mir und freue mich über die gerade Reststrecke in wunderbar lieblicher Landschaft.

So schön hier!

Warum bis nach Tirano fahren?

Schwupps, liege ich auf der Wiese.

SommerSonneBadeTag

Donnerstag, 7.9.2017

Ich hatte mir vorgenommen, erst aufzustehen und zu frühstücken, wenn die Sonne hinterm Berg vorlugt. Denn mein Schlafsack ist patschnass vom Tau.
Als es gefühlt 10:00 ist, reichts mir. Ich wische die Plane mit einem Lappen nachlässig trocken und setze mich auf die Matte, den nassen Sack über meinen Schultern und futtere zufrieden.
Gerade als ich alles glibbrige Zeug fertig in meine Taschen gestopft habe und abmarschbereit bin, kommt die Sonne. Es ist 8e.

Oh, es wird ein warmer Tag!
…Wieder Weiden im Morgentau glitzern sehn…

Neues Land, Kaddi 2005

Dann fahre ich allerdings zumeist im morgendlichen Bergschatten.
Am Lago di Mezzola vorbei,

dann wieder auf der SS36 durch den Sumpf der Adda.
Plötzlich bin auf der Addabrücke nach Colico.
Jetzt muss ich mich entscheiden, welcher Campingplatz?
Ich will nach Gera Lario links der Mera. Aber es ist kein Weg dahin auf der Karte eingezeichnet. Vor der Brücke gab es einen beschilderten Radweg in diese Richtung. Aber von meinem Dorf steht nix. Ich versuche es trotzdem und der Weg nimmt nach einiger Zeit eine völlig entgegengesetzte Richtung an.
Einige Male denke ich, ich mag nicht mehr, möchte doch nach Colico zurück, ich hab auch noch nicht Kaffee getrunken und mein Handysaft ist fast leer. Doch zweimal, als ich wirklich umkehren wollte, flog ein Raubvogel vor mir auf und in die Richtung meines Weges. Nagut, noch bis hinter die nächste Kurve…
Endlich bin ich in Ponte del Passo. Brauche dort in einer Café Bar mit draußen sitzen einen Latte und einen Cappuccino. Das Zeug schmeckte schon so dünn. Dafür hab ich mein Handy wieder halb voll. Und eine Empfehlung, dass dieser Campingplatz in Gera Lario auch schön ist. Von hier geht eine Teerstraße hin.

Ich darf für zehn € irgendwo am Strand pennen und bekomme für drei Tage Wifi für 1€, statt nur für eine Stunde. Da mach ich zunächst Emailzeit. Der Tag ist wunderschön, aber ja noch lang!
Dann trotte ich zum Strand vor, am Waschhaus vorbei. Hmm, schön, ist alles nicht so riesig hier.

Gleich an der Stichstraße zum Strand ist der Bomboklat. Als erstes frage ich den netten jungen Surflehrer, ob er mich fotografieren könnte? Ich hätte mein Ziel erreicht, vom Bodensee aus, den Lago di Como zu erreichen.

Ich wasche meine Sachen und hänge sie am Strand auf. Es ist so sonnig und heiß, sie trocknen bestimmt. Meine grüne lange und die schwarze halblange Hose waren echt schon super schmierig.
Dann leihe ich mir ein SUP aus, paddle damit ein Stück in den SommerSonnenSee und lege mich aufs Brett, zum Sonnen. Oberteil ziehe ich aus, hier ist ja keiner.
Jahre später mag ich mich doch wieder aktivieren und paddle noch weiter raus. Ich will auf die Höhe von Colico. Da quert jemand mit einem SUP meine Bahn. Als er etwas näher ist, erkenne ich, dass er nackt ist. Gute Idee.
Was für ein Gefühl! Nun kehre ich um, habe den Blick auf die schroffen Berge, aus denen ich komme und kann ein wenig ins Addatal hineinschauen, in das ich fahre. Und ich stehe nackt in der Mitte des Comoarmes.
Frei!
Frei und mächtig!

Im Anschluss schwimme ich eine Runde. Ich hab bei dem leichten Wellengang vom auflandigen Wind deutlich Angst beim Schwimmen. Ich traue mich nur Brust. Dennoch kann ich mich wegen der Schultern (eine handvoll Schulterluxationen links und rechts) nicht entspannen.
Den Rest des Tages hänge ich in der BomboklatSurfSchulHütte herum, höre immer die gleichen höchstens zehn ReggaeSongs. Die gefallen mir aber gut. Nebenbei schreibe ich was das Zeug hält. Mann, dauert das!
Zwischendurch noch einen Schwimm und weiter geht’s.
Gegen Abend sitze ich auf den Treppen des Bomboklat und komme mit einer etwa gleichaltrigen Frau ins Gespräch.
Sie ist die Via Spluga schon gelaufen. Und fand am schönsten den Abstieg von der rechten Seite des SplugaSees.
Mensch, es gibt sie doch, die verrückten Leute!

Aber ich fühle mich diesmal keineswegs alleine.

Bevor ich ins benachbarte Restaurant gehe, frage ich den netten jungen Surflehrer, ob ich in seiner offenen BomboklatHütte schlafen darf. Ist eigentlich eine Art überdachte Veranda. Und das eine Sofa ist lang genug und gut gepolstert.
Klar, ich darf. Ob er mich morgen wieder sieht?
„Kommt drauf an, wann ich wach werde und losfahre.“
Da greift er sich ans Herz, strahlt mich an und meint: „Nice to meet you!“
„Yes, nice to meet you!“

Im Restaurant bestelle ich Fisch mit einer Mio Gräten. Der schmeckt nicht mal gut. Ein netter Gast hatte mir beim Übersetzten geholfen. Ist wohl Flussbarsch. Mit Salz und Zitrone geht’s. Dazu ButterSpinat und Pommes. Mann, ich bin schnell so satt, dass ich die Pommes fast in Gänze stehen lassen muss.
Dann kommt ein junges Paar an meinen Nebentisch. Sie heißt auch Kaddi.
Wir lassen uns erst in Ruhe essen. Als ich schon zahlen will, kommen wir sehr angeregt ins Gespräch. Ein gelungener Abend.
Zurück im Bomboklat. Er hat tausende von Lichtern angemacht.

Sieht wunderschön aus. Sicher auch als Nachtreklame gedacht. Auf den Treppen sitzt ein junges Paar. Während ich das Bier trinke, das ich mir noch im Vorbeigehen von der Campingbar mitgenommen habe, quatschen auch wir ganz schön. In Richtung Osten hinter den Bergen sehen wir ein beständiges Wetterleuchten. Der Junge meint, über dem Gardasee sei Gewitter angesagt. Deswegen seien sie hier. Das Mädel ist ein bisschen kaputt, sie sind heute auch 1000 hm auf einen benachbarten Berg gefahren. Als die zwei gehen, wende ich mich an Angelika, die ganz außen still auf der anderen Seite der Treppe sitzt. Sie hat ein Ferienmobil hier und kommt jedes WE aus der Schweiz. Diesmal hat sie morgen einen freien Tag.
Ich mache alle Lichterketten aus. Garnicht so leicht, alle Netzstecker zu finden.
Jetzt ist es doch noch mondhell und lauschig. Wir unterhalten uns sehr ruhig. Ich fühle mich in dieser Begegnung verbunden.
Am Ende gehen wir noch gemeinsam zum Waschhaus und umarmen uns zum Abschied.
Es hat aufgefrischt, beginnt nun, richtig zu stürmen. Ich liege, doch recht gut windgeschützt, und lausche dem drängenden, hektischen Wellenschlag.

Aber nicht lange.

Jetzt gilt’s

‏Mittwoch, 6.9.2017

Um 7 mag ich nicht mehr rumliegen. Ich stehe auf und packe zügig meine Sachen. Unten treffe ich den Bauern und bitte ihn, mir doch vor 8 schon das Frühstück zu machen. Es ist warm und ich will los.
Er verspricht, seiner Frau Bescheid zu sagen und die legt sich mächtig ins Zeug.
Ab 7:30 stopfe ich mich mit frischem Vollkornbrot mit lecker selbstgemachtem Käse, Marmelade, Ei und  Joghurt den Bauch so voll, wies geht. Kaffe. Auf die beiden dicken festen Brötchen schmiere ich dick Butter und gebe 1Jahr gereiften Höhlenkäse drauf. Als Wegzehrung.
Dafür bekommt die Familie auch ein Trinkgeld.
Um zehn vor 8 bin ich auf der Straße. Ruckzuck in Andeen. Nur 14 km bis Splügen? Ach, 27 bis zum Pass!
Um zehnvor 10 bin ich am oberen HinterrheinStauSee bei Sufers.

Etliche Serpentinen und weitere Steigungen hinter mir.
Hier habe ich nur noch 50 Höhenmeter bis Splügen. Die erste Hälfte zum Pass ist also bereits so gut, wie geschafft. Hier steht der Plan: ich fahr vollends hoch!
Ich zünde eine weitere Kerze an und genieße die lange Pause, bis die abgebrannt ist.
Aber, auch 50 hm können sich hinziehen. Vor allem, wenn man darauf gefasst ist, dass es nur noch recht eben geht. Und man sieht, dass man sich da getäuscht hat.
In Splügen tanke ich wieder sparsam frisches Wasser. Hier gibt’s überall prima Quellen. Warum also sollte ich mich abschleppen?

Ich verabschiede mit einem Foto den Rhein.

Ohne weiter zu zögern verlasse ich Splügen, um mich die ersten drei großen Sepentinen heraufzuschwingen. Oh, schon ziemlich steil…aber ich kriege im 2. Gang einen guten Rhythmus.
Nach den drei Serpentinen begnüge ich mich mit einer Fotopause. Hinter mir hat während des größten Teils des Aufstieges ein schöner mächtiger Berg sein Auge auf mich.

Jetzt quere ich aufsteigend die Bergflanke.

Ich weiß, am Ende der Querung warten noch fünf steile Serpentinen und dann noch etliche unregelmäßige steile Kurven auf mich.
Vorher will ich mich sammeln und Mittagspause machen. Ich finde am Straßenrand zwei Hütten, deren Türen offen stehen. Die eine ist wohl bewohnt, die andere dient offensichtlich als Notunterkunft. Ich setze mich vor diese Tür und halte Picknick.

Bald wird mir kalt, weil mich nur die Bewegung gewärmt hat. Die Luft ist schon frisch. Ich gehe nochmal die kurze Auffahrt runter, um mir Klamotten aus der Radtasche zu holen. Genau da kommt ein Auto rauf gefahren. Ich begrüße den Fahrer. „Ich mach gerade Mittagspause.“ „Ja, das will ich auch. Setz dich doch hinters Haus, da hats eine Bank und einen Tisch.“
Nach ein paar Minuten kommt Toni dazu. Er hat sich Hirschleber gebrutzelt. Aber für die Zwiebel hats nicht mehr gereicht. Das Gas ist ihm ausgegangen. Toni kommt seit drei Jahren auf die Almhütte. Schwarzhütte. Früher hatte er einen Bauernof. In den nächsten Tagen werden nach und nach die Tiere abgeholt, auf die er achtet.
Eine Stunde später geht’s weiter. Nach wenigen Metern springt neben mir ein weiterer Radfahrer aufs Rad, als ich vorbeiziehe. Ich drehe mich um und rufe: „Hoffentlich fährst du nicht so schnell, ich brauche oben jemand, der mich fotografiert!“
Er bleibt in den ersten fünf Serpentinen hinter mir. Aber ich brauche hier, wie ich mir ausgemacht hatte, eine Pause.
Ich hatte schon selbstsicher anmerken wollen: „Wie gut, dass es hier nicht so steil ist…“
Na, mit der letzten der fünf Serpentinen gings erst so richtig los. Ach, darum haben der Bauer und Toni gesagt, der Splügen sei knackig!
Ich begnüge mich immer nur mit Minutenpausen. So lange, wie ich halt brauche, um mein Rad abrutschsicher abzustellen, den Fotoapparat herauszuholen und ein Foto zu schießen.

Und Sebastian sollte nicht recht bekommen: so richtig schlapp wurde ich nicht. Ich konnte immer wieder gut ein schönes Stück weiterfahren. Ich mein, jetzt wollte ich’s halt auch wissen. Und die Passkuppe war quasi die ganze Zeit schon in Sicht.
Wenn mir eins klar geworden ist: wenn du was leisten willst, dann stopf dich mit gutem Essen so voll du nur kannst. Echt, das hilft. Früher wollte ich nur 10 Mark, später 10€ /Tag ausgeben. Kein Wunder, dass ich manchmal geschwächelt habe.

Auf der Zielgeraden sehe ich, wie der Radler gerade aufsatteln will. Aber er sieht mich und grinst von einem Ohr zum anderen, klatscht in die Hände und ruft „Bravo!“
Ich klatsche während dem Anrollen freihändiger Weise auch „danke, ebenfalls!“
Dann bekomme ich meine Fotos. Und wie gut die sind! Ich bin saugut drauf und hüpfe fürs Bild.

„Heute ist es ein wenig kühl, weil wir das für die Auffahrt brauchten. Unten am See wird die Sonne sommerlich scheinen. Weil sie das immer tut, wenn ich unterwegs bin “
Raimund bekommt für seinen Namen eine herzliche Umarmung, dann fährt er runter. Ich freue mich, dass er da auch gutes Wetter haben wird.
Ich gehe zur Passflagge und zünde eine Kerze an.
Da kommt ein Vater mit seinem Sohn von Italien rauf. Ich frage ihn ein wenig nach dem woher und wohin. Aber er scheint sich nicht wirklich unterhalten zu wollen.
Die zwei älteren Herren sind freundlicher. Ja, sie kamen mit dem Auto. Aber einer der beiden erzählt, dass er nun motorunterstützt fährt und sich freut, wie weit er damit in die Berge kommt.
Die Kerze ist nun wieder aus gegangen und lässt sich auch nicht mehr erwärmen, weiter zu scheinen. Ich lasse den Stummel auf seinem Bodenseekiesel, der nun wieder am Ursprung angekommen ist.
Dafür habe ich hier bei der Flagge ein kleines Glitzersteinchen gefunden. Das nehme ich mit.
Ich mache mich langsam und genussvoll auf den Weg. Dick eingepackt und mit Helm.
Raimund hat mir erzählt, dass er kein Auto für seinen Unfall mit Gehirnerschütterung und großen Abschürfungen gebraucht hat. „Das hab ich schon alleine hinbekommen. Nie wieder!“
Ich werde seinen Blick nicht vergessen mit dem er mich bedacht hatte, als er kurz dachte, ich überlegs mir mit dem Helm. Danach brachte er seine kleine Geschichte aus der er lernen wollte.
Zunächst ist der Tag noch düster, nur ab und zu kommt ein dicker Sonnenstrahl herunter, der irgendwo Felsen oder Moosgründe erhellt.

Überall hört man Murmel piepen. Jetzt sehe ich auch welche. Gleich drei Stück an verschiedenen Stellen.
Bei der Staustufe muss ich echt mal auf Klo und Schlag mich in die krautigen Felsen.
Ich erschrecke, als mich aus unmittelbarer Nähe ein AlfaMurmel anschreit.

Oh, ich mache oft Halt. Am Aussuchtspunkt auf den unteren Stausee, an der Stelle, von der aus man wenigstens einen Teil davon sehen kann, wie über hunderte von Höhenmetern die Serpentinen direkt untereinander an den Fels geklatscht sind,

bei einem dörflichen Wasserfall, für den man extra zur geflissentlichen Betrachtung einen Steg raus in die Luft gebastelt hat, an zig Aussichtspunkten, die mir ein Foto wert schienen.
SS36.

Das Straßenschild gab leider nie ein schönes Landschaftsbild ab. Aber festhalten wollte ich schon, dass ich sie gefahren bin. Wenn auch, wie ich finde, zum Glück runter. Und nicht rauf.

Halb sechs in Chiavenna. Ich wollte schon Lira abheben. Und meine fünf bis zehn Worte Italienisch hatte ich im einfachen Restaurant mit Außenverköstigung in mediterraner Sonne auch nicht parat. Da wird mir klar: ich bin überhaupt nicht darauf eingestellt, Italien zu erreichen.
Um mir beim Kapieren zu helfen, dass ich da bin, bestelle ich ein Bier und eine Portion Salbeiravioli.

Ich sitze draußen auf einer Hollywoodschaukel mit Blick über den Kreisel und auf das Schild Passa di Spluga.
Habe gutes Wifi und klar reißt es mich, einigen lieben Freunden großkotzig Bescheid zu geben. Habe ich auch verdient.
Dann gondel ich in der Richtung, die der nette junge Italiener mir gezeigt hat noch ein wenig dem Como entgegen.
Als es mal ein wenig rauf geht, merke ich schon, dass es für heute fast reicht mit körperlicher Leistung.
Ich finde einen geraden Radweg zum Lago di Mezzola.
Kurz vor dem See wird der berechtigte Wunsch nach Dusche und vier Wänden, die eine kuschelige Matratze enthalten zugunsten einer sofortigen Ablagemöglichkeit immer kleiner.
Neben dem Radweg ist wohl ein ehemaliger Bahndamm, daneben der Fluss.
Ich wuchte mein Rad die steile Böschung rauf. Mir ist alles egal.
Um mich Berge. Der Boden plan. Es ist warm, so warm.
Ich bin total klebrig verschwitzt.
Sobald ich mein Lager aufgeschlagen habe (wenn ich mich ducke, kann man mich nicht vom Weg aus sehen) kommen die Mücken.
Ich ziehe bald den trockenen Schlafanzug an, aber da gehen die auch durch. Da gehe ich eine Handvoll Wegerich sammeln.
Oh, what a night!
Ich ziehe den Schlafsack bis zur Nasenspitze zu, weil meine Augen bereits total verstochen sind. Es ist heiß!
Dann lukt der Vollmond hinter den Bergen vor und es ist klar: er braucht die ganze Nacht, um über mich rüber zu wandern. Es ist romantisch, die Sterne, der Mond, die Berge…und total hell!
Falls ich überhaupt schlafe, dann traumlos und sekundenweise. Aber ich liege gemütlich und mach mir nichts draus.

Muskeln aufwärmen

Montag, 4.9.2017

Der Plan war, vom Bodensee zu starten, weil ich so mindestens 80 km recht flache Strecke zum Einfahren habe.

Erst habe ich garnicht und dann doch noch gut geschlafen bis 6.
Meine Schultern taten nachts und tun heute morgen kaum weh. Dafür meine Handgelenke, die sich schon bald nach dem Hinlegen rheumatisch gemeldet hatten. Ich denke, es wird bald weggehen.
Als ich zum Bad rübergehe, ist der Himmel am Horizont rosaorange.

Ich fahre ungefrühstückt um 6:45 los. Es ist bitterkalt. Meine lange Schlafanzughose habe ich unter meiner grünen Kletterhose anbehalten. Ich trage Baumwollhanschuhe und ziehe die Kaputze fest zu. Um die Augen zu schützen suche ich die Windbrille aus der Klamottenfahrradtasche. Ich finde, so geht es, weil es nach gutem Wetter aussieht und bald Aufwärmung verspricht.
Ich fahre, wie mir der Wirt gestern empfohlen hatte, nicht am Rhein entlang, denn gleich daneben lärmt die Autobahn. Sondern ich nehme die teils geschotterten Wege am Rheinkanal.
Um halb acht muss ich Frühstückspause machen, weil ich bereits einen Bärenhunger habe. Es gibt Eiweiß und Möhren aus Mamas Garten und die letzten Weintrauben von Sarah und Lisa, die sie mir zum Einzug geschenkt haben. Aber es ist so ungemütlich kalt und meine Zehen tun weh, weil die dünnen Socken im Tau nass geworden sind. So fische ich noch meine dicken Socken aus dem Sack. Ahhh!
Einige Kilometer später bekomme ich dennoch schwache Beine, bloß, weil es mal ein paar Meter rauf geht. Ich muss wohl auch Kohlenhydrate zu mir nehmen und beschließe, beim nächsten Bäcker Brötchen zu kaufen. Der hat auch einen TanteEmmaLaden angegliedert und so gibt’s Butter und Käse dazu, einen sündhaft teuren Kaffee und Nektarinen, die große Wasserflasche, die ich sowieso noch für die Fahrt benötige und Notkekse.
Frisch gestärkt geht’s weiter.

Immer wieder staune ich über das fette Grün der Wiesen und freue mich über die hohen Berge um mich herum, die mit Schneemütze so viel imposanter aussehen.

In Buchs fahre ich dann doch der Radweg-Beschilderung nach Chur nach und komme an die Fahrradautobahn. Ist hier aber garnicht so laut, da ein Streifen Bäume zwischen dem Rheindamm und der Autobahn den Krach dämmt.
Bis Fläsch habe ich also einen guten Lift, mache unterwegs Mittagspause in der endlich genug wärmenden Sonne. Dann werde ich steil hoch durch die Weinberge geschickt.

Das ist sehr schön. Auf der Karte sehe ich aber, dass sie mich noch weitere 200 unnütze Höhenmeter rumschicken wollen. Da mach ich nicht mit und nehme kurzerhand die Landstraße nach Langard.
Hier ist es im Autobahn-Eisenbahn-Schnellstraßengewirr sauschwer, den Radweg wieder zu finden. Doch es gelingt.
Ich komme bei einer sündhaft luxuriösen OutletMall raus. Das tät mir einfallen, hier zu shoppen. Aber ich frage in der InfoStation nach einer öffentlichen Toilette und dem weiteren Weg.
Und dann…
Dann sehe ich ein ziemlich gutes Tandem. Und damit fängt eine wunderbare Feundschaft an.
Hinten sitzt der Mann, vorne liegt in einem bequemen Sessel die Frau. Ich denke sofort an meine Freundin Simone, ob ihr ein solches Rad gefallen würde? Verdammt, die sind schnell, ich kann sie kaum einholen. Aber es bockt mich, ich gebe mir Mühe.
Im Vorbeifahren rufe ich den beiden zu: „Cooles Ding, Ihr macht das super! Wer hat es zusammen geschraubt?“
Nein, eigentlich fahre ich doch nicht vorbei, die hängen mich schon wieder ab. Obwohl der Mann offensichtlich mit mir reden will. Na, nun wird er ein wenig langsamer.
Er erklärt mir, dass sie es von Hase, Köln haben. Und ich erzähle, dass ich das mal meiner Freundin zeige, die hat MS. Nun meldet sich die Frau. Nonverbal. Ja, sie auch. „Verdammt, da könnt ihr euch ja trauriger Weise die Hand reichen.“
Ich frage nach ihren Namen. Sebastian und Gabi. „Hey, ich bin Kaddi. Ich würde mich gerne mit euch unterhalten, aber ihr seid einfach zu schnell.“
Sebastian sagt richtig nett, da würde er gerne langsamer fahren. Wohin ich denn wollte?
Nach Felsberg. Schade, ich hätte wohl schon gebucht? Sonst könnte ich direkt bei ihnen übernachten. Sie wohnen nämlich in Chur, da sind es nur noch 5 km bis Felsberg. Aber einen Kaffee könnten sie mir doch anbieten?
„Da sag ich nicht nein!“ Sebastian rüttelt an Gabis Arm, „das ist doch ok, oder?“ Gabi strahlt mich an. Ich strahle zurück. Wir sind uns gleich sympathisch.
Wir landen also bei den beiden auf der Terrasse. Gabi geht es wesentlich besser, als Simone. Sie kann zum Glück noch, zwar umständlich und langsam, aber selbst die Treppe rauf.
Wir sind längst mitten in angeregten Gesprächen. Das ist ganz leicht. Sebastian springt rum und macht alles. Aber er sitzt auch oft da und quatscht genauso mit.
Nach Risotto, Espresso (huh, super stark!) und Kuchen. Nach den Bildern von ihrem kürzlichen Trip in die Masuren (mit Sebastian verbindet mich ein ähnlicher Migrationshintergrund elterlicherseits) wird es kalt und wir gehen rein, Sebastian macht im Ofen mit Sichtfenster ein gemütlich knisterndes Feuer an und kocht uns Tee…
Mir wird es bald in der Nähe des Ofens zu warm.
„Gabi, darf ich mich neben dich setzen?“ Oh, das ist ein ganz sanft inniger Moment.
Später erzähle ich, dass ich mal in Stadtsteinach wohnte und dort immer den Drachenfliegern nachträumte. Sebastian fliegt nämlich. „Kenn ich.“ „Wie, kenn ich?“ „Ja ich bin einige Zeit in Stadtsteinach geflogen.“ Es stellt sich heraus, dass es zeitlich passt. Ich kann ca. im Jahre 86 genau ihm beim Fliegen nachgeträumt haben.
Es wird bald Zeit, in meinem Strohhotel aufzuschlagen.
Als ich gehen will, fängt es an, zu regnen.
Wir essen noch zu Abend. Ich steuere meinen Käse bei. Aber es hat immer noch nicht aufgehört. Nun schreibe ich an den Bauernhof, dass ich nicht mehr komme.
Sebastian macht mir richtig lieb das Gästebett.
Um 22:20 liege ich mit stark klopfendem Herzen im Bett und kann nicht schlafen. Mist. Den Kaffe haben wir doch so früh getrunken, vielleicht um drei?
In meinen schlaflosen Stunden habe ich eine Idee:
Wenn Sebastian mal wieder segeln will und es bei mir klappt, wäre ich gerne eine Woche bei Gabi. Wir könnten zusammen Rad fahren oder wellnessen…

Dienstag, 5.9.2017

Beim Frühstück unterbreite ich ihnen völlig unvermittelt und aus dem Zusammenhang gerissen bei wieder einem super starken Kaffe, der mir prima bei meiner Verdauung hilft, meinen Vorschlag: „Ich muss meinen Jahresurlaub schon Ende des Jahres planen, aber ich kann dann unter Umständen auch verschieben. Echt, ich würde sehr gerne eine Woche mit Gabi verbringen, wenn du segeln willst.“
Sebastian grinst über beide Ohren: „Wenn ich dann nicht unbedingt segeln muss…“
„Naja, du kannst meinetwegen auch SAGEN, du gehst segeln…“
Als ich erzähle, dass ich dieses Jahr noch eine Woche im Oktober und eine im November frei habe, bin ich schon eingeladen, mit nach Italien zur Olivenernte zu kommen.

Erst soll Gabi noch mit Haso, ihrem motorunterstützten Dreirad ein Stück mitkommen, so, wie sie mich gestern auch zum Strohbett begleitet hätte.
Dann entscheiden sie um und begleiten mich beide noch bis ca. 10km vor Thusis mit Pino, dem Supertandem.

Hui, das geht schnell. Und hier gibt es die ersten nennenswerten Steigungen. Ich lege mich mächtig ins Zeug. Gabi: „Mensch Kaddi, du machst das gut, du lächelst ja noch dabei.“ „Naja, um die Wahrheit zu sagen, ich schrotte mich gerade, will mir bloß vor euch die Blöße nicht geben. Puh, ich denke immer, ich hab eigentlich noch Kraft, aber ich kriege einfach keine Luft mehr. Hoffentlich ändert sich das noch in den nächsten zwei Tagen.“
„Oh,“ macht Sebastian, „das ändert sich garantiert noch. Dann hast du nämlich keine Luft mehr und auch keine Kraft…“
„Ach, was!“
Wir verabschieden uns lieb an einer Brücke. Vorher laufen wir mit Gabi in der Mitte eingehakt noch ein paar Meter. Und tauschen noch schnell unsere Telefonnummern aus.
„Da kommt die Sonne raus. Das ist aber ein schlechter Ersatz!
Sorry, ich muss stehen bleiben und winken. Ich bin einfach so.“
Sebastian und Gabi winken aber auch, bis sie hinter einer Kuppe verschwinden.

 

Die 10 km nach Thusis muss ich auf einem ebenen Wanderweg in einem Wäldchen am Rhein entlang fahren. Der fährt sich nicht so doll. Aber ich bin dennoch froh, dass ich noch nicht in die Berge muss.
Kurz vor der Stadt, noch im Wald, an einem Campingplatz mache ich Mittagsrast. Ich futtere ziemlich viel und mache dann eine Kerze auf dem Bodenseekiesel an.

Dabei sitze ich auf einem dicken geschälten Baumstamm in der Sonne. Oh, wie wohl ist mir. Vor allem, als ich den Gedanken mal erlaube, still zu sein.

Tatsächlich, schon an der nächsten Biegung fängt die Steigung an. Und, wie erwartet, mächtig.
Aber, halt, ich brauche ja noch Wasser, für die Steigung und Strom fürs Handy. Denn ich werde durch die berühmte Viamala fahren. Und es wäre doof, wenn ich da keinen Saft mehr hätte, für Fotos.
Schon 200m weiter ist ein nettes Café. Ich trinke in Ruhe trotz der eben erst gefeierten Pause eine heiße Schokolade, mache mich im Bad frisch… und dennoch habe ich erst 50% geladen. Schade, das Wifi geht nicht. Na gut, der Strom sollte reichen.
Auf geht’s!
Nach Andeen sinds bloß noch 13 km, dann bin ich ja schon nach 10 km in Zillis. Das ist ja nicht mehr viel.
Es geht gleich ordentlich steil, aber das erschreckt mich nicht. Am Straßenrand steht ein Schild: 1200m 49 m.
Ok, wenn die damit die Steigung andeuten wollen.. ich überschlage: 9km bei 600 Höhenmetern ist mächtig viel steiler!
Ich fahre durch einen Tunnel, der ist 220 m lang. Warum soll das denn gefährlich sein? Ich kann doch sicher auf dem Bordstein fahren.
Bald kommt der zweite Tunnel. 650 m. Und der Bordstein ist viel zu schmal! Ich fahre also auf der Straße und kriege Muffensausen. Darf nicht mal zu nah an die Bordsteinkante kommen, weil die teils so hoch ist, dass meine Pedale dran hängenbleiben würde. Au weia!
Schon beschlossen, dass ich meinen KletterHelm vor dem nächsten Tunnel aufziehe.
Inzwischen steige ich alle paar Meter ab, weil die Schlucht einfach so schön ist. Ich muss dauernd Fotos schießen.

Oder was trinken. Die Sonne brutzelt mittlerweile ganz schön. Oh, ich genieße die Wärme!
Die Schlucht ist eng. Die Felsen zu beiden Seiten hoch und senkrecht. Ich muss an meine Vision denken. Von dem Trichterförmigen Felskrater, in dem die Luft so opalen ist. Hier ist sie es auch. Und selbst die Felswände erinnern mich an das Bild.
Jetzt wird es noch enger. Die kleinere und die größere Straße mäandern schon seit einiger Zeit umeinander, bis die große auf der anderen Seite der Schlucht im Fels verschwindet. Dafür fahre ich nun durch Galerien, von denen es Vorhänge tropft. Ich wage mich mal wieder auf die linke Fahrbahnseite und werfe einen Blick hinunter. Oh, Gott, wie steil, wie tief! Da unten, als schmale gefährliche Schlange windet sich brodelnd der Rhein.
Ich schaue aus jedem Fenster der Galerie und schieße sinnloser Weise Fotos. Denn die halbe Schlucht ist sonnenerglüht und die andere Hälfte in tiefem schwarzem Schatten. Das schafft mein Handy nicht.
Jetzt komme ich erst zu dem richtigen Aussichtsplatz mit mehreren Brücken. Ich schaue mir jeden Winkel an, schaue von jedem Brückenabschnitt hinunter in den brodelnden Spalt.

Ich will keinen Ausblick verpassen, finde diesen Ort faszinierend. Diese bizarre Naturformation kombiniert mit wunderschöner, teils historischer Baukunst.

Aber ich bezahle nicht für den Weg nach unten. Sebastian hat mir gesagt, das kann ich mir sparen.

Es geht noch ein paar Kurven steil hinauf, hinauf…
Immer durch die felsige Schlucht. Immer die Farben grau und braun und petrolfarbenes Wasser.

Da, plötzlich weitet sich das Tal! Was für ein grün!

Hä? Ich bin schon in Zillis?
Trotz aller Trödelei ist es erst halb drei. Ich bin ziemlich verwirrt, schaue auf meine Karte. Verdammt, es stimmt!
Ok, erst mal hoch zum Bauern, einchecken, Sachen dalassen und runter an den Rhein spazieren.
Es ist ein schöner sonniger Sommertag. Also dusche ich mich erst, wasche meine paar benutzte Klamotten und hole mir in Minirock und rosa MuscleShirt in strahlender Laune ein Flusspicknick vom benachbarten Supermarkt. Gleichzeitig halte ich schon mal Ausschau nach dem Abendessen, das ich mir später besorge. Ich habe beim Bauern nämlich auch eine Küche.
Im Rhein finde ich sofort einem großen Stein. Das ist heute Nachmittag meiner!

Ich werde Kraft der Sonne zu Sit und mein Körper nimmt mühelos die für einen Menschen ungünstig geschwungene Form des Steines an, auf dem ich liegend müde und faul in tiefer Entspannung zerschmelze.
Ach! Der Fluss gurgelt so lieblich um mich herum, ich liege geschützt hinter einer dichten Reihe von Bäumen und Büschen.

Äonen später krabbelt die Sonne hinter die Baumwipfel auf der anderen Seite. Hm, ich habe nichts geschrieben, war definitiv zu faul. Ich könnte zum Dorf hochgehen und mir ein nettes noch länger sonnenbeschienenes Plätzchen suchen. Bei der kleinen romanischen Kirche ist ein Kartenverkauf-Häuschen.

Für Kirche und Heimatmuseum. Ich spreche die Dame an. Sie ist super nett und ursprünglich aus Norddeutschland. Wir quatschen eine Weile. Ins Museum mag ich aber nicht und mittlerweile ist es auch zu spät. Dennoch bekomme ich für morgen ab 9:00 eine Freikarte. „Weil wir uns so schön unterhalten haben.“
Die Dame schließt und ich schreibe noch ein wenig auf der Bank neben dem Häuschen in der Sonne. Dann wird es Zeit, noch vor Ladenschluss mein Abendbrot zu holen und zu brutzeln. Es gibt Kartoffelpuffer mit 50% heruntergesetzten Putenschnitzeln, die sich als Schweineschnitzel entpuppen. Dazu frische Tomatenschnitze mit Kräutersalz.
Nach dem Essen gehe ich zum Gartentisch hinterm Haus und treffe da den Bauern und Giovanni, seinen Knecht. Beide können mir aber keine Unterkunft in Splügen nennen. Wir versuchen es sogar mit googlen. Nichts. Am Schluss fällt mir ein, dass es ja in Splügen auch einen Campingplatz hat. Aber so recht ist es mir auf 1450 m Höhe nicht. Wird wohl kalt werden, ohne Zelt.
Giovanni meint, wenn er bis 12:00 in Splügen wär, würde er versuchen, noch den Pass zu machen.
Und der Bauer fügt an, ja, es ist echt nicht weit, bis zum Splügenpass, gerade mal gut 27 km. Ein Radfahrer neulich wäre auch von hier auf den Pass und runter nach Chiavenna.
Hallo, 1100 Höhenmeter?! Weißt du, wie fit ich bin?

Im gemütlichen Bett (MatratzenBurgLager für mich alleine) schreibe ich noch bis 21:00. Dann mag ich einfach nicht mehr. Wieder kann ich nicht einschlafen, verdammt. Aber ich habe null Schmerzen. Körperlich fühle ich mich blendend. Und seelisch auch.

Einmal über die Alpen

Sonntag, 3.9.2017

Vor ca. 12 Jahren hatte ich das schon vor: einmal mit dem Rad über die Alpen. Ich hatte schon gegoogled, einen Erfahrungsbericht von drei untrainierten Jungs gelesen. Sie hatten am Bodensee angefangen, sind den Rhein rauf, haben sich irgendwann auf Seitenwege begeben, mussten das Rad teils über Bäche tragen. Sie haben eine Woche gebraucht und am Pass im August jämmerlich gefroren, weil es Minusgrade hatte. Einer musste mit dickem Knie hoch. Und dann waren alle froh über ein paar Tage mit schönem Wetter am Comer See…

Wie gesagt, die Geschichte trage ich seit 12 Jahren mit mir rum. Denn gerade zur Zeit der Planung bekam ich Rheuma. Und bald richtig dolle.

Hast Du „Das beste kommt zum Schluss“ gesehen?

Man muss ja nicht so spät anfangen, die Dinge zu tun, die einem im Leben wichtig sind. Was steht auf deiner Liste?

Ich bin wieder relativ fit geworden. Aber ich glaube nicht daran, dass ich’s mit mir als 35jähriger nochmal aufnehmen könnte.

Aber ich hab auch schon damals einfach nur mit eigener Kraft drüber wollen. Über die Alpen.

Schieben gilt auch.

Nun hab ich da ja einen wunderbar steilen Hausberg, der es bei 6km zur Arbeit immerhin auf 100 Höhenmeter auf der Hin- und 200 auf der Rücktour bringt.

Ich bin dann gleich größenwahnsinnig geworden, als ich den zum 6. Mal innerhalb von Monaten mit dem Rad gefahren bin: ja, da kann ich auch über die Alpen!

In der letzten Woche bin ich zum Traing an drei aufeinander folgenden Tagen gefahren. Und war so geschrottet, dass meine Euphorie einen deutlichen Riss bekam.

Doch heute ist der Tag, an dem es losgeht:

Ich habe endlich wieder gut geschlafen! Eh ich’s mich versehe, ist es halb sieben und ich stehe zum ersten Mal seit wer weiß wie langer Zeit recht munter auf.
Duschen, einpacken, den ganzen Müll aus dem Haus, oh Gott, was mach ich nur mit dem vielen Essen? -Und los!
Kurz vor 8e, 8 Grad, 7 auf der Höhe. Ich fahre durch Nebelschwaden, die Sonne blinzelt als matte weiße Scheibe hindurch.
Durch neues Land in neue Zeiten!
Ich fühle mich nicht allein.
Um 10 mache ich Pause auf einem AutobahnRastplatz. Eine Dame, die auf die 80 zugeht, kommt auf mich zu. Ich freue mich über Unterhaltung. Sie fährt nach Oberstauffen zum Wandern. Und erzählt mir, dass die Berge über 2500 m schon Schneekuppen haben.

Dann Baustellen, Stau… das wird schon etwas langweilig, aber alles ok. Jetzt regnet es wie blöd.

12:00 nochmal kurz Pipirast und ich muss unbedingt gucken, wie ich in die Schweiz oder AU komme, ohne Vignette. Ah, brauch ich doch nur bei Autobahn.
Also fahre ich Lindau ab und über Stadtstraße durch Bregenz nach Hard. Leider hatte ich nicht die richtige Stelle im Navi angeklickt und so fahre ich ein bisschen sinnlos rum. Aber dadurch finde ich auch die schöne nun sonnendurchflutete Promenadenbucht und bitte einen älteren Herren auf einer Parkbank, mich zu fotografieren. Ich erkläre ihm wies geht und er erzählt mir dafür, dass ich dort auf dem kostenlosen Parkplatz mit dem Auto stehen bleiben kann. Na, da mach ich das doch auch!
Nun laufe ich zum Auto zurück, schraube mein Rad zusammen, packe alles drauf, entscheide mich, den zweiten Schlafsack doch nicht mit zu nehmen, weil ich ohne so schön alle Taschen voll habe, ohne was drauf binden zu müssen.
Ich lasse mich ein weiteres Mal fotografieren, mit dem Hinterrad im Bodensee.

Dann geht’s am Ufersaum zur Rheinmündung.

Der Damm auf beiden Seiten des Rheins ragt ewig weit mitten in den Bodensee hinein. Das hatte ich schon auf der Karte gesehen.
Verdammt, ich machs! Bis zur Spitze. Und ich will auch eine Kerze entzünden. Ja, der Ort mitten im Bodensee ist besonders schön.

Hier mischt sich das graubraune Rheinwasser mit dem klaren blaugrünen Bodensee. Am Ende der Mole stehen einige Angler. Zwei Frauen sitzen auf den Steinen und unterhalten sich ruhig. Ich spreche sie an und wir wechseln ein paar freundliche Sätze.

Als die Kerze brennt, denke ich daran, mir einen kleinen Kiesel auszusuchen, den ich mitnehme, hoch auf den Pass, zum Ursprung zurück.
Sehr zufrieden mache ich mich nun endgültig auf den Weg. Es ist schon nach 15:00. Ich muss einige Male fragen. Auch an der Grenze in St. Margarethen, wo mich der zweite befragte Mann in die Irre geführt hat.
Am end hätte ich einfach am Rhein fahren können. Bis Kriessern. Dort frage ich nach einem Geldautomaten und nach dem Weg zum Steigmatt. Hier bekomme ich klare und richtige Auskunft. Huch, ich musste nichtmal über eine offizielle Grenze.
Martin und Sonja sind nett. Ich bekomme mein wunderschönes aber zugiges Strohlager gezeigt.

Aber zutraulich sind sie nicht gerade. Auch nicht die beiden VogelFotografen mit RiesenOjektiven.
Dennoch, als ich schon denke, der Alfafotograf hätte sich endgültig distanziert, kam der doch auf mich zu und zeigt mir eine Aufnahme. Als sie gehen, verabschieden Sie sich mit lieben Wünschen.
Sind hier ein wenig anders. Aber gut.

Es gibt beim SteigmattBauern auch einen Streichelzoo. Darf man aber nicht streicheln, weil sie auch Kängurus haben.